Eine Flagge mit dem Nato-Symbol weht im Wind vor blauem Himmel.

(Bild: BearFotos / Shutterstock.com)

Die europäische Rüstungsindustrie stößt an ihre Kapazitätsgrenzen. Beim Nato-Gipfel in Ankara droht zudem neuer Streit um US-Sperren für KI.

Beim Nato-Gipfel in Ankara, der am 7. Juli 2026 beginnt, treffen zwei Spannungslinien aufeinander: Die europäischen Verbündeten geben zwar so viel für Verteidigung aus wie nie zuvor, aber sie können das Geld nicht schnell genug in einsatzbereite Waffen umwandeln.

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Gleichzeitig hält US-Präsident Donald Trump ein neues Druckmittel in der Hand, um die Verbündeten auf Linie zu bringen: die Kontrolle über militärisch nutzbare KI-Modelle von US-Tech-Konzernen.

Generalsekretär Mark Rutte bezeichnete die Ausgabensteigerungen der europäischen Partner und Kanadas gegenüber dem Wall Street Journal (WSJ) als „Trump Trillion“. Die Nato-Mitglieder (ohne die USA) erhöhten ihre Militärausgaben im vergangenen Jahr laut Nato um 20 Prozent auf 574 Milliarden Dollar.

Deutschland steigerte laut SIPRI um 24 Prozent auf 114 Milliarden Dollar und plant bis 2029 rund 161,8 Milliarden Euro – von derzeit rund 2 Prozent auf 3,5 Prozent des BIP. Trump schrieb dennoch auf Truth Social, die USA hätten „keinen Nutzen“ von der Nato-Mitgliedschaft.

Kompatibilitäts-Krise: Warum mehr Geld die Panzer-Probleme nicht löst

Das Kernproblem formulierte Rutte nüchtern: „Wir erreichen im Grunde genommen die Grenze der Aufnahmekapazität“. Mit anderen Worten: Die europäischen Nato-Länder stellen zwar Gelder zur Verfügung, aber die Produktionskapazitäten bleiben weit hinter den Wünschen zurück. Wohl auch deshalb bestellten die Europäer bei US-Firmen Waffen im Wert von rund 300 Milliarden US-Dollar.

Das hat dazu geführt, dass etwa die Preise für eine 155-mm-Artilleriegranate – eine der grundlegendsten Munitionsarten der Nato – deutlich gestiegen sind. Seit 2022 haben sie sich mehr als vervierfacht.

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Reserve-Pläne verschärfen den Fachkräftemangel in Deutschland

Die begrenzten Kapazitäten der Industrie sind aber nur ein Engpass. Ein weiterer ist aus Nato-Sicht die fehlende Bereitschaft vieler Europäer, in den Streitkräften zu dienen.

Die Situation dürfte in den kommenden Jahren noch prekärer werden, denn durch den demografischen Wandel verschärft sich der Fachkräftemangel und damit auch die Konkurrenz zwischen Wirtschaft und den Streitkräften.

Schon heute warnen etwa DIHK und Arbeitgeberverbände in Deutschland, dass die neuen Regeln zum Aufbau einer militärischen Reserve den Fachkräftemangel verschärfen können. Sie wollen erreichen, dass Firmen die Teilnahme ihrer Beschäftigten an Wehrübungen ablehnen können.

Leopard 2, Abrams & Co.: Das Problem mit der Kompatibilität der Panzer

Matthew Whitaker, US-Botschafter bei der Nato, drängt auf eine weitere Zentralisierung der europäischen Rüstungsindustrie, die viel zu sehr zersplittert sei.

Das Wall Street Journal trug jetzt das Argument der vielen Panzermodelle vor, welche die Verteidigungsfähigkeit der Nato-Länder negativ beeinflussen würden. Das hatten zuvor auch Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Politik betont, so etwa Jeannette zu Fürstenberg, Moritz Schularick, Nico Lange, René Obermann und Thomas Enders.

Militärexperten hatten aber entgegnet, dass nicht 14 Panzermodelle die europäischen Armeen dominieren, sondern fünf: Leopard 2, M1 Abrams, K2, Leclerc und Ariete. Und das Problem seien nicht die verschiedenen Modelle, sondern die vielen Varianten im Bereich Elektronik, Feuerleittechnik und Sensorik, die die Panzer der einzelnen Armeen wenig kompatibel zu den Modellen anderer Armeen machen.

Vor diesem Hintergrund betonte Whitaker gegenüber dem WSJ, dass es nicht darum gehe, einfach viel Geld auszugeben. „Letztendlich geht es um die Fähigkeiten, die mit diesen Ausgaben erworben werden.“

Das begleitende Nato-Verteidigungsindustrieforum soll am 7. Juli Aufträge und Kooperationsvereinbarungen im Milliardenwert bringen.

Anthropics „Claude Mythos“ als geopolitischer Hebel

Parallel zur konventionellen Aufrüstung verschärft sich ein zweiter Konflikt, nämlich der über die Nutzung von fortschrittlichen KI-Systeme wie etwa Claude Mythos von Anthropic. Aber auch OpenAI hat neue Systeme angekündigt, die für Militär und Geheimdienste von Interesse sind.

Während US-Dienste die neuen Modelle testen, hat US-Präsident Donald Trump kürzlich Ausländern den Zugang zu ihnen verboten, auch die Verbündeten verärgerte. Claude Mythos kann Sicherheitslücken schneller identifizieren als Menschen. Und diese Fähigkeiten können genutzt werden, um die eigene Sicherheit zu stärken oder auch um die Schwächen der Gegner auszunutzen.

Das britische AI Security Institute bestätigte in Tests, dass Claude Mythos mehrstufige Angriffe auf Netzwerke durchführen kann. Das KI-Modell konnte autonom Schwachstellen finden und auszunutzen.

Deutschland und andere europäische Verbündete drängen seit April auf Zugang zu Claude Mythos. Die Trump-Regierung verhängte im Juni zunächst Exportkontrollen auf die cyberfähigsten Anthropic-Modelle, lockerte diese nach G7-Gesprächen aber teilweise wieder.

Um die Bedenken der Europäer hinsichtlich der KI-Nutzung zu zerstreuen, kündigte US-Senatorin Jeanne Shaheen an, am Gipfel teilnehmen zu wollen. Ob daraus in Ankara verbindliche Zusagen werden, bleibt allerdings offen: Wie Politico berichtet, gilt die KI-Frage intern als nicht konsensreif genug für offizielle Verhandlungen.