{"id":992827,"date":"2026-05-04T03:41:17","date_gmt":"2026-05-04T03:41:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/992827\/"},"modified":"2026-05-04T03:41:17","modified_gmt":"2026-05-04T03:41:17","slug":"stadtflucht-kolumne-wie-waere-es-mit-einem-flaechendeckenden-alkoholverbot-fuer-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/992827\/","title":{"rendered":"Stadtflucht-Kolumne: Wie w\u00e4re es mit einem fl\u00e4chendeckenden Alkoholverbot f\u00fcr Berlin?"},"content":{"rendered":"<p data-tts-first-paragraph=\"\" class=\"rich-text expressive-copy-lg-body my-6\">Es war am 1. Mai morgens in einem Backshop im <a href=\"https:\/\/www.morgenpost.de\/berlin\/article411722392\/angriff-mit-akku-bohrschrauber-am-ostkreuz-polizei-sucht-zeugen.html\" data-category-full-path=\"https:\/\/www.morgenpost.de\/berlin\/\" data-paid-status=\"free\" data-article-publish-date=\"1776252125\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Bahnhof Ostkreuz<\/a>. Eigentlich wollte ich nur kurz Br\u00f6tchen holen, doch als ich im Laden stand, war klar: Das w\u00fcrde dauern. Die Kassiererin war in ein w\u00fctendes Wortgefecht mit einem schrankgro\u00dfen Mann verwickelt. Der war augenscheinlich sowohl angetrunken als auch aggressiv. <\/p>\n<p class=\"rich-text expressive-copy-lg-body my-6\">Worum es ging, verstand ich nicht. Die junge Frau an der Kasse bat den Mann, das Gesch\u00e4ft zu verlassen. Er br\u00fcllte \u201eNein!\u201c, und knallte sein Handy auf den Tresen. Sie nahm es, hielt es ihm hin, wiederholte die Bitte.  Er lallte etwas von \u201ein Ruhe fr\u00fchst\u00fccken\u201c und blieb. \u201eSie wollen doch keinen \u00c4rger mit den Sicherheitsleuten\u201c, versuchte sie ihn zu \u00fcberzeugen, halb besorgt, halb f\u00fcrsorglich. Er widersprach: \u201eDoch! Ich will \u00c4rger!\u201c<\/p>\n<p class=\"rich-text expressive-copy-lg-body my-6\">Niemand lachte. Es war ernst gemeint. Inzwischen stauten sich die Kunden. \u201eGeht das schneller, mein Zug f\u00e4hrt gleich!\u201c, meckerte der Mann vor mir. Auch meine Bahn sollte in wenigen Minuten abfahren. Schlie\u00dflich eilte ein Security-Mann von hinten durch den Laden. Bevor ich aufatmen konnte, baute sich der Betrunkene vor ihm auf: \u201eWas, det soll euer Sicherheitspersonal sein, so\u2018n kleener Piepel?\u201c Die Verk\u00e4uferin wiederholte stoisch die Bitte, das Gesch\u00e4ft zu verlassen. Was der Mann schlie\u00dflich tat.<\/p>\n<p>  Menschen, die nicht wissen, wo sie sonst hinsollen<\/p>\n<p class=\"rich-text expressive-copy-lg-body my-6\">Als ich aus dem Laden kam, war der Betrunkene von Sicherheitsleuten und Polizei umringt. \u201eGehen Sie hier weg, bitte\u201c, forderte ihn einer der Uniformierten auf. Der Kerl nickte ergeben. Offenbar halfen die Uniformen. \u201eUnd nehmen Sie Ihre Sachen mit!\u201c Mein Blick fiel auf zwei armselige schwarze M\u00fclls\u00e4cke. Jemand warf das Handy des Mannes darauf. Vielleicht war er obdachlos, \u00fcberlegte ich. Oder er hatte die Nacht in einer Ausn\u00fcchterungszelle verbracht. Wer wei\u00df.<\/p>\n<p class=\"rich-text expressive-copy-lg-body my-6\">Warum erz\u00e4hle ich Ihnen das? <a href=\"https:\/\/cue.funke.cue.cloud\/cue-web\/#\/main?uri=https:%2F%2Fcue.funke.cue.cloud%2Fwebservice%2Fescenic%2Fcontainer%2F5a8066c1-43b2-11f1-b8f7-d716e28a7067&amp;mimetype=x-ece%2Fcontainer&amp;extra=%7B%22package%22:%22608ef9f1-13d5-41f3-a5c1-69212db34050%22%7D\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Seit dem 1. Mai hat die Deutsche Bahn an zwei Bahnh\u00f6fen in Berlin ein Alkoholverbot erlassen<\/a>. Nicht am Ostkreuz, aber am Ostbahnhof, der nicht weit entfernt liegt, und am Bahnhof Zoo. Es hie\u00df, man wolle so f\u00fcr mehr Ordnung in den Bahnh\u00f6fen sorgen. Gemeint ist aber wohl vor allem die sogenannte Trinkerszene, zu der wohl auch der Mann im Backshop geh\u00f6rte. Schwierige Menschen jedenfalls, die sich in oder vor Bahnh\u00f6fen aufhalten, vielleicht, weil sie nicht wissen, wo sie sonst hinsollen. Und die gerade in Berlin leider viel \u00c4rger verursachen. <\/p>\n<p class=\"rich-text expressive-copy-lg-body my-6\">Tats\u00e4chlich sind sowohl Zoo wie Ostbahnhof Schwerpunkte dieser Szene. Rundherum arbeiten hier aber auch zahlreiche Hilfsorganisationen wie Caritas, Stadtmission und Gebewo. In den Bahnhofsmissionen k\u00f6nnen sich Menschen zeitweise aufhalten, sie bekommen zu essen und zu trinken, Kleider, eine Dusche, \u00e4rztliche Versorgung f\u00fcr Nichtversicherte. 