Experten sind sich sicher: Zahlreiche Anschläge auf israelische und US‑amerikanische Einrichtungen in europäischen Städten – darunter London, Amsterdam, Paris, Antwerpen und möglicherweise auch München – tragen die Handschrift einer neuen pro-iranischen Terrororganisation namens Hayi. Der Name ist Abkürzung für „Harakat Ashab al-Yamin al-Islamia“ und bedeutet auf Deutsch so viel wie „Islamische Bewegung der Leute der rechten Hand“.

Die Gruppe, die seit Anfang März eine Reihe von Brandanschlägen und Messerangriffen vor allem in Großbritannien und den Benelux-Staaten für sich beansprucht, wird auch von deutschen Sicherheitsbehörden mit Sorge beobachtet. Möglicherweise steht die Gruppierung auch hinter dem Anschlag auf das israelische Restaurant „Eclipse“ in München vom 10. April. Unbekannte beschädigten mit Pyrotechnik die Fenster des Restaurants. Verletzt wurde niemand. Wenige Tage nach der Tat reklamierte Hayi die Tat in einem Bekennervideo für sich.

Jugendliche und Heranwachsende im Visier von HAYI

Journalistinnen von „CNN“ haben in einer aufwendigen Recherche nachgezeichnet, wie die Gruppierung Aktivisten in Europas Metropolen rekrutiert, die mutmaßlich im Namen von Hayi Brandanschläge auf Synagogen, Schulen und sonstige Einrichtungen verüben oder gar zu Messerangriffen bereit sind. Das US-Nachrichtenportal will herausgefunden haben, dass die vermutlich von den Iranischen Revolutionsgarden (IRGC) gelenkte und mit einer irakischen Miliz verbündete Organisation über soziale Medien – vornehmlich den verschlüsselten Telegram-Kanal – Unterstützer anwirbt.

ARCHIV - 21.09.2024, Iran, Teheran: Kadetten der iranischen Revolutionsgarden marschieren während einer jährlichen Militärparade anlässlich des Jahrestages des Kriegsbeginns des ehemaligen irakischen Diktators Saddam Hussein gegen den Iran vor 44 Jahren vor dem Schrein des verstorbenen Revolutionsgründers Ajatollah Chomeini in der Nähe von Teheran. (zu dpa: «Irans Revolutionsgarden fordern Wachsamkeit trotz Feuerpause») Foto: Vahid Salemi/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Kadetten der iranischen Revolutionsgarden während eines Aufmarsches 2024 in Teheran.

© dpa/Vahid Salemi

Demnach stieß CNN auf einen Telegram-Kanal, in dem offen für eine Mitarbeit für den iranischen Geheimdienst geworben worden sein soll. Die Journalistinnen ließen sich auf einen Austausch mit unbekannten Nutzern in dem Kanal ein. Diese haben gemäß der Recherche unverblümt zu verstehen gegeben, dass sie auf der Suche nach jemandem seien, „der israelischen Interessen und Personen schaden“ könne. In einem anderen Telegram-Kanal wurden Aktivisten gegen Bezahlung gesucht, die in Londons Straßen Plakate anbringen sollten, um Stimmung gegen den US-israelischen Krieg gegen den Iran zu erzeugen.

Man hat es hier mit einem möglichen Modell zu tun, bei dem ganz oben die IRGC oder mit der IRGC verbundene Organisationen stehen.

Roger Macmillan, Sicherheitsexperte

Diese Aktivität ist nach Einschätzung von Geheimdiensten nur wenige Klicks von weit gravierenderen Aufträgen entfernt, bei denen zu Gewalt gegen Menschen aufgerufen wird. Der selbe Telegram-Nutzer mit dem Namen „VIPEmployment“ soll auch israelische Staatsangehörige zu Spionagezwecken für den Iran angeworben haben. Einem Reservisten der Israelischen Streitkräfte (IDF) wurden demnach 33.000 Dollar angeboten, wenn er seinen Kommandanten ermorde. Der IDF-Angehörige ist auf das Angebot nicht eingegangen.

17-Jähriger wegen Vorbereitung von Sprengstoffanschlag festgenommen

Wegen der mutmaßlichen Vorbereitung eines Bombenanschlags haben Spezialkräfte der Polizei in Hamburg einen 17-Jährigen festgenommen. Der Jugendliche habe für seine Attacke Ziele wie ein Einkaufszentrum oder eine Polizeiwache ins Auge gefasst, teilte die Generalstaatsanwaltschaft der Hansestadt am Montag mit. Zu dem Anschlagsplan inspiriert wurde der Jugendliche demnach durch die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft beschaffte sich der bereits am Donnerstag festgenommene Verdächtige unter anderem bereits Dünger zur Vorbereitung. Als Alternative zu einem Bombenanschlag zog er demnach den Einsatz von Molotowcocktails als Brandsatz sowie eine Tatausführung mit einem Messer in Erwägung. Neben Universaldünger wurden bei einer Durchsuchung bei ihm laut Ermittlern auch flüssiger Grillanzünder, ein Messer und eine Sturmhaube gefunden. Der Verdächtige ist demnach Syrer. (AFP)

„Man hat es hier mit einem möglichen Modell zu tun, bei dem ganz oben die IRGC oder mit der IRGC verbundene Organisationen stehen“, zitiert „CNN“ den Londoner Sicherheitsexperten Roger Macmillan. Er verweist auf die unterschiedlichen Strukturen und Ebenen in der Gruppierung. Jene, vorwiegend Jugendliche oder junge Heranwachsende, die für in Aussicht gestellte Bezahlung zu Aktivitäten gegen jüdische Einrichtungen im Namen des Iran schritten, gehörten zu den „Ungelernten, die angeheuerten Schläger“.

