Wer
ein besonders scharfes Schwert zieht, sollte zwei Grundregeln beachten: Er sollte sich erstens sicher sein, dass das
Schwert das angemessene Werkzeug für den vorgesehenen Zweck ist. Und zweitens, dass er bei der Nutzung nicht versehentlich irgendetwas kaputthaut, das er gar nicht kaputthauen wollte.

Womit wir wieder einmal beim Social-Media-Verbot wären. Denn in dieser Debatte kommen zwei Aspekte regelmäßig zu kurz: dass ein Verbot vielleicht gar nichts bringt. Und dass es Kindern die Möglichkeit nimmt, sich auf die reale Welt vorzubereiten.

Gesamtgesellschaftlich hat man sich darauf verständigt, dass eine Social-Media-Altersgrenze ein scharfes Schwert ist, das dem Zweck dient, unsere Kinder zu schützen. Vor Hass, Gewalt, Pornos, Kontakt durch Fremde und Falschinfos im Internet.

Jetzt gibt’s dazu wieder einmal eine offizielle Empfehlung von Experten. Zwei Wissenschaftler, die von der EU-Kommission eingesetzt worden sind, schlagen in einem am Montag veröffentlichten Bericht vor, soziale Medien für Kinder bis 13 Jahre zu verbieten. Darunter fassen die Experten nicht nur klassische Plattformen wie TikTok, Insta, Snap und X. Sie sprechen stattdessen von Altersbeschränkungen für »Social Media+«: Auch App-Stores, KI-Kompagnons und sogar bestimmte Videospiele müssten den Vorstellungen der Experten nach erst das Alter ihrer Nutzerinnen und Nutzer prüfen, bevor die eingelassen werden dürfen. Die EU-Kommission will im September verraten, wie sie die Empfehlungen in Gesetze zu kippen plant. Präsidentin Ursula von der Leyen hatte sich zuletzt schon für ein Verbot ausgesprochen.

Wie gut wirkt ein Verbot?

Nun steht schon die erste Grundregel des Scharfe-Schwerter-Ziehens bezogen auf ein Social-Media-Verbot auf wackeliger Evidenz. Denn so sehr sich Eltern, Lehrerinnen, Politiker auch gegenseitig bestätigen, dass soziale Medien reines Teufelszeug sind: Wissenschaftliche Studien geben das in dieser Eindeutigkeit bisher nicht her. Bedeutet: Ob die Maßnahme angemessen ist, darüber lässt sich mindestens streiten.

© ZEIT ONLINE

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Weil eine fehlende Evidenz nicht heißt, dass Insta, TikTok und Snap prinzipiell geeignet sind für Kinder, kann man selbstverständlich argumentieren, dass man nicht warten kann, bis alles hundertprozentig sicher erforscht ist. Und dass die Politik bis dahin eben handeln muss. So hat es nicht nur 2025 schon die nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina in einem Diskussionspapier argumentiert, so machen es nun auch in dem EU-Bericht die Experten. Sie beschreiben ein Social-Media-Verbot für Kinder bis 13 Jahre als eine Vorsichtsmaßnahme, die man so lang ergreift, bis die Plattformen wirklich sicher für Kinder sind.

Nur müsste das Verbot dann wirklich alle unter 13-Jährigen von den Plattformen fernhalten. Genau daran bestehen aber Zweifel. In Australien gilt bereits seit Dezember 2025 ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige. Dort nutzen einer Studie zufolge trotzdem noch 85 Prozent der Zwölf- bis 15-Jährigen die Plattformen. Ein Grund dürfte sein, dass die Altersabfrage noch nicht richtig funktioniert.

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Selbst da könnte man noch sagen: Ein bisschen Wirkung ist besser als gar keine. Schließlich will man hier ja Kinder vor bösen Inhalten und fiesen Mechanismen schützen. Wenn dies hehre Ziel wenigstens manchmal erreicht wird, ist das doch ein Anfang. Und die Alterskontrollen werden in Zukunft vielleicht ja besser.

