Boykotte statt Geburtstagsparty: Der Eurovision Song Contest (ESC) würde am liebsten unaufgeregt seinen runden Geburtstag in Wien feiern. Der europaweite Gesangswettbewerb geht in seine 70. Ausgabe, doch in den Schlagzeilen dominiert gerade das Politische. Spanien, Irland, Slowenien, die Niederlande und Island boykottieren den diesjährigen Wettbewerb wegen der Teilnahme Israels. Nimmt der Wettbewerb, der eigentlich Menschen aus unterschiedlichen Ländern friedlich für eine große Party zusammenbringen will, dadurch irreparablen Schaden?
Nein, ist alles nicht so schlimm – oder besser – es ist alles so wie all die Jahre zuvor, findet der Historiker Dean Vuletic aus Luxemburg. Er hat als Wissenschaftler das Buch „Postwar Europe and the Eurovision Song Contest“ geschrieben und verfolgt Jahr für Jahr den Wettbewerb. Er sagt: „Der Eurovision Song Contest hat immer schon die Politik der jeweiligen Zeit gespiegelt.“ Das würde auch den Reiz dieses Wettbewerbs ausmachen, weshalb ihn so viele Menschen gerne schauen. Das heißt, der Boykott der fünf Länder in diesem Jahr trifft den Wettbewerb zwar, aber nicht ins Mark. Es gab zuvor auch schon politische Krisen, die sich im Wettbewerb gespiegelt haben und die überwunden worden sind. „Ich bin überzeugt, dass der ESC auch das überleben wird.“
Fünf Länder boykottieren den Eurovision Song Contest 2026 wegen Israel
Streitpunkt der fünf boykottierenden Länder war die Teilnahme Israels am Wettbewerb. Ausgetragen wurde die Diskussion dann innerhalb der European Broadcasting Union (EBU), einem Zusammenschluss von über 100 öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten aus mehr als 50 Ländern. Vuletic weist darauf hin, dass man immer bedenken solle, dass die EBU keine politische Organisation sei. Die Konflikte werden von der Politik in die EBU hineingetragen. „Wenn wir dort, in der Politik, einen breiten Konsens darüber sehen, Maßnahmen gegen Israel zu ergreifen, dann könnten wir einen großflächigen Boykott oder sogar einen Ausschluss Israels erleben.“ Genau darin liege auch der Unterschied zum Umgang mit Russland. „Die europäischen Staaten haben in einem breiten Konsens 2022 Sanktionen gegenüber Russland verhängt.“ Eine Folge davon war im Anschluss auch, dass die EBU Russland vom Eurovision Song Contest ausschloss.
Auch dass die Regeln in diesem geändert werden, ordnet Vuletic in die Rubrik „weniger dramatsich“ ein. „Sie wurden immer wieder verändert, um auf Anliegen der Mitglieder zu reagieren“, sagt er. Deshalb ändert die EBU nun, dass die Halbfinals komplett durch das Televoting entschieden werden. „Aufgrund der israelischen Kampagne zur Mobilisierung von Stimmen im vergangenen Jahr wurde jetzt das Jury-Voting in den Halbfinals wieder eingeführt“, sagt er. Außerdem sind die Maximalstimmen im Televoting begrenzt worden. Pro Kanal können nur noch zehn statt wie bisher 20 Stimmen abgegeben werden.
ESC-Fans reisen trotz Boykottaufrufen nach Wien
Vuletic sieht, dass der Wettbewerb schon einmal mehr teilnehmende Länder hatte. Das Maximum seien 43 Länder im Jahr 2018 gewesen. Jetzt würden 37 einen eigenen Wettbewerbsbeitrag zum ESC schicken. „Das ist die niedrigste Teilnehmerzahl seit 2003“, sagt Vuletic. Doch im Verhältnis zu den Anfängen sind 37 nicht wenig. 1956 beim ersten ESC im Teatro Kursaal in Lugano beteiligten sich sieben Länder. Walter Andreas Schwarz trat damals für Deutschland mit „Im Wartesaal zum großen Glück“ an. Als zehn Jahre später Udo Jürgens mit „Merci, Cheríe“ erstmals den ESC für Österreich entschied, musste er sich schon gegen 17 weitere Konkurrenten durchsetzen. Aus dieser Perspektive heraus seien 37 Länder immer noch eine große Anzahl an Ländern.
Und ob die Proteste gegen die Teilnahme Israels den ESC-Wettbewerb überschatten werden? Die Eröffnungszeremonie am Sonntag auf dem Rathausplatz in Wien sei sehr entspannt und sehr lebendig gewesen, berichtet Vuletic, der selbst vor Ort war. „Die Sicherheitskontrollen waren nicht besonders hoch.“ Natürlich habe es Extra-Schutz für die israelische Delegation gegeben, doch als er den israelischen Sänger Noam Bettan zufällig am Samstagabend in der Stadt getroffen habe, sei ihm das Sicherheitspersonal erst gar nicht aufgefallen. Für Vuletics Begriffe bewegt sich der Eurovision Song Contest gerade wieder darauf zu, als Großveranstaltung das Niveau der Vor-Corona-Zeit zu erreichen, vor allem was die zusätzlichen Events drumherum angehe. Was ihm außerdem aufgefallen ist: Dass Fans aus den boykottierenden Ländern nach Wien gekommen sind. Das zeige, dass sie den ESC lieben, trotz der politischen Diskussionen um den Wettbewerb.