{"id":995977,"date":"2026-05-05T10:09:18","date_gmt":"2026-05-05T10:09:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/995977\/"},"modified":"2026-05-05T10:09:18","modified_gmt":"2026-05-05T10:09:18","slug":"nachbarschaft-in-stuttgart-streit-unter-nachbarn-eskaliert-wegen-muell-wir-waren-immer-an-allem-schuld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/995977\/","title":{"rendered":"Nachbarschaft in Stuttgart: Streit unter Nachbarn eskaliert wegen M\u00fcll \u2013 \u201eWir waren immer an allem schuld\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Ein Paar aus Stuttgart wird von Nachbarn diskriminiert. Ob aus rassistischen Gr\u00fcnden, wegen des Zauns oder L\u00e4rms: Zoff unter Nachbarn kennen 55 Prozent laut einer Studie selbst.<\/p>\n<p>Ugur (38) aus Istanbul und Dafni (33) aus Athen, die ihren vollen Namen nicht ver\u00f6ffentlichen wollen, wohnten von Mitte 2020 bis vor Kurzem in einer Wohnung in <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Stuttgart\" title=\"Stuttgart\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Stuttgart<\/a>-Degerloch. Doch bereits am ersten Tag habe sich angedeutet, was folgen sollte: Bei der Vorstellung bei den <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Nachbarn\" title=\"Nachbarn\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Nachbarn<\/a> sei von so manchem eine freundliche Reaktion ausgeblieben. \u201eMan konnte schon damals sehen, dass wir nicht willkommen waren\u201c, sagt Ugur.<\/p>\n<p>Wenige Wochen sp\u00e4ter sei die Situation wegen des M\u00fclls eskaliert, den vermutlich ein Tier aus den Tonnen geholt hatte. \u201eAls Erste waren wir die Verd\u00e4chtigen \u2013 zum einen, weil wir neu waren, und zum anderen, weil wir Ausl\u00e4nder sind\u201c, meint Ugur. Eine Nachbarin habe ihm eine Brosch\u00fcre der Abfallwirtschaft Stuttgart vorbeigebracht \u2013 mit der Aufforderung, zu lernen, wie man in Deutschland M\u00fcll trennt. Dabei hat Dafni Umweltwissenschaften studiert.<\/p>\n<p>Streit in Stuttgart \u2013 \u201eWir waren immer schuld\u201c <\/p>\n<p>Es folgten weitere Beschwerden: Der naturnahe Garten des Paares sei als \u201eDschungel\u201c bezeichnet worden, obwohl andere Nachbarn ihn wohl lobten. Ein Nachbar habe monatelang Bauarbeiten im Garten direkt vor ihrer Wohnung ausgef\u00fchrt, was die Heimarbeit des Paares massiv st\u00f6rte. Auch nach den abgeschlossenen Arbeiten sei er noch ungefragt in ihren Garten gekommen. Als Ugur ihn schlie\u00dflich gebeten habe, ihren Garten nicht zu betreten, habe der Nachbar die Situation umgedreht: \u201eWovor haben Sie Angst?\u201c, habe er gefragt.<\/p>\n<p>\u201eEs sind <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/inhalt.rassismus-vorwurf-mieter-klagen-wegen-diskriminierung-eine-toxische-umgebung-fuer-unseren-sohn.f4d2cce1-061a-41a7-a53f-09f205c60e81.html\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">nicht diese krassen, rassistischen Aussagen<\/a>, die man erwartet, aber es gab ein Muster. Wir waren immer schuld an allem\u201c, sagt Dafni. Das Paar war das einzige im Haus, das nicht in Deutschland geboren wurde. Ihr Vermieter, mit dem sie eine gute Beziehung pflegen, habe sie unterst\u00fctzt: Er brachte die Vorf\u00e4lle in der Eigent\u00fcmerversammlung zur Sprache und schloss rassistische Motive nicht aus. Doch das habe nichts ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Eine Analyse der Berliner Fachstelle gegen Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt, Fair