Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez hat angesichts der europäischen Kritik am Umgang seines Landes mit der Migrationskrise in Ceuta eine Sondersitzung der EU-Innenminister gefordert. Eine Forderung, die mittlerweile offenbar von 22 EU-Mitgliedstaaten unterstützt wird. In einem am Samstag bekannt gewordenen Brief an die Spitzen der europäischen Institutionen warf Sánchez einigen Mitgliedstaaten eine „egoistische“ und „rechtswidrige“ Reaktion vor.

„Eine solche Haltung – motiviert durch Vorurteile, Falschinformationen, Unwissenheit oder politische Interessen – verstößt nicht nur gegen europäisches Recht, humanitäres Recht und die Grundsätze der Solidarität, die uns verbinden, sondern läuft auch den langfristigen Interessen Europas zuwider“, schrieb Sánchez in dem der Nachrichtenagentur AFP vorliegenden Brief.

„Im gegenwärtigen internationalen Kontext kann sich die Europäische Union eine solche egoistische, spaltende und rechtswidrige Reaktion nicht leisten“, erklärte der spanische Regierungschef weiter. Er verlangte eine Videokonferenz der Innenminister aller 27 EU-Staaten.

Auslöser des Streits war die Ankunft zehntausender Migranten in der spanischen Exklave Ceuta in Nordafrika. Nach Angaben der örtlichen Regierung gelangten seit Wochenbeginn rund 60.000 Menschen von Marokko auf dem Land- oder Seeweg in das Gebiet – mehrere Menschen starben bei dem Versuch, Ceuta zu erreichen. Die Regierung in Madrid erklärte am Freitagabend, „fast alle“ Ankömmlinge seien inzwischen nach Marokko zurückgekehrt.

Massive Kritik von Rechtspopulisten

Rechtspopulistische und konservative Politiker in Europa und in den USA kritisierten Spanien scharf für seine vermeintlich laxe Migrationspolitik. Besonders scharf hatte Italiens rechtsgerichtete Ministerpräsidentin Giorgia Meloni reagiert. Sie bezeichnete die Bilder aus Ceuta als „schockierend“ und brachte ein Aussetzen der Schengen-Zusammenarbeit mit Spanien ins Gespräch. Italien führte schließlich für zunächst einen Monat wieder Kontrollen im Flug- und Schiffsverkehr mit Spanien ein.

Der italienische Außenminister Antonio Tajani von der rechtspopulistischen Forza Italia sagte, die Bilder aus Ceuta zeigten, dass Sanchez’ Migrationspolitik verfehlt sei. Führende Politiker aus Dänemark, Schweden, Finnland, Tschechien und