
AUDIO: ESC-Boykottaufruf gegen Israel: Was Antisemitismusforscher sagen (4 Min)
Stand: 11.05.2026 12:22 Uhr
Der 70. Eurovision Song Contest in Wien wird von Boykottaufrufen gegen Israel überschattet. Fünf Länder zogen sich zurück, über 1.100 Künstler fordern Israels Ausschluss – doch Antisemitismusforscher sehen darin ein problematisches Muster.
Mehr als 1.100 Musikerinnen und Musiker haben einen offenen Brief der Kampagne „No Music For Genocide“ unterzeichnet. Darunter nicht nur Künstler wie Pink-Floyd-Mitgründer Roger Waters oder der US-Rapper Macklemore, denen selbst Antisemitismus vorgeworfen wird, sondern auch britische Bands wie Massive Attack und Hot Chip, die isländische Rockband Sigur Rós oder Ex-Genesis-Frontmann Peter Gabriel. Sie fordern den Ausschluss des israelischen öffentlich-rechtlichen Senders KAN vom ESC.
Boykott-Kampagne: „Massaker vom 7. Oktober kein Thema“
In dem Aufruf heißt es, man erlebe zum dritten Mal in Folge, wie Israel beim ESC auf der Bühne gefeiert werde, obwohl es „seinen Völkermord in Gaza“ fortsetze. Gleichzeitig bliebe Russland wegen seines Angriffskriegs weiterhin ausgeschlossen. Die Unterzeichner werfen der Europäischen Rundfunkunion „Doppelstandards“ vor.

Europäischer Musikwettbewerb
Israel darf im kommenden Jahr am Eurovision Song Contest in Wien teilnehmen, wie die Europäische Rundfunkunion mitteilte. Als Reaktion sagten mehrere Länder prompt ihre Teilnahme ab – darunter Spanien und die Niederlande.
Kritik an Israel und auch am ESC sei legitim – doch Boykottaufrufe gegen Israel sehen Antisemitismusforscher kritisch. „Israel wird als übermächtiger Aggressor dargestellt“, sagt Niklas Herrberg von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. „Der reale Anlass, also das Massaker vom 7. Oktober, das zum Krieg geführt hat, ist dabei kein Thema. Vielmehr wird Israel von vornherein als der eigentlich Schuldige ausgemacht, den man jetzt legitimerweise boykottieren kann.“
Terror-Überlebende Yuval Raphael: Ausgebuht und ausgepfiffen
Was das konkret für israelische Künstler bedeutet, zeigen die letzten ESC-Jahre. 2024 in Malmö bekam die israelische Sängerin Eden Golan Morddrohungen. Im vergangenen Jahr in Basel nahm Yuval Raphael teil. Sie ist eine Überlebende des Terrorangriffs der Hamas am 7. Oktober 2023, bei dem rund 1.200 Menschen ermordet und mehr als 250 als Geiseln nach Gaza verschleppt wurden. Doch während ihrer Proben auf dem ESC wurde Raphael ausgebuht und ausgepfiffen. Am Ende kam sie auf den zweiten Platz.
Warum gibt es so viel Polarisierung gegen Israel, gerade beim ESC? Damit beschäftigt sich auch die Politikwissenschaftlerin Maria Kanitz. Sie analysiert antisemitische Ideologien im Musik- und Kulturbetrieb und sagt zu dem Auftritt von Yuval Raphael: „Es wurde Israel Vereinnahmung vorgeworfen, da eine Überlebende des Nova-Festival-Massakers ins Rennen geschickt wurde.“ Dabei würde unterstellt, dass Israel eine Künstlerin beim ESC eingeschleust habe nur mit dem Ziel, durch Emotionalisierung die öffentliche Meinung zu beeinflussen. „Dabei hat Raphael in einem Auswahlverfahren gewonnen, also in einem Casting.“
„Es wird mit zweierlei Maß gemessen, sobald es um Juden geht“
2022, nach dem russischen Überfall, gewann die Ukraine dank Publikumsvoting. Das wurde als Zeichen der Solidarität gewertet. 2025, nach dem zweiten Platz für Yuval Raphael, gab es Vorwürfe, Israel habe die Zuschauerabstimmung manipuliert – was dementiert wurde. Politikwissenschaftlerin Kanitz findet: „Bereits an dem Beispiel kann man sehen, dass da mit zweierlei Maß gemessen wird, sobald es um Juden geht.“
Dieses Jahr tritt der 27-jährige Künstler Noam Bettan für Israel an. Auch diesmal werden antisemitische Übergriffe befürchtet. Seine Hoteladresse in Wien wird geheim gehalten; er steht unter Personenschutz.
„Man zwingt Künstler, sich öffentlich gegen Israel zu positionieren“
Wie aber lässt sich erklären, dass nun auch noch 1.100 Künstler einen Boykottaufruf gegen Israel unterzeichnen? Antisemitismusforscher Herrberg sieht darin ein wiederkehrendes Muster: Auf Künstlerinnen und Künstler werde massiver Druck ausgeübt, sich gegen Israel zu positionieren: „Künstler*innen wird ein Bekenntniszwang auferlegt. Man zwingt sie, sich öffentlich gegen Israel zu positionieren. Andernfalls werden Konsequenzen angedroht. Das ist eine wiederkehrende Figur, die sich durchzieht.“

Bei seinem Auftritt warf der US-Rapper Israel erneut Völkermord vor. Kritik kam vom niedersächsischen Antisemitismus-Beauftragten Wegner.
Sein Kollege, der Musikwissenschaftler Elias Berner von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, beobachtet: Die Komplexität des Konflikts spiele in den Boykottaufrufen der Kampagne „No Music For Genocide“ keine Rolle: „Dieses Weglassen von Informationen oder das schnelle Verwenden von Begriffen wie ‚Genozid‘, ohne in die Detailtiefe des Konflikts zu gehen, ist eine wunderbare Projektionsfläche. Man verbessert das Weltgeschehen, indem man Israel boykottiert.“
Berechtigte Kritik an israelischer Regierung oder Antisemitismus?
Doch wo genau verläuft die Grenze zwischen berechtigter Kritik an der israelischen Regierung und Antisemitismus beim ESC? Für Maria Kanitz liegen die Dinge klar: „Natürlich darf man die israelische Politik kritisieren. Das darf man auch bei sämtlichen anderen Staaten machen. Problematisch wird es eben nur, wenn bestimmte Dinge vorgeworfen werden, wie dass Israel ein ‚Apartheidsstaat‘ sei. Und ob da ein Genozid stattgefunden hat oder nicht, das entscheiden Gerichtshöfe.“
Denn am Ende stellt sich die Frage, wem diese Boykotte eigentlich nützen. Niklas Herrberg meint: „Es wäre schon viel getan, wenn Empathie und Solidarität nicht gruppenexklusiv gedacht wird. Wenn pro-palästinensisch sein nur noch heißt, anti-israelisch zu sein, dann ist keinem geholfen.“

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