mieten \u2013 Fair wohnen, aus dem Jahr 2021 zeigt, dass Diskriminierung durch Nachbarinnen oder Nachbarn h\u00e4ufig vorkommt: Bei 23 Prozent der Beratungsanfragen, die die Fachstelle in den letzten vier Jahren erreichten, wurden Nachbarn und Nachbarinnen als Verursachende der Diskriminierung benannt. <\/p>\n<p>Kein Vertragsverh\u00e4ltnis unter Nachbarn <\/p>\n<p>Bei Konflikten und Diskriminierungssituationen unter Nachbarn wirkt der Diskriminierungsschutz des deutschen Antidiskriminierungsgesetzes (AGG), der Benachteiligungen aus Gr\u00fcnden der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identit\u00e4t bei der Wohnungssuche und im bestehenden Mietverh\u00e4ltnis verhindern soll, nicht. Denn zwischen Nachbarn besteht kein Vertragsverh\u00e4ltnis. F\u00fcr eine au\u00dfergerichtliche Streitschlichtungen bei rassistischen Vorf\u00e4llen unter Nachbarn in Baden-W\u00fcrttemberg gibt es jedoch verschiedene Anlaufstellen, etwa die Antidiskriminierungsstelle des Landes Baden-W\u00fcrttemberg.<\/p>\n<p>  <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/media.media.faa454a1-e1ba-4811-b8fb-9944fa7f4c25.original1024.media.jpeg\"\/>     Es gibt viele Gr\u00fcnde f\u00fcr Nachbarschaftsstreitigkeiten.    Foto: picture alliance\/dpa\/dpa-infografik GmbH    <\/p>\n<p>Doch Nachbarschaftsstreits haben freilich nicht nur rassistische Gr\u00fcnde \u2013 und sie kommen h\u00e4ufig vor. Das geht aus einer aktuellen Studie der Allianz Direct Versicherung hervor. F\u00fcr diese wurden bundesweit 1500 Menschen gefragt, ob und warum sie schon mal in einem <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Nachbarschaftsstreit\" title=\"Nachbarschaftsstreit\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Nachbarschaftsstreit<\/a> waren. <\/p>\n<p> Mehr als 50 Prozent hatten schon Nachbarschaftsstreit <\/p>\n<p>Das Ergebnis: Mit rund 54 Prozent haben sich mehr als die H\u00e4lfte aller Menschen in Deutschland bereits mindestens einmal mit einem ihrer Nachbarn gestritten. In Baden-W\u00fcrttemberg sind es laut der Studie 55,5 Prozent. Damit rangiert der S\u00fcdwesten im bundesweiten Vergleich auf Platz sieben. Zu den Hauptgr\u00fcnden z\u00e4hlen L\u00e4rm, \u00fcberwachsene B\u00e4ume und Hecken sowie Grundst\u00fccksgrenzen und Z\u00e4une, das Parken, Renovierungen oder ungepflegte G\u00e4rten.<\/p>\n<p>Solche Nachbarschaftsstreitigkeiten landen h\u00e4ufig vor Gericht. Doch oft geht es gar nicht um die Hecke oder den Gartenzaun, sondern um tiefer liegende Konflikte. Das sagt der <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Richter\" title=\"Richter\" class=\"art_thema\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Richter<\/a> Klaus Hinrichs, Leiter der Zivilabteilung am Amtsgericht Stuttgart.<\/p>\n<p> Das sagt ein Stuttgarter Richter <\/p>\n<p>\u201eUnsere Aufgabe ist es, erst mal herauszufinden, worum die eigentlich streiten\u201c, erkl\u00e4rt Hinrichs. H\u00e4ufig verberge sich hinter vermeintlich einfachen Grenzstreitigkeiten ein l\u00e4ngerer Konflikt. Die L\u00f6sung k\u00f6nne zwar nach dem Nachbarrechtsgesetz Baden-W\u00fcrttemberg erfolgen, das klare Regelungen zu Heckenh\u00f6hen und Abstandsfl\u00e4chen enth\u00e4lt. \u201eManchmal findet man aber eine L\u00f6sung, die so nicht im Gesetz steht, aber sehr viel tragf\u00e4higer ist.