Während die EU Grenzkontrollen verschärft, Asylverfahren beschleunigt und mehr abgelehnte Migranten abschieben will, setzt Spanien auf Legalisierung und Integration. Mehr als eine Million bislang irregulär im Land lebende Einwanderer haben im Zuge eines staatlichen Regularisierungsprogramms einen Antrag auf Aufenthalts- und Arbeitspapiere gestellt.

Damit fällt das Echo auf diese Kampagne größer aus als erwartet. Als die Mitte-links-Regierung des sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez Anfang 2026 das Verfahren ankündigte, war noch von ungefähr einer halben Million möglicher Antragsteller die Rede. Wie viele der eingereichten Anträge am Ende anerkannt werden, steht allerdings noch nicht fest. Die Unterlagen müssen geprüft werden.

Bewerben konnten sich Ausländer ohne gültige Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, die bereits vor dem 1. Januar 2026 in Spanien lebten, zu diesem Zeitpunkt einen mindestens fünfmonatigen Aufenthalt nachweisen können und nicht vorbestraft sind. Die Antragsfrist endete am 30. Juni.

Für Sánchez ist die Millionenzahl der Beweis dafür, dass seine Regierung auf eine längst vorhandene gesellschaftliche Realität reagiert. „Die mehr als eine Million eingereichten Anträge zeigen, wie notwendig diese Anerkennung von Rechten und Pflichten war“, sagte der Regierungschef bei der Vorstellung eines neuen Integrationsprogramms.

Damit schwimmt Spanien gegen den europäischen Strom. Der neue EU-Migrationspakt, der seit dem 12. Juni angewendet wird, setzt unter anderem auf strengere Kontrollen an den Außengrenzen, schnellere Grenz- und Asylverfahren sowie eine wirksamere Rückführung abgelehnter Antragsteller.

Madrid stellt dagegen die Eingliederung der Menschen in den Vordergrund, die längst im Land leben und häufig bereits arbeiten – bisher jedoch vielfach ohne Vertrag, ohne soziale Absicherung und auf dem Schwarzmarkt. Die Regierung argumentiert, die Illegalität mache Einwanderer leichter ausbeutbar und erschwere zugleich die Kontrolle durch die Behörden. „Es gibt keine Integration ohne einen geregelten Aufenthaltsstatus”, sagte Sánchez.

500 Millionen Euro für Ausbildung, Sprache und Wohnraum

Die Regularisierung ist Teil des „Plans für Integration und Staatsbürgerschaft“, für den in diesem Jahr mehr als 500 Millionen Euro vorgesehen sind. Zum Programm gehören zudem die Öffnung legaler Einwanderungswege, Arbeitsvermittlung, berufliche Bildung, Sprachkurse, der Zugang zu Schulen, Gesundheitsversorgung und Wohnraum sowie Maßnahmen gegen Diskriminierung. Allein 150 Millionen Euro sollen in über 100.000 zusätzliche Plätze der Berufsausbildung fließen. Der Plan soll Migranten den Einstieg in Branchen erleichtern, in denen Arbeitskräfte fehlen – etwa im Baugewerbe, in der Gastronomie, in sozialen Diensten und in der Pflege.

Von den Einwanderern werde im Gegenzug erwartet, dass sie die Gesetze respektieren, die Landessprache lernen und die demokratischen Grundwerte teilen, erklärte Sánchez. Dazu zählte der Premier ausdrücklich die Gleichberechtigung, Meinungsfreiheit und die Trennung von Staat und Religion. Vor allem aber rechtfertigt Sánchez seinen Kurs mit wirtschaftlichen und demografischen Argumenten.

Spanien gehört zu den am schnellsten alternden Gesellschaften Europas. Ohne Zuwanderung würde Spaniens Wirtschaftsleistung sinken. Laut Regierung lässt sich fast die Hälfte des überdurchschnittlichen Wirtschaftswachstums seit 2022 auf den Zuzug ausländischer Arbeitskräfte zurückführen.

Immigration helfe, das Sozial- und Rentensystem zu finanzieren und von Abwanderung bedrohte Dörfer am Leben zu halten. Ohne Zuwanderung würden bis 2050 rund 220.000 landwirtschaftliche Betriebe – etwa jeder dritte Hof – verschwinden. „Wenn Spanien integriert, wächst Spanien und kommt voran“, sagte Sánchez.

Nach bisher bekannt gewordenen Daten sind vier von fünf der Zuwanderer unter 45 Jahren – und damit größtenteils in einem Alter, in dem sie arbeiten und Beiträge zahlen können. Besonders viele Antragsteller stammen aus Lateinamerika und sprechen Spanisch. Mehr als die Hälfte der Anträge stammt von Menschen aus fünf süd- und mittelamerikanischen Ländern: Kolumbien, Venezuela, Peru, Honduras und Paraguay.

Oberster Gerichtshof prüft Rechtmäßigkeit des Programms

Sánchez nutzt die Zahlen zugleich für eine politische Abgrenzung von der Opposition aus konservativer Volkspartei und der Rechtsaußenbewegung Vox. Beide warnen vor einem „Sogeffekt“ und davor, dass Spanien mit der Aufnahme weiterer Migranten überfordert werde. Der Regierungschef hält dagegen: „Spanien ist niemals vorangekommen, indem es Mauern errichtet hat.“

Dass Madrid auf Legalisierung setzt, bedeute aber nicht, dass die Grenzen unkontrolliert bleiben sollen, betont die Regierung. Die irregulären Einreisen, vor allem über das Mittelmeer und die Atlantikroute zu den Kanaren, seien seit Jahresbeginn um ein Drittel zurückgegangen. Aus Sicht Madrids lassen sich legale Zuwanderung und konsequenter Grenzschutz miteinander verbinden.

Ganz ohne rechtliche Risiken ist das Vorhaben allerdings nicht. Spaniens Oberster Gerichtshof prüft derzeit, ob eine Regularisierung dieser Größenordnung ohne vorherige Abstimmung mit der EU mit den Vorschriften vereinbar ist. Möglich ist, dass die spanischen Richter den Fall dem Europäischen Gerichtshof vorlegen.

An der politischen Linie der Regierung ändert das vorerst nichts. Sánchez will Menschen, die längst in Spanien leben, möglichst schnell aus der Illegalität holen und in den Arbeitsmarkt eingliedern. „Wir machen das aus Verantwortung“, sagte der Premier, „und wir machen es aus Intelligenz.“