Gefälschte Sneaker zu Spottpreisen, gefährliche Kosmetik oder Spielzeug, das in den Händen von Kindern auseinanderfällt – auf dem Online-Marktplatz AliExpress waren solche Produkte oft wochenlang noch zu erstehen, obwohl sie längst aus dem Angebot hätten genommen werden müssen. Dieses Versäumnis kommt das Unternehmen nun teuer zu stehen. Am Montag verhängte die EU eine Strafe von 550 Millionen Euro gegen die chinesische Plattform, die zum Alibaba-Konzern gehört. Es ist die höchste Geldbuße, die die Brüsseler Behörde auf Grundlage des EU-Gesetzes für digitale Dienste (Digital Services Act, kurz DSA) bislang ankündigte.

Als Grund gab die EU-Kommission an, dass der Internetriese nicht genug unternommen habe, um Europas Verbraucher vor illegalen, unsicheren und gefälschten Produkten zu schützen. So habe die E-Commerce-Plattform die Risiken im Zusammenhang mit dem Verkauf solcher Waren weder sorgfältig bewertet noch wirksam eingedämmt. Außerdem seien die Strafen nicht konsequent durchgesetzt worden, selbst nachdem rechtswidrige Produkte entdeckt worden waren. „Trotz verhängter Sanktionen hätten entsprechende Shops ihren Betrieb fortsetzen können“, hieß es. „Die Größe des Unternehmens ist keine Entschuldigung“, sagte die zuständige EU-Digitalkommissarin Henna Virkkunen. „Risiken müssen systematisch identifiziert und angegangen werden, um zu gewährleisten, dass Verbraucher sicher online einkaufen können.“

Mitarbeiter von AliExpress kommen bei der Kontrolle nicht nach

Die Behörde wirft dem Unternehmen zudem vor, nicht genügend Personal für die Überprüfung potenziell illegaler Produkte zu haben. Die Kontrolleure hätten zu viel Arbeit. Und nicht nur das: Gefälschte Schuhe oder gesundheitsgefährdende Kosmetikartikel würden sogar empfohlen oder beworben, bevor AliExpress sie von der Plattform entfernt habe, wie Tests der Brüsseler Internetwächter ergaben. Der EU-Kommission zufolge unterbieten jene, die mit Fälschungen handeln, seriöse Unternehmen, die in Design, Sicherheitsprüfungen und Innovation investierten. Virkkunen kritisierte, das sei unfair gegenüber den Firmen, die sich an alle Gesetze hielten.

Der Jahresumsatz des Alibaba-Konzerns lag 2025 laut Kommission bei etwa 120 Milliarden Euro. Weil unter dem DSA bis zu sechs Prozent des weltweiten Jahresumsatzes des gesamten Konzerns als Strafe verhängt werden können, hätte die Geldbuße mit sieben Milliarden Euro auch weitaus höher liegen können als nun angekündigt. Bei der Berechnung seien mildernde Umstände zugunsten von AliExpress berücksichtigt worden, wie etwa die Neuartigkeit des DSA, war als Begründung zu hören.

Schwab lobt Urteil zum EU-Verbraucherschutz

Aus dem EU-Parlament kam Lob für das Urteil. Es sei ein „klarer Sieg für den Verbraucherschutz und für den fairen Wettbewerb“, sagte der CDU-Europaabgeordnete Andreas Schwab. Er erinnerte daran, wie die neuen Marktregeln zu Beginn oft noch von den globalen Tech-Konzernen „als bloße Empfehlungen belächelt“ worden seien. „Das hat sich nun radikal geändert“, sagte der Christdemokrat. Das harte Durchgreifen der Kommission beweise, „dass der DSA eine spürbare Hebelwirkung entfaltet“. Mit dem Gesetz verfolgt die Union vor allem ein Ziel: Wer auf dem europäischen Markt Milliardengewinne erzielen will, muss auch für die Sicherheit seiner Plattform geradestehen. „Anstatt Ressourcen in mangelhafte Kontrollsysteme oder das Umgehen von Regeln zu stecken, müssen die E-Commerce-Giganten nun endlich vollumfänglich und ohne Kompromisse für Produktsicherheit und Händlernachverfolgbarkeit sorgen“, so Schwab.