Den Eurovision Song Contest (ESC) einmal zu gewinnen – davon träumen wahrscheinlich viele junge Talente. Wenngleich die Teilnahme durchaus risikobehaftet ist. Kann eine schlechte Platzierung doch bedeuten, viel Häme ertragen zu müssen und karrieretechnisch erst einmal unter dem Radar zu fliegen.
Denn um beim ESC-Finale siegreich zu sein oder zumindest einen Platz in den Top Ten zu erreichen, müssen viele Faktoren stimmen. Lukas Heinser hat in seinem neuen Buch über den ESC einige davon analysiert. „Am Ende entscheidend ist der Song, und dass er glaubwürdig präsentiert wird“, sagt der 42-Jährige. „Auch Act und Inszenierung müssen also stimmen.“
Heinser begleitet den ESC schon seit vielen Jahren. Erst als eher distanziert-kritischer Video-Blogger an der Seite von Medienjournalist Stefan Niggemeier, dann, nachdem er zunehmend fasziniert war von dem Musikspektakel, ab 2013 als Assistent von ARD-Kommentator Peter Urban und seit 2024 von dessen Nachfolger Thorsten Schorn.
„Sieg oder nichts“ sei die falsche Haltung, sagt Heinser
Heinser stellt umfangreiche Dossiers zusammen mit allem, was er über die Künstler finden kann. Diese Fakten und Kuriosa fließen ein in die Kommentare, die der Bochumer gemeinsam mit Schorn entwickelt. Und sie waren eine Grundlage für Heinsers Buch „ESC – Das kleinste Buch zum größten Musikereignis“, das am 25. März erscheint. Neben vielen Hintergrundgeschichten zu den Teilnehmern und der Geschichte des Wettbewerbs geht es in einem Kapitel eben auch darum, wie man den ESC gewinnt.
Die deutsche Herangehensweise sei dabei, zumindest auf den ESC prägende Figuren wie Stefan Raab und den Komponisten Ralph Siegel bezogen, oft unentspannt, wenn nicht gar verbissen, sagt Heinser im Gespräch. „Ich glaube, der Gedanke, dahin zu fahren, um gewinnen zu wollen und alles andere wäre eine Enttäuschung, ist schon mal falsch“, erläutert Heinser. Bei den Deutschen stehe häufig der sportliche Aspekt, die Platzierung, im Vordergrund. In Skandinavien aber genieße schon der Vorentscheid einen viel höheren kulturellen Stellenwert. „Natürlich versuchen die Verantwortlichen in der ARD, das seit Jahren auch so in Deutschland zu etablieren“, sagt Heinser. Das gelinge aber nicht, also werde immer wieder das Prozedere verändert. In diesem Jahr ist statt dem NDR der SWR als Sendeanstalt federführend – das Team ist laut Heinser hochmotiviert.
Der X-Faktor heißt Zeitgeist
Aber wie gewinnt man nun den ESC? Neben Act, Song und Inszenierung spielen auch Faktoren eine Rolle, auf die die Künstler keinen Einfluss haben. Der Zeitgeist zum Beispiel. Lena habe etwa 2010 neben vielen überinszenierten Beiträgen mit ihrer Natürlichkeit gepunktet, die Ukraine 2022 nach dem Angriffskrieg Russlands auch von der Solidarität der Menschen in Europa profitiert, sagt Heinser. Ein Siegertitel in einem Jahr hätte daher nicht unbedingt etwa zwei Jahre zuvor gewinnen können, selbst wenn man dasselbe Starterfeld voraussetzen würde – wichtig ist auch das zeitliche und atmosphärische Umfeld.
Zudem würden sich manche Länder gegenseitig höhere Punktzahlen geben, weil sie einen ähnlichen Musikgeschmack oder einen gemeinsamen Musikmarkt haben wie etwa der Balkan. „Um zu gewinnen, muss man aber in ganz Europa erfolgreich sein“, sagt Heinser.
Als Vorteil sieht er es darüber hinaus, dass alle nicht für das Finale qualifizierten Länder in den Halbfinals antreten und ihr Lied vorstellen dürfen. „Wenn man im Halbfinale zum Telefon gegriffen hat, ist die Motivation, im Finale anzurufen, größer“, sagt Heinser. Zwar treten mittlerweile auch die Künstler der sogenannten Big-Five-Nationen, der schon für das Finale gesetzten Haupt-Geldgeber-Länder, in den Halbfinals auf, aber außerhalb der Wertung. Immerhin hat man sie dann schon gehört. Generell gilt: Wenn es ein Gewinnerrezept gäbe, würde es wohl jeder anwenden. Selbst Schweden, eines der erfolgreichsten Länder beim ESC, gelingt dies nicht. „Obwohl das wirklich die Nation ist, von der ich sagen würde, dass die es immer aufs Gewinnen anlegen“, sagt Heinser.
Kritik am Märchen vom „unpolitischen“ ESC
In diesem Jahr steht der Song Contest dazu unter einem schlechten Stern: Weil die Europäische Rundfunkunion (EBU) entschieden hat, Israel nicht auszuschließen, haben Irland, Island, die Niederlande, Spanien und Slowenien aus Protest über die Situation in Gaza abgesagt. Ausgerechnet im Jubiläumsjahr – der ESC feiert sein 70-jähriges Bestehen – falle damit ein Schatten auf die Veranstaltung, sagt Heinser.
Auch dem Thema Politik widmet er in seinem Buch ein eigenes Kapitel: „Die Mär vom ,unpolitischen‘ ESC“. Wenn man Partei- oder Sachpolitik außer Acht lasse, sei der ESC doch von Anfang an politisch gedacht gewesen, sagt Heinser, und habe wahrscheinlich mehr zur Völkerverständigung und zum Gefühl Europa beigetragen als die EU. „Wie kann etwas, was die Menschen aus aller Welt zusammenbringt, in irgendeiner Weise unpolitisch sein?“, sagt Heinser. „Das allein ist schon Politik.“
Ist das Ende des Wettbewerbs nah?
Er glaube aber, dass viele ESC-Fans aus den Niederlanden, aus Irland und Spanien trotz des Boykotts nach Wien reisen und vielleicht sogar mit israelischen Fans ins Gespräch kommen. Denn das sei ja die Idee hinter dem ESC, der Austausch über Länder- und Kulturgrenzen hinweg. Die These von einem Ende des ESC, das wegen der Absagen vielfach proklamiert wurde, hält er für übertrieben.
„Ich glaube, dass die Grundidee des ESC schon sehr solide ist“, sagt Heinser. Der Wettbewerb existiere schon so lange und sei eine Institution, vergleichbar mit den Olympischen Spielen. Es könnten grundsätzlich alle teilnehmen, und jeder hätte eine theoretische Chance zu gewinnen. Heinser: „Vielleicht wäre es ein tolles Symbol, wenn in diesem Jahr mal ein Land den ersten Platz belegen würde, das noch nie gewonnen hat.“