{"id":998477,"date":"2026-05-06T10:54:27","date_gmt":"2026-05-06T10:54:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/998477\/"},"modified":"2026-05-06T10:54:27","modified_gmt":"2026-05-06T10:54:27","slug":"get-into-the-groove-am-ballett-kiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/998477\/","title":{"rendered":"\u201eGet into the Groove\u201c am Ballett Kiel"},"content":{"rendered":"<p>Abstrakter Tanz oder lieber ein bisschen mit Handlung. Das Ballett des Theater Kiel l\u00e4sst nicht lange w\u00e4hlen, sondern bringt einfach beides in einer Double Bill zusammen. \u201eGet into the Groove\u201c hei\u00dft der dortige Doppelabend, der mit Kevin O\u2019Days \u201eRiffdrift\u201c er\u00f6ffnet und mit \u201ePerfect Scent\u201c von Amilcar Moret Gonzalez schlie\u00dft.<\/p>\n<p><strong>Abstrakter Start<\/strong><\/p>\n<p>O\u2019Day, der selbst bei Forsythe getanzt hat und 14 Jahre lang die Tanzsparte am Nationaltheater Mannheim geleitet hat, setzt ganz auf eine abstrakte Formenlehre, die von der Musik von Bryce Dessner vorangetrieben wird. Das Gimimani Quartett intoniert diese meist repetitiven musikalischen Muster in sehr treibenden Streichern, die auf der B\u00fchne meist in Duetten oder Trios umgesetzt werden. Die M\u00e4nner tanzen mit nacktem Oberk\u00f6rper, die Frauen in flatterndem blauem Tuch mit Kost\u00fcmen von Angelo Alberto. Zusammen produzieren sie Szenen zwischen N\u00e4he und Distanz mit sch\u00f6nen Hebefiguren und meist Bewegungen auf halber Spitze. Pomp\u00f6s wird es, als die M\u00e4nner alle zusammen in einem Kreis eine Art Kraftritual zelebrieren und dabei zu einem gro\u00dfen Haufen werden, wie bei einem M\u00e4nner-Sacre.<\/p>\n<p>Nicht immer wirkt der Tanz auf der B\u00fchne minuti\u00f6s, wenn die Paare etwa synchron tanzen, doch O\u2019Day spielt auch ganz bewusst mit Asynchronit\u00e4ten. So spulen sich die Duette, Trios und Soli ab, mal in kraftvollen Spr\u00fcngen, mal in schmiegsamem Gleiten, doch all das Geheimnisvolle, all das R\u00e4tselhafte l\u00f6st sich gegen Ende nicht ein. Stattdessen stehen all die Einzelnummern unverbunden, nebeneinander, ohne dass ein Rahmen oder eine gemeinsame Idee jenseits der Musik sie fassen kann. Hier ist nichts mehr als die Summe seiner Teile und schlussendlich nicht viel mehr als eine Schau von getanzten Exerzitien. Der Groove fehlt einfach.<\/p>\n<p><strong>Das Gute tanzt mit dem B\u00f6sen<\/strong><\/p>\n<p>Wie kommt Amilcar Moret Gonzalez in den Groove? Er ist Ballettmeister in Kiel, hat bei John Neumeier getanzt, und hier bereits 2022 einen \u201eOthello 2.0\u201c inszeniert. Wohlbekannt ist in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt auch Vitalii Kyianytsia, Repetitor des Balletts, der nicht nur das Streichquartett mit dem Klavier begleitet, sondern zudem die Musik zum zweiten Teil komponiert hat. Es ist seine erste Komposition f\u00fcr Ballett, die er zudem mit St\u00fccken von Hans Zimmer aus \u201eDas Parf\u00fcm\u201c angereichert hat. Seine Komposition dringt aus dem Graben wie ein Film-Soundtrack mit einem geh\u00f6rigen Schuss Yann Thiersen. Entsprechend setzt Gonzalez in \u201ePerfect Scent\u201c auf die gro\u00dfen Bilder. Ganz zu Beginn schwebt Vitalii Netruneko als wei\u00dfgewandeter Engel \u00fcber ein rotes Meer auf die B\u00fchne, dazu wandeln die T\u00e4nzerinnen mit gro\u00dfen wei\u00dfen Leuchten umher.<\/p>\n<p>Es geht um den ewigen Kampf des Guten gegen das B\u00f6se, Himmel gegen Teufel. Im B\u00fchnenhintergrund erscheinen mal gro\u00dfe Holzt\u00fcren, mal zeichnet sich durch den Hintergrundstoff ein gro\u00dfes, schreiendes Gesicht ab. Ein antikes Sofa wird aufgefahren, ein Sekret\u00e4r, gar eine Badewanne \u2013 alles sehr Retro. Im Kern stehen drei Szenen mit Madrina Kadyurkova, Gulzira Zhantemir und Virginia Tomarchio. Sie werden in den jeweiligen Momenten von den D\u00e4monen bedr\u00e4ngt, mit dem Ziel, sie in den Selbstmord zu treiben, sei es durch Ertrinken, durch einen Strick, der aus dem Schn\u00fcrboden f\u00e4llt oder durch \u00d6ffnen der Pulsadern. Das sind rasante Szenen mit gro\u00dfen Spr\u00fcngen und voller Emotionen, in die dann immer der Engel hereinplatzt, um die bedr\u00e4ngten Frauen zu retten.<\/p>\n<p>Das sind alles gro\u00dfe, wuchtige Nummern, w\u00e4hrend Netruneko danach mit seiner jeweiligen Herzdame in sanfter Ersch\u00f6pfung in den Sonnenuntergang gleitet. Ob eine solche Ritterrettungsnummer den Erz\u00e4hlweisen und Selbstbildern des 21. Jahrhunderts gerecht wird, darf hier zurecht bezweifelt werden. Inhaltlich ist das eine alte, durchaus fragw\u00fcrdige Kamelle. Emotional aber kommt der Abend gut \u00fcber die Rampe, auch wenn sicher hier und da die Kitschgrenze schon mal \u00fcberschritten wird.\u00a0<\/p>\n<p>Im Kontrast zum aseptischen \u201eRiffdrift\u201c wirkt \u201ePerfect Scent\u201c noch einmal st\u00e4rker, als er es vielleicht alleine t\u00e4te. Und der Groove? Es hat auf jeden Fall einen sch\u00f6nen Flow, aber das eckige, was ja das Groovige ausmacht, das fehlt hier.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Abstrakter Tanz oder lieber ein bisschen mit Handlung. 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