{"id":995540,"date":"2026-05-05T06:03:28","date_gmt":"2026-05-05T06:03:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/995540\/"},"modified":"2026-05-05T06:03:28","modified_gmt":"2026-05-05T06:03:28","slug":"interview-zu-erkenntnissen-aus-den-kriegschroniken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/995540\/","title":{"rendered":"Interview zu Erkenntnissen aus den Kriegschroniken"},"content":{"rendered":"<p>                <img decoding=\"async\" alt=\"Dr. Claudius Kienzle, Leiter des Evangelischen Archivs Baden und W\u00fcrttemberg\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/csm_Dr._Claudius_Kienzle_Pressebild_ddd22ba61c.webp\" width=\"375\" height=\"501\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p>                            Dr. Claudius Kienzle, Leiter des Evangelischen Archivs Baden und W\u00fcrttemberg<\/p>\n<p><strong>Gab es einen Bericht aus den Kriegschroniken, der Ihnen pers\u00f6nlich oder im Team besonders in Erinnerung geblieben ist?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dr. Claudius Kienzle: <\/strong>Da ist eine Geschichte aus Brettheim. Hier war es nicht m\u00f6glich, die Kapitulation friedlich zu organisieren. Die nahenden amerikanischen Truppen vor Augen, pl\u00e4dierten die meisten Volksturmangeh\u00f6rigen daf\u00fcr, den Ort nicht zu verteidigen. Stattdessen wurden aus einem Nachbarort mit Panzerf\u00e4usten bewaffnete Hitlerjungen in Brettheim abgestellt. Mehrere Brettheimer B\u00fcrger wollten eine Zerst\u00f6rung des Ortes verhindern, entwaffneten die Hitlerjungen kurzerhand und machten die Waffen unbrauchbar. Die Folge war, dass die SS am n\u00e4chsten Tag den Anf\u00fchrer der Widerst\u00e4ndigen zum Verh\u00f6r abf\u00fchrte und \u2013 ebenso wie den B\u00fcrgermeister und NS-Ortsgruppenleiter, die sich f\u00fcr ihren Mitb\u00fcrger eingesetzt hatten \u2013 \u00f6ffentlich h\u00e4ngten. Doch dabei blieb es nicht. Die Leichen mussten vier Tage h\u00e4ngen bleiben. Am Ende res\u00fcmierte der entsetzte Pfarrer Issler \u201eLeider \u2013 so ist man versucht zu sagen \u2013 sind die Amerikaner 10 Tage zu sp\u00e4t einger\u00fcckt; zu uns w\u00e4ren sie wirklich als Befreier gekommen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Was unterscheidet die Kriegschroniken von anderen historischen Dokumenten aus dieser Zeit?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dr. Kienzle: <\/strong>Kriegschroniken sind keine Beh\u00f6rdendokumente. Sie sind also in lebendiger Sprache verfasst. Gleichwohl ist der Begriff \u201eChronik\u201c irref\u00fchrend. Es geht nicht um eine historiografisch eindeutige Darstellung des Gewesenen. Die Position des Schreibenden \u2013 in der Regel des Pfarrers \u2013 bleibt als subjektive Stimme erkennbar. Sie spiegeln unterschiedliche Narrative wider. Nationale \u2013 etwa wenn etwa der Durchzug der geschlagenen Truppen geschildert wird; NS-kritische \u2013 etwa wenn im Nachhinein die NS-Verstrickungen der Dorfgesellschaft aufgedeckt werden; Rechtfertigende \u2013 etwa wenn diese Verstrickungen besch\u00f6nigt werden; Rassistische \u2013 etwa wenn der Einzug der marokkanischen Soldaten entsprechend geschildert wird; Abgrenzende \u2013 etwa wenn auf die Ankunft von Fl\u00fcchtlingen und Vertriebenen Bezug genommen wird, Erleichternde \u2013 wenn das Ende des Krieges positiv konnotiert wurde. Wichtig ist, dass es keine spontanen Schilderungen sind, sondern dass die Berichte auf ausdr\u00fcckliche Aufforderung der Kirchenleitung verfasst wurden. Auch war ein Muster vorgegeben, wor\u00fcber die Pfarrer berichten sollten.<\/p>\n<p><strong>Wie zuverl\u00e4ssig sind solche Aufzeichnungen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dr. Kienzle: <\/strong>Die Berichte wurden mit zeitlichem Abstand geschrieben. Manche schon 1947 manche auch erst Mitte der 1950er Jahre. Mitunter wurden sie von Pfarrern geschrieben, die bei Kriegsende gar nicht vor Ort waren. Gleichwohl haben sie eine hohe Aussagekraft. Ereignisse insbesondere beim Kriegsende werden verdichtet beschrieben, Deutungen sind in der Regel klar als solche erkennbar. Wenn man den Schilderungen zu der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg folgt und dem, was oft etwas undifferenziert \u201eZeit des Kirchenkampfs\u201c bezeichnet wurde, so muss man etwas kritischer feststellen, dass hier oft die Erz\u00e4hlung der \u201eIntaktheit\u201c der kirchlichen Milieus, die sich in der Nachkriegszeit schnell in der w\u00fcrttembergischen Landeskirche festsetzte, aufgegriffen wurde.