2024 wurden im Ostbahnhof sogar \u201eBahnhofsl\u00e4ufer\u201c zur Konfliktvermeidung getestet, nach dem Vorbild des G\u00f6rlitzer Parks. <\/p>\n<p>            <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/241918052_1710783016_v16_9_1200.jpeg\" class=\"relative z-10 block w-full object-cover aspect-[4\/3]\" alt=\"Die Bahnhofsl\u00e4ufer Papus Sow (l.) und Ruben Grimm im Gespr\u00e4ch mit zwei obdachlosen Menschen am Ostbahnhof in Berlin.\" title=\"Die Bahnhofsl\u00e4ufer Papus Sow (l.) und Ruben Grimm im Gespr\u00e4ch mit zwei obdachlosen Menschen am Ostbahnhof in Berlin.\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p>  Pauschales Verbot l\u00f6st soziale Problemlagen nicht<\/p>\n<p class=\"rich-text expressive-copy-lg-body my-6\">Vor allem aber gibt es hier Ehrenamtliche und Sozialarbeiter, die im besten Falle jene Fragen stellen, die sich am Ostkreuz an jenem Morgen alle tunlichst verkniffen: Was im Leben des w\u00fctenden Mannes eigentlich vorgefallen war. Und wie man ihm vielleicht helfen k\u00f6nne.<\/p>\n<p class=\"rich-text expressive-copy-lg-body my-6\"><strong>Die Kolumne \u201eStadtflucht\u201c:<\/strong> <a href=\"https:\/\/www.morgenpost.de\/blogs-kolumnen\/stadtflucht\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Hier schreibt Morgenpost-Redakteurin Uta Keseling \u00fcber die Merkw\u00fcrdigkeiten des Alltags in Berlin und manchmal auch auf dem Land<\/a>.<\/p>\n<p class=\"rich-text expressive-copy-lg-body my-6\">Es ist richtig, dass nun Caritas und andere Wohlfahrtsverb\u00e4nde warnen: Auch wenn man das Anliegen verstehe, Bahnh\u00f6fe sicher und sauber zu halten, l\u00f6se ein pauschales Verbot soziale Problemlagen nicht. Sondern verdr\u00e4nge sie nur. Zum Beispiel an Orte, wo es keine Hilfsangebote gibt\u00a0\u2013 wie etwa das Ostkreuz.<\/p>\n<p class=\"rich-text expressive-copy-lg-body my-6\">Denn \u00e4hnliche \u201eSzenen\u201c wie am Zoo und Ostbahnhof gibt es in Berlin immer mehr. Vom S-Bahnhof Rathaus Steglitz \u00fcber den Bahnhof Spandau, den Leopoldplatz in Wedding und die Bahnh\u00f6fe Gesundbrunnen und Lichtenberg nimmt das sichtbare Elend zu. Wie soll man das l\u00f6sen? Mit einem fl\u00e4chendeckenden Alkoholverbot\u00a0\u2013 ausgerechnet in Berlin, der Hauptstadt des Wegebiers und der Riesenpartys, wie man gerade erst wieder am 1. Mai gesehen hat? Wohl kaum. <\/p>\n<p>            <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/411808273_1777034637_v16_9_1200.jpeg\" class=\"relative z-10 block w-full object-cover aspect-[4\/3]\" alt=\"Berlin-Touristen sammeln M\u00fcll bei Stadtf\u00fchrung\" title=\"Schon 2019 gab es diese Aktion: Touristen und Touristenf\u00fchrer sammelten bei einer Stadttour mit M\u00fcllsammeln im M\u00fcll.\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p class=\"rich-text expressive-copy-lg-body my-6\">Vielleicht w\u00e4re ein Anfang die Erkenntnis, dass vor allem mehr Hilfen n\u00f6tig sind f\u00fcr Menschen mit Suchterkrankungen, psychischen Problemen und ohne Wohnung. Ich wei\u00df, dass die Deutsche Bahn einige dieser Einrichtungen seit Langem unterst\u00fctzt. Eigentlich wissen aber auch alle, dass das nicht reichen wird. Insofern wundere ich mich \u00fcber \u00f6ffentlichkeitswirksame Verbote, ohne zugleich die Ursachen des wachsenden Elends wenigstens anzusprechen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es war am 1. Mai morgens in einem Backshop im Bahnhof Ostkreuz. 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