Europa nach Orbán ist ein glückliches Europa. Aber was macht die EU aus diesem Glück? Merz, Macron, Tusk und Meloni könnten einen historischen Augenblick verpassen.

In dieser Woche treffen sich die Staats- und Regierungschefs der EU in Zypern. Viktor Orbán hat seine Teilnahme abgesagt, obwohl er noch bis Anfang Mai im Amt ist. 16 Jahre war er dabei, so lange wie einst Angela Merkel. Als die ehemalige Bundeskanzlerin verabschiedet wurde, bescheinigten die Kollegen ihr, ein EU-Gipfel ohne Merkel sei wie Rom ohne den Vatikan oder Paris ohne den Eiffelturm. „Wir werden deine Weisheit vermissen“, rief ihr der Ratspräsident nach.

Niemand vermisst Orbán. Eine EU ohne Orbán ist wie ein Orchester, in dem alle dieselbe Sinfonie spielen. Der Ungar war eine Zumutung, er hat schon vor Jahren die innere Kündigung aus dieser Gemeinschaft eingereicht. Mit Trump, Putin und Erdoğan fühlte er sich unter seinesgleichen, nicht mit Merz, Macron und Tusk, nicht einmal mit Meloni. Indem Orbán sich seinem letzten EU-Gipfel entzieht, erspart er sich einen Abschied in Schande.

Die EU kann ihr Glück kaum fassen, aber was macht sie daraus? Orbán hat eine umfassende Finanzhilfe für die Ukraine blockiert: 90 Milliarden Euro, die Kiews Verteidigungsfähigkeit auf Jahre hinaus stützen. Ein weiteres Sanktionspaket gegen Putin konnte wegen seines Vetos nicht in Kraft treten. Demnächst wird für beide Entscheidungen der Weg frei sein. Mag sein, dass der Slowake Robert Fico, von dem Orbán sich diese Woche vertreten lässt, noch einmal in seinem Sinn agiert; es wäre das letzte Mal. Danach kommt der Wahlsieger Péter Magyar. Er wird schon bald mit fast 20 Milliarden Euro aus Brüssel rechnen können, die in dem verbissenen diplomatischen Kleinkrieg Orbáns gegen Europa (und umgekehrt) zurückgehalten wurden. Für ein kleines Land wie Ungarn ist das eine riesengroße Summe.

Es ist gut, dass die Bremsen, die das europäische Rad blockiert haben, gelöst werden. Das sind aber nur schnelle Gewinne der Wahl, die kann man im Vorbeigehen mitnehmen. Die EU muss mehr bewegen, vor allem muss sie ihre zähen Entscheidungsprozesse reformieren. Jetzt, nicht irgendwann. Im Prinzip ist das einfach, die Mitglieder des Vereins ändern die Satzung und fassen künftig Beschlüsse mit Mehrheit, wo bisher Einstimmigkeit vorgeschrieben ist. Einfach ist das allerdings nur im Prinzip, nicht in der Praxis.

Nehmen wir die Außen- und Sicherheitspolitik, also ein Feld, auf dem Orbán seine Veto-Macht ausgespielt hat. Nichts spricht dagegen, über Ukraine-Hilfen und Russland-Sanktionen mit qualifizierter Mehrheit (das ist ein EU-typisch kompliziertes Zählverfahren) zu entscheiden. Auch ein Kooperationsabkommen mit Guinea-Bissau kann so verabschiedet werden oder eine neue Visaregelung mit der Republik Palau.