Einfach in den Urlaub mit dem Zug von Berlin nach Amsterdam oder von Wien nach Antwerpen? Wer Bahnreisen durch die Nachbarländer plant, gerät buchstäblich schnell an seine oder besser europäische Grenzen. Denn in der EU werden Strecken auf der Schiene bis heute oft nur bis zur nächsten Grenze gedacht. Für Verbraucher bedeutet der Flickenteppich mehr Aufwand, Nerven und Geld.

„Die Realität ist: Man braucht drei Apps, fünf Tabs und vielleicht ein Stoßgebet vor dem Schlafengehen“, sagte die österreichische EU-Abgeordnete Lena Schilling von den Grünen. Nicht nur müssen sich Reisende durch unterschiedliche nationale Systeme je nach Land kämpfen und Tickets für verschiedene Züge einzeln buchen. Falls ein Passagier in Frankfurt seinen ICE-Anschluss nach Paris wegen einer Verspätung verpasst, darf er nicht in den nächsten TGV einsteigen. Hinzu kommt, dass Studien zufolge rund die Hälfte der Flugrouten mit dem Zug nicht einmal zu machen sind, wie es vonseiten der Grünen im EU-Parlament hieß. Es herrscht Chaos. Und mit dem möchte die EU nun zumindest in Teilen aufräumen.

Besserer Schutz vor Verspätungen bei internationalen Reisen

Internationale Bahnreisen sollen in der EU einfacher werden. Kunden sollen dafür Tickets für zusammenhängende Verbindungen mehrerer Verkehrsunternehmen auf Plattformen kaufen können und dadurch bei Verspätungen und Zugausfällen besser geschützt sein, wie aus einem Vorschlag der EU-Kommission hervorgeht.

Im Zentrum des Vorschlags steht die sogenannte Single-Ticketing-Regulierung, ganz nach dem Motto: ein Klick, eine Fahrkarte, eine ununterbrochene Reise. Mit dem neuen System will Brüssel den nationalen Gesellschaften vorschreiben, dass sie auch Tickets der Konkurrenz mitverkaufen müssen. Konkret heißt das etwa für die Bundesrepublik, dass die Deutsche Bahn auch Karten von Flixtrain anbieten muss. Das soll in den 27 Mitgliedstaaten den Wettbewerb auf der Schiene stärken.

„Der Vorschlag hat die Chance, verkrustete Strukturen aufzubrechen“

Während es hier erst einmal um den heimischen Markt geht, schwebt der Kommission darüber hinaus vor, dass Verbraucher künftig im Internet problemlos grenzüberschreitende Fahrkarten erstehen können. In der Praxis würde das heißen, dass unabhängige Online-Reisebüros und Vermittler Tickets aller Bahnanbieter verkaufen können, egal ob mehrere Gesellschaften aus Deutschland, Frankreich, Polen oder Italien beteiligt sind.

Reisende können dann ein Ticket kaufen und quer durch Europa tingeln. Heute verbietet die Deutsche Bahn den Vertrieb ihrer Tickets über andere Plattformen oder erlaubt diesen lediglich mit hohen Gebühren. Der FDP-Europaparlamentarier Jan-Christoph Oetjen hofft, mit den Plänen „das Ende der Bahnmonopole“ einzuleiten und damit für die Passagiere „mehr Angebote, besseren Service und niedrigere Preise“ zu erreichen. „Der Vorschlag hat die Chance, verkrustete Strukturen aufzubrechen und damit Europa besser zu verbinden“, so der Liberale.

„Betreiber müssen verpflichtet werden, ihre Daten mit Wettbewerbern zu teilen“

Dabei forderte der Volt-Europaabgeordnete Kai Tegethoff einen „umfassendem Fahrgastschutz von Anfang bis Ende“. Hinter den Kulissen war zu vernehmen, dass die EU-Kommission die Anbieter deutlich stärker in die Pflicht nehmen will. Falls etwa ein Passagier von Hamburg nach Brüssel fahren will und in Köln umsteigen muss, dort aber seinen ICE verpasst, dann soll er auch den Eurostar nehmen dürfen – ohne Zusatzkosten oder anschließenden Ärger. Vielmehr wäre die Deutsche Bahn verpflichtet, die Fahrgäste weiterzutransportieren, auch wenn ein anderer Anbieter den Zug bis zum Ziel stellt.

„Betreiber müssen verpflichtet werden, ihre Daten mit Wettbewerbern zu teilen, damit Reisende Informationen nicht mühsam zusammensuchen müssen“, verlangte Tegethoff. „Ein einfacher, transparenter Buchungsprozess ergibt nur Sinn, wenn die Verantwortung nicht an der Grenze endet“, sagte auch die Grüne Schilling und forderte, „nationale Zersplitterung“ zu überwinden und den Binnenmarkt im Schienenverkehr zu vollenden. Dabei wären weiterhin nicht alle Hürden verschwunden, wie Kritiker regelmäßig anführen. Obwohl die EU gerne von Harmonisierung träumt, im Bahnverkehr macht fast jeder Mitgliedstaat sein eigenes Ding. Es fehlt an einem einheitlichen Signal- oder Schienensystem, an gemeinsamen Regeln und einer einheitlichen Betriebssprache. Hinzu kommen unterschiedliche Stromnetze.