\u201c<\/p>\n<p>Als Beispiel nennt der Richter zwei Nachbarn, die ihre Grundst\u00fccke geerbt hatten und sich nach Jahren guter Nachbarschaft \u00fcber Kleinigkeiten zerstritten. \u201eNach zwei Stunden Gespr\u00e4ch sind sie rausgegangen und haben gesagt: Das haben wir jetzt gekl\u00e4rt\u201c, sagt Hinrichs. \u201eDa ist man manchmal eher ein bisschen Therapeut als Richter.\u201c<\/p>\n<p>Fr\u00fcher war in Baden-W\u00fcrttemberg bei Nachbarschaftsstreitigkeiten ein obligatorisches Schlichtungsverfahren vorgeschaltet. Diese Regelung, die 2000 in Kraft trat, wurde 2013 jedoch aufgehoben. \u201eDer Gesetzgeber hatte urspr\u00fcnglich gehofft, den B\u00fcrgern ein kosteng\u00fcnstigeres und effizienteres Verfahren zur Konfliktl\u00f6sung anzubieten, um die erstinstanzlichen Gerichte zu entlasten. Diese Hoffnung erf\u00fcllte sich jedoch nicht\u201c, sagt Jenna Krause, Sprecherin des Justizministeriums. <\/p>\n<p> Mehr Frieden durch Schlichtung? <\/p>\n<p>Die damaligen statistischen Zahlen h\u00e4tten gezeigt, dass das Schlichtungsverfahren weder von den B\u00fcrgern noch von der Anwaltschaft angenommen wurde, auch Jahre nach seinem Inkrafttreten. Die Gerichte seien kaum entlastet worden. \u201eEs stellte sich heraus, dass die Chancen f\u00fcr eine erfolgreiche au\u00dfergerichtliche Streitbeilegung viel h\u00f6her sind, wenn sich die Parteien freiwillig daf\u00fcr entscheiden\u201c, sagt Krause.<\/p>\n<p>Auch heute noch steht es den B\u00fcrgern offen, ein Schlichtungsverfahren in Anspruch zu nehmen. \u201eIn vielen F\u00e4llen kann eine freiwillige au\u00dfergerichtliche Konfliktbeilegung sinnvoll und zielf\u00fchrend sein. Sie kann mehr Frieden schaffen als ein Gerichtsverfahren, Konflikte umfassender l\u00f6sen, Geheimnisse bewahren und Zeit sowie Geld sparen. Eine solche L\u00f6sung kann f\u00fcr alle Beteiligten von Vorteil sein, wenn sie freiwillig erfolgt\u201c, sagt Krause. <\/p>\n<p> Nachbarrecht findet der Stuttgarter Richter spannend <\/p>\n<p>Hinrichs nennt noch einen weiteren Unterschied: bei der Schlichtung fehlt der Entscheidungsdruck. \u201eWenn sich die Streitparteien nicht einigen k\u00f6nnen, dann gibt es irgendwann ein Urteil\u201c, sagt der Richter. Dieser Druck k\u00f6nne einerseits hilfreich sein, erschwere andererseits aber das freie Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p>\u201eNachbarrecht ist immer menschlich ganz spannend\u201c, sagt Hinrichs. \u201eUnd h\u00e4ufig gelingt es, die Leute auf einen guten Weg zu bringen. Auch wir Richter versuchen zu schlichten.\u201c Dafni und Ugur sind diesen Weg nicht gegangen. Die st\u00e4ndige Beobachtung, die Beschwerden und Konfrontationen wurden f\u00fcr sie schlie\u00dflich unertr\u00e4glich. Das Paar zog nach Stuttgart-Ost um. \u201eWir haben verstanden, dass wir dort nicht erw\u00fcnscht waren\u201c, sagt Ugur. <\/p>\n<p> Info <\/p>\n<p class=\"infobox\"> <strong>Au\u00dfergerichtliche Streitschlichtung<\/strong><br \/>Im Rahmen des Justizportals Baden-W\u00fcrttemberg informiert das Ministerium der Justiz und f\u00fcr Migration umfassend \u00fcber die M\u00f6glichkeiten der au\u00dfergerichtlichen Streitschlichtung. Die B\u00fcrger k\u00f6nnen sich auf dieser Homepage sowohl \u00fcber die Vorteile des Schlichtungsverfahrens als auch \u00fcber das Prozedere informieren. In Stuttgart sind in diesem Bereich mehrere Rechtsanw\u00e4ltinnen und Rechtsanw\u00e4lte t\u00e4tig (Bereich Zivilrecht), die sich dem Justizportal auch namentlich und mit Adresse entnehmen lassen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein Paar aus Stuttgart wird von Nachbarn diskriminiert. 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