Sie benutzen dich einmal und werfen dich dann weg, ohne nur ein zweites Mal an dich zu denken.

Matt Jukes, Polizeichef London, über diejenigen, die in Europa Jugendliche zu Terrorzwecken anwerben

In London standen Anfang Mai vier Verdächtige vor Gericht, denen vorgeworfen wird, im Namen der iranischen Terrorgruppierung Anschläge auf Krankenwagen des jüdischen Sozialdienstes in London verübt und Brandsätze vor Synagogen gezündet zu haben. Die vier Männer sind zwischen 17 und 20 Jahre alt und britische Staatsbürger mit pakistanischen Wurzeln, wie die FAZ kürzlich berichtete. Dass HAYI vor allem Jugendliche und junge Erwachsene aus sozial benachteiligten Gesellschaftsschichten im Visier bei der Rekrutierung habe, sei ein Muster, vermutet der Londoner Polizeichef Matt Jukes. „Die Leute glauben, sie könnten auf diese Weise schnelles Geld machen“, wird Matt zitiert. Von den Auftraggebern könnten diese keine Unterstützung erwarten. Diese „benutzen dich einmal und werfen dich dann weg, ohne nur ein zweites Mal an dich zu denken.“

ROTTERDAM - The police have arrested four suspects for the arson and explosion at a synagogue in Rotterdam. One suspect is a minor 17, one is 18 and two are 19 years old. They are from Tilburg. ROBIN UTRECHT /ANP netherlands out - belgium out PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xx x553545924x originalFilename: 553545924.jpg Brandanschlag auf eine Synagoge in Rotterdam im März. Die Polizei hat Verdächtige im Alter von 17, 18 und 19 Jahren festgenommen.

© Imago/ANP/Robin Utrecht

Einer der Jugendlichen, der in London vor Gericht stand und sich schuldig bekannte, einen Brandanschlag auf eine Londoner Synagoge verübt zu haben, betonte vor Gericht, er habe bei der Tatausübung keine Ahnung gehabt, dass es sich um eine Synagoge handle. Er hege „keinen Hass gegenüber dem jüdischen Volk“. Die Terrorexpertin von der Londoner Polizei, Vicki Evans, hält solche Aussagen nicht per se für unglaubwürdig, wie sie „CNN“ gegenüber sagte: „Personen, die diese Straftaten begehen, fühlen sich oft nicht mit der Sache verbunden und lassen sich für ihre Taten schnelles Geld zahlen.“

Die iranische Botschaft in London bestritt jegliche Verbindungen zu den durch HAYI reklamierten Anschlägen in London.

Die Aussicht auf gute Bezahlung, etwa in Kryptowährung, ist für viele verlockend genug.

Wie dem auch sei: Das Bundesamt für Verfassungsschutz warnt vor Anschlägen auch in Deutschland durch mit dem Iran verbündete Organisationen. Der Dienst verweist auf eine Ankündigung von HAYI, „sich nunmehr nicht mehr nur auf ‚einfache‘ Angriffe zu beschränken, sondern langfristig auch gefährlichere Tatmittel einzubeziehen.“

Ralph Thiele

Ralph Thiele ist Militärexperte bei der Politisch-Militärischen Gesellschaft (pmg) in Berlin
sowie in der Deutschen Atlantischen Gesellschaft.

Eine Einschätzung, die auch der Militärexperte Ralph Thiele teilt – ohne auf die Aktivitäten von HAYI direkt einzugehen. „Je schneller es den USA und Israel gelingt, den Iran militärisch in die Knie zu zwingen, desto weniger wird sich der Konflikt virologisch in der Welt ausbreiten können“, sagte Thiele bereits unmittelbar nach Kriegsausbruch Ende Februar im Gespräch mit dem Tagesspiegel. „Je länger der Krieg dauert, umso mehr Fanatisierte werden sich weltweit finden, die für ihren Kampf für das Regime zu allem bereit sind“, warnte er weiter.

Thiele sieht auch Deutschland im Visier fanatisierter Regime-Anhänger. Der Nährboden für den Iran, mögliche Attentäter in Deutschland zu rekrutieren, sei groß. „Die Solidarität mit der Hamas nach dem 7. Oktober 2023 hat gezeigt, dass es auch bei uns ein ausreichend großes Potenzial an militanten Anhängern des Iran gibt.“ Über die sozialen Netzwerke sei es heute vergleichsweise leicht für ausländische Terrororganisationen, Aktivisten auch hierzulande für eigene Zwecke zu gewinnen.

Das müssten nicht per se fanatisierte Antisemiten oder US-Hasser sein, betont Thiele und spricht von „Wegwerfagenten“, um die sich der ausländische Dienst nach einer begangenen Tat nicht weiter kümmerte. „Die Aussicht auf gute Bezahlung, etwa in Kryptowährung, ist für viele verlockend genug.“

Durch das in Aussicht gestellte deutsche Engagement zur Absicherung der Straße von Hormus nach einem Kriegsende verschärfe die Bedrohungslage für Deutschland zusätzlich, warnt der Militärexperte im Gespräch mit dem Tagesspiegel weiter. Dabei seien sogenannte „weiche Ziele“ in Deutschland besonders gefährdet, sagt Thiele.

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Er verweist auf Veranstaltungen im öffentlichen Raum, an denen viele Menschen zusammenkommen und die ins Visier von Terroristen geraten könnten, auch über Drohnenattacken – darunter Fußballspiele, Konzerte oder Discotheken.