Was ist denn altersunangemessen?

Bleibt die zweite Grundregel, also die Frage, ob man mit einem Social-Media-Verbot versehentlich etwas kaputt machen könnte. 

Überraschenderweise sind es gerade Kinderschutzverbände, die sich besonders gegen ein Social-Media-Verbot aussprechen. Warum? Nicht nur, weil Kinder ein Recht auf digitale Teilhabe haben. Sondern weil man sie mit einem Social-Media-Verbot unvorbereitet auf die digitale Welt loslasse, wie es der Vizepräsident des Kinderschutzbundes vergangenes Jahr formulierte. Die Heranwachsenden werden pauschal ausgesperrt, anstatt zu lernen, sich in dieser Welt zurechtzufinden. Und was viele gerne vergessen: Nicht nur Erfahrungen, die auf den ersten Blick pädagogisch wertvoll wirken, sind wichtig für Kinder. 

Dazu sei gesagt: Es ist bemerkenswert und richtig, dass die EU-Experten den unbequemen Weg
gegangen sind und nicht nur soziale Medien einer Altersbeschränkung
unterziehen wollen. Denn wenn man wirklich Angst vor Hass, Gewalt,
Pornos, Kontakt durch Fremde und Falschinfos hat, dann sind diese Probleme ja nicht auf TikTok und Insta beschränkt, sondern finden sich überall im Internet.

Aber dadurch wird auch noch klarer, wie extrem weitreichend es wäre, alle diese Plattformen für Kinder zu blockieren. Im Bericht heißt es, dass unter »Social Media+« grob alle Dienste fallen, die womöglich für Minderjährige zugänglich sind und altersunangemessene und/oder riskante Funktionen wie Empfehlungsalgorithmen und/oder Inhalte enthalten.

Nur was heißt schon altersunangemessen? Müsste nicht auch Wikipedia dieser Definition nach künftig das Alter seiner Nutzerinnen und Nutzer checken, weil es dort eben einen Beitrag über Pornografie gibt, samt expliziten Abbildungen? Oder weil sich dort Falschinformationen einschleichen können? Oder weil es dort in den Diskussionen manchmal heftig zugeht? Viele Menschen dürften die Intuition haben, dass solche Interaktionen nicht gefährlich sind und erlaubt bleiben sollten. Aber warum genau sind sie in einem Reddit-Forum dann nicht okay?

Das Beispiel mag nach nervigen Feinheiten klingen. Doch an jenen entscheidet sich eben, in welchem Internet unsere Kinder aufwachsen. Und sie zeigen, warum ein Social-Media-Verbot bei Weitem nicht die Generallösung ist, als die es verkauft wird.

Die EU hat schon eine starke Waffe

Vielleicht noch ein Gedanke: Jeder Elternteil weiß, dass Reife nicht nur eine Frage des Alters ist. Manchen Kindern traut man mit zwölf Jahren schon verantwortungsbewusstes Handeln zu, manche würde man am liebsten mit 17 noch auf Schritt und Tritt begleiten. Insofern ist es richtig, dass die beiden von der EU beauftragten Wissenschaftler sagen: Mit elterlicher
Erlaubnis dürfen Kinder schon früher soziale Medien nutzen und
Videospiele zocken.

Es ist verständlich, dass viele Eltern Angst davor haben, digitale Dienste könnten die Aufmerksamkeit ihrer Kinder kapern und sie Inhalten aussetzen, denen sie noch nicht ausgesetzt werden sollten. Dass Erziehungsberechtigte genervt sind von den ständigen Diskussionen um die Bildschirmzeit mit ihren Kindern. Man könnte meinen, ein Social-Media-Verbot würde hier endlich Besserung bringen. Doch solang die Plattformen das Alter nicht zuverlässig verifizieren (siehe Australien), fällt die Durchsetzung eines Verbots doch wieder jenen zu, die sich sowieso schon tagtäglich damit herumschlagen: den Eltern.