Die Bilanz wirkt ernüchternd. Ein großer Teil junger Europäerinnen und Europäer ist unzufrieden mit der Demokratie in ihrem jeweiligen Land. Nur rund ein Viertel ist zufrieden. Auch die Zukunftsaussichten der befragten 16- bis 26-Jährigen sind pessimistischer als noch vor einigen Jahren. Das sind zentrale Erkenntnisse der zehnten Jugendstudie „Junges Europa“ der TUI-Stiftung. „Die Ergebnisse der Studie zeigen keine Abkehr junger Menschen von der Demokratie“, betont zwar der Politikwissenschaftler Thorsten Faas von der Freien Universität Berlin, der die Untersuchung wissenschaftlich begleitet hat. Junge Menschen seien aber unzufriedener geworden mit dem Funktionieren der Demokratie, hätten weniger Vertrauen in politische Akteure und stünden wirtschaftlich unter Druck. „Und und jetzt erodiert auch das Vertrauen in die Demokratie.“
Viele junge Menschen blicken demnach verunsichert in die Zukunft. Truels Reichardt, Kinderbeauftragter der SPD-Bundestagsfraktion, erklärt unserer Redaktion: „Auch die permanenten Kürzungsdiskussionen zu den sozialen Sicherungssystemen lösen in der jungen Generation massive Unsicherheit aus.“ Daneben seien junge Menschen durch ein anhaltendes Hoch psychischer Belastungen und Erkrankungen, die immer deutlicheren Auswirkungen der Klimakrise oder eine sich etwa durch KI verändernde Arbeitswelt belastet.
Vertrauen in die Demokratie lässt nach
Nur noch die Hälfte der Befragten hält die Demokratie für die beste Staatsform. Und die Überzeugung, dass sie anderen Systemen überlegen ist, nimmt laut Studie spürbar ab. „Junge Menschen messen die Demokratie stärker an ihren Ergebnissen“, erklärt Thorsten Faas. Die höchsten Zustimmungswerte für die Demokratie verzeichnen Deutschland (35 Prozent) und Großbritannien (39 Prozent).
Auch die eigenen Zukunftsaussichten schätzen junge Menschen pessimistischer ein. Nur jeder vierte der 16- bis 26-Jährigen in Europa glaubt, dass es ihrer Generation einmal besser gehen wird als der ihrer Eltern. Und nur rund die Hälfte der Befragten gibt an, optimistisch in die Zukunft zu blicken. 2017 sagten dies noch 70 Prozent. „Zukunftserwartungen haben sich eingetrübt, wirtschaftliche Sicherheit ist wichtiger geworden, und das Vertrauen in politische Institutionen und demokratische Handlungsfähigkeit ist belastet“, sagt Mike Brauner, Geschäftsführer der TUI-Stiftung.
Grundbedürfnisse wichtiger
Junge Menschen stehen heute vor anderen Herausforderungen, sagt Ralph Edelhäußer (CDU), Mitglied im Ausschuss für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, auf Anfrage unserer Redaktion. „Härter arbeiten zu müssen als die vorangegangenen Generationen, Wohnraummangel, Klimawandel, Krieg in Europa und Angst vor sozialem Abstieg – diese Sorgen beschäftigen die Jugendlichen, mit denen ich kürzlich im Gespräch war.“ Daher dürften politische Entscheidungen nicht zulasten der Jüngeren getroffen werden.
Politische Freiheitsrechte treten für junge Europäerinnen und Europäer gegenüber Grundbedürfnissen wie Gesundheit laut TUI-Studie in den Hintergrund. Auch hierzulande zeigt sich diese Verschiebung. Vor vier Jahren zählte noch rund ein Drittel (34 Prozent) der jungen Befragten die freie politische Meinungsäußerung zu den wichtigsten Bestandteilen persönlicher Freiheit. Aktuell sind es nur noch 28 Prozent. Dagegen sind jungen Menschen vor allem gleiche Chancen, unabhängig von Geschlecht, Sexualität, sozialer oder ethnischer Herkunft (41 Prozent) sowie körperliche und psychische Gesundheit (36 Prozent) wichtig.
Dennoch zeigen die Ergebnisse der Jugendstudie: „Die Generation Z ist keine homogene Gruppe“, erklärt Politikwissenschaftler Faas. „Mehr als in anderen Altersgruppen sehen wir unterschiedliche Perspektiven.“ Und im Vergleich zur Gesamtbevölkerung (41 Prozent) blicken junge Menschen (57 Prozent) in Deutschland heute etwas zuversichtlicher in ihre Zukunft.