<\/p>\n<p><strong>Welche Perspektiven kommen in diesen Chroniken besonders stark vor \u2013 und welche fehlen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dr. Kienzle: <\/strong>Viele Chroniken konzentrieren sich auf die Ereignisse der unmittelbaren Einnahme der D\u00f6rfer durch alliierte Soldaten. Nicht immer verlief diese gewaltfrei. Die Pfarrer nahmen dabei die seelsorgerliche Perspektive ein, die nahe bei ihren Kirchengemeindegliedern war. Zugleich wird oftmals auch der Pfarrer als Vertreter einer intakten und auf den ersten Blick nicht korrumpierten Institution thematisiert. Als einer, der die Kapitulation organisierte oder sich daran beteiligte, sinnlose Verteidigungsk\u00e4mpfe zu verhindern. Es gibt auch Pfarrer, die nicht nur den Einmarsch der fremden Soldaten oder die Fliegerangriffe im Krieg schildern. Diese Berichte erstrecken sich auf die gesamte NS-Zeit und thematisieren dann auch lokale Konflikte zwischen Kirche, Partei und Staat. H\u00e4ufig sind Auflistungen der im Krieg get\u00f6teten Ortsbewohner zu finden.<\/p>\n<p><strong>Was k\u00f6nnen heutige Generationen aus Kriegschroniken lernen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dr. Kienzle: <\/strong>Kurz gesagt, dass Krieg ein schmutziges Gesch\u00e4ft ist. Dass Leid und Zerst\u00f6rung, Gewalt und Hunger die Folgen sind. Lernen kann man auch, wie ideologische Verblendung den gesellschaftlichen Zusammenhalt gef\u00e4hrdet. Dass dort, wo der Respekt vor anderen Menschen verloren geht, eine Enthemmtheit bei der Gewaltanwendung jeglicher Art die Folge ist. Sei es bei Vergewaltigungen, Pl\u00fcnderungen oder der Bek\u00e4mpfung derer, die anderer Meinung sind. Was die Kriegschroniken dabei so eindr\u00fccklich macht. Jeder kann sehen, dass es im eigenen Dorf und in der eigenen Kirchengemeinde geschehen ist, geschehen kann. Das mag alles 80 Jahre her sein, aber durch diese lokale Verkn\u00fcpfung ist es vielleicht realer als ein Fernsehbericht aus der Ukraine oder dem Nahen Osten. Lernen kann man aber auch, dass mutiges Eintreten f\u00fcr eine menschliche Gesellschaft, f\u00fcr einen Pragmatismus der Vernunft, f\u00fcr das, was wir heute zivilgesellschaftliche Verantwortung nennen, Wirkung zeigen kann.<\/p>\n<p><strong>Wurden oder werden die Kriegschroniken wissenschaftlich ausgewertet?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dr. Kienzle: <\/strong>Seit der Online-Stellung ist uns kein Projekt bekannt geworden, in dem die universit\u00e4re Wissenschaft eine systematische Auswertung betreibt. Die Berichte werden aber regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr ortskirchengeschichtliche und heimatkundliche Beitr\u00e4ge verwendet. Sie eignen sich auch f\u00fcr Erz\u00e4hlcaf\u00e9s der kirchengemeindlichen Seniorenarbeit. Direkt erinnert wird die Kriegszeit bei den wenigsten noch m\u00f6glich sein. Und wenn, dann bleibt da die kindliche Perspektive. Aber man kann ja abgleichen zwischen dem, was in der Gemeinde \u00fcber die Jahre erz\u00e4hlt wurde, und dem, was der Pfarrer zu Papier gebracht hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Dr. Claudius Kienzle, Leiter des Evangelischen Archivs Baden und W\u00fcrttemberg Gab es einen Bericht aus den Kriegschroniken, der&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":995541,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1830],"tags":[1634,3364,29,30,1441],"class_list":{"0":"post-995540","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-stuttgart","8":"tag-baden-wuerttemberg","9":"tag-de","10":"tag-deutschland","11":"tag-germany","12":"tag-stuttgart"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/116520460481097696","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/995540","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=995540"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/995540\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/995541"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=995540"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=995540"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=995540"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}