Das neue EU-Grenzsystem EES sorgt für lange Warteschlangen und Kritik aus der Luftfahrtbranche.

Das neue EU-Grenzsystem EES sorgt für lange Warteschlangen und Kritik aus der Luftfahrtbranche.

picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann/SVEN SIMON

Das neue EU-Einreise- und Ausreisesystem EES führt an Flughäfen zu deutlich längeren Bearbeitungszeiten.

Lufthansa, Fraport und Airline-Verbände warnen vor Problemen im Sommerreiseverkehr und fordern Ausnahmen.

Mehrere EU-Staaten haben die biometrischen Kontrollen bereits teilweise ausgesetzt, um Wartezeiten zu reduzieren.

Das neue elektronische Ein- und Ausreisesystem der EU sorgt an europäischen Flughäfen für erhebliche Verzögerungen. Die Bearbeitungszeit pro Passagier erreicht bis zu fünf Minuten – Airlines und Flughafenbetreiber warnen vor einem Chaos in der Sommersaison.

Die EU-Kommission ersetzt mit dem Entry and Exit System (EES) die manuelle Passkontrolle durch ein automatisiertes Verfahren. Reisende aus Nicht-EU- und Nicht-Schengen-Ländern müssen an Kiosks ihre biometrischen Ausweisdaten scannen lassen, ein Foto abgeben und Fingerabdrücke hinterlegen. Diese Daten werden gespeichert und bei der eigentlichen Grenzkontrolle abgeglichen.

Das System startete schrittweise im Oktober vergangenen Jahres. Seit dem 10. April läuft es vollständig, die komplette Implementierung muss bis September erfolgen. Doch die Praxis zeigt massive Probleme.

Lufthansa spricht von größter Herausforderung

Francesco Sciortino, verantwortlich für das Lufthansa-Drehkreuz Frankfurt, bezeichnete laut dem „Handelsblatt“ EES vor etwa einer Woche in einer Mitarbeiterversammlung als eine der größten Herausforderungen. Die Airline führt derzeit Gespräche mit Fraport und den Behörden über die Schwierigkeiten.

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Ein Lufthansa-Sprecher erklärt, das System funktioniere noch nicht mit der erforderlichen Qualität und Zuverlässigkeit. Besonders bei hohem Verkehrsaufkommen verlängerten sich die Grenzkontrollen erheblich. Branchenkreisen zufolge schaltete mindestens eine ausländische Fluggesellschaft ihren Botschafter in Berlin ein, um auf die Probleme aufmerksam zu machen.

Die Schwierigkeiten betreffen alle Airlines, unabhängig von ihrer Herkunft. Passagiere eines Easyjet-Fluges berichteten von langsamen Prozessen an den Kiosks. Ein Schreiben von Barig und Fraport bestätigt die Bearbeitungszeiten von bis zu fünf Minuten pro Gast.

Branche fordert mehr Grenzbeamte und Ausnahmen

Barig und die Airline-Vereinigung A4E schlagen Maßnahmen vor, um ein Sommerchaos zu verhindern. Sie fordern den Einsatz zusätzlicher Grenzbeamter während der Spitzenzeiten und mehr Entscheidungsbefugnis für lokale Behörden. Zudem schlagen sie temporäre Maßnahmen vor wie die Aussetzung der biometrischen Datenerfassung – ähnlich wie bereits zu Ostern praktiziert.

Diese Lösungen greifen allerdings nur kurzfristig. Die Erlaubnis der EU-Kommission für solche Ausnahmen gilt lediglich bis September. Barig und Fraport fordern daher eine Verlängerung der Frist für diese Sonderregelungen.

Mehrere EU-Staaten nutzen bereits jetzt Ausnahmen. Griechenland erfasst keine biometrischen Daten von Reisenden aus Großbritannien, der zweitgrößten Touristengruppe des Landes. Frankreich und die Niederlande haben EES an ihren Drehkreuzen in Paris und Amsterdam vorübergehend ausgesetzt.

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Tourismussektor unter Druck

Die Regierungen befürchten Einbußen im Tourismus, einem bedeutenden Wirtschaftszweig in Europa. Der Sektor trug 2024 laut Europäischem Rat zehn Prozent zum BIP der EU bei. Reisende aus Ländern wie den USA, Japan und China müssen das EES-Verfahren durchlaufen – sie zählen zu den wichtigsten Besuchergruppen.

Weltweit sind automatisierte Einreiseverfahren längst Standard. Großbritannien nutzt das ETA-System, bei dem Reisende Daten online oder per App übermitteln. Nach wenigen Tagen erhalten sie die Genehmigung und passieren automatisierte Gates mit ID-Scan und Gesichtserkennung zügig. Singapur setzt auf ein ähnliches Modell.

Ein Airline-Manager beschreibt die Idee hinter EES angesichts von Terrorismusbedenken als richtig und nachvollziehbar. Die Umsetzung bezeichnete er jedoch als Desaster. Als Alternative schlägt er bilaterale Vereinbarungen für vereinfachte Einreiseregeln mit Ländern ohne Sicherheitsrisiko wie Großbritannien vor.