
Die digitale Infrastruktur in Europa ist abhängig von den USA. Das soll sich in politisch unsicheren Zeiten ändern – etwa mit einer „souveränen Cloud“, deren Zentrale in Brandenburg gebaut wird. Doch dahinter steht ein Ableger eines US-Konzerns.
Die Unabhängigkeit von den USA wird auch in Brandenburg verteidigt. So ungefähr könnte die Überschrift über der Veranstaltung im Potsdamer Hasso-Plattner-Institut lauten. In dem ostdeutschen Flächenland sollen die ersten Rechenzentren einer unabhängigen Cloud („Wolke“) entstehen: riesige elektronische Speicheranlagen, auf denen Software und Daten gelagert werden.
Die „European Sovereign Cloud“ soll von Europäern, für Europäer und in Europa errichtet werden. Ein Zugriff, oder gar ein Abschalten des Systems durch die USA soll ausgeschlossen sein. Das ist das Ziel des Projekts. In den kommenden Jahren sind zwei neue Rechenzentren in Brandenburg dafür geplant.
Rückgrat der Wirtschaft
Kaum ein mittleres oder großes Unternehmen kommt mittlerweile noch ohne Cloud-Computing aus. Das Thema „digitale Souveränität“ hat besonders an Bedeutung gewonnen, seit Donald Trump Präsident der USA ist. Konflikte zwischen Europa und Amerika gibt es mehr als genug. Und das Vertrauen, das sich der Partner jenseits des Atlantik stets kooperativ zeigt, ist gesunken.
Zur Präsentation der Cloud ist auch der Bundesdigitalminister gekommen. Karsten Wildberger (CDU) spricht vom Rückgrat der modernen Wirtschaft, lobt die Investition am Standort. Deutschlands Rolle als Standort für digitale Infrastruktur in Europa werde gestärkt.
Bei Clouds handelt es sich im Grunde um digitale Plattformen, auf denen Unternehmen ihre Produkte speichern können. Auch Daten von Kunden werden hier gelagert. Sollte eine Cloud abgeschaltet werden, drohen riesige wirtschaftliche Verluste, Stillstand in der Produktion, der Verlust von Aufträgen. Kurzum: Clouds sind kritische Infrastruktur.
Kritische Infrastruktur
Um diese zu schützen, will Europa eigenständig werden von den großen Anbietern, die meist in den Vereinigten Staaten oder China beheimatet sind. Das Projekt in Brandenburg ist ein erster großer Schritt. So zumindest beschreiben es Befürworter.
Kritiker aber weisen darauf hin, wer die Cloud betreibt: AWS, Amazon Web Services – eine Tochter des US-Technologiekonzerns. Dennoch soll die Cloud unabhängig von den USA betrieben werden. Einflussnahme oder Spionage von Seiten Washingtons sei ausgeschlossen, heißt es von den Betreibern.
Mustafa Isik, zuständig für „Digitale Souveränität“ bei AWS, betont, dass die Cloud in allen maßgeblichen Parametern unabhängig von den USA sei. Die Kritik, dass ausgerechnet eine Amazon-Tochter die – souveräne – europäische Cloud betreiben soll, kontert er so: „Es gibt keinen Souveränitätsstandard in dem Sinne.“
Keine komplette Souveränität möglich?
Vielmehr gebe es gute Argumente dafür, dass die Cloud halte, was sie verspreche. So stünden die Server in Europa. Die Kontrolle über die Anlagen sei in der Hand europäischer Mitarbeiter. Die Aufsichtsbehörden seien europäisch und vertraglich sei die Unabhängigkeit der Anlage festgeschrieben. Isik sagt: „Es gibt keine kritischen Abhängigkeiten der European Sovereign Cloud zu Dingen, zu Personal außerhalb der Europäischen Union.“
Viele Experten sagen, die Cloud mache durchaus Sinn, wenn Europa unabhängiger werden wolle. Aber eine echte Souveränität sei momentan für die EU schlicht nicht realistisch. Dennis-Kenji Kipker vom Cyber Intelligence Institute in Frankfurt am Main etwa sagt: „Es wird uns in der Europäischen Union nicht möglich sein, 100-prozentige Digital-Souveränität herzustellen.“
Zu groß sei der technologische und wirtschaftliche Vorsprung der Tech-Giganten aus den USA. Cloud Computing sei ein Markt, der unter Anbietern in Amerika und Fernost aufgeteilt sei. Europa hinke hinterher. „Das haben wir eben 20 Jahre lang bislang verschlafen“, sagt Kipker.
Mehr ist gerade nicht drin
Der Branchenverband der digitalen Wirtschaft, Bitkom, sieht die neue Lösung dennoch weitgehend positiv. AWS, das auch Mitglied bei Bitkom ist, biete eine praktikable Lösung. Zwar biete die Cloud keine völlige Unabhängigkeit von den USA, analysiert Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer von Bitkom, „aber es gibt ein Mehr an Sicherheit, ein Mehr an Datenschutz und ein Mehr an digitaler Souveränität“.
Noch mehr sei momentan kaum drin. Die deutsche Wirtschaft sei auf die Produkte nicht-deutscher IT-Unternehmen angewiesen. Laut einer Umfrage unter seinen Mitgliedsunternehmen sieht die Mehrheit der Unternehmen hierzulande eine Abhängigkeit vom Ausland.
Und der Abstand etwa zu den USA sei gigantisch. Rohleder macht das an einem Beispiel fest: „Die zehn größten Rechenzentren der USA haben eine Rechenleistung wie alle 40.000 Rechenzentren Deutschlands zusammen.“
Eines aber ist die Errichtung der European Sovereign Cloud in jedem Fall: eine große Investition in den Standort. AWS plant, in den nächsten Jahren 7,8 Milliarden Euro in das Projekt zu stecken.
Mit Material von Ronja Bachofer (rbb), Juliane Kowollik (rbb) und Markus Woller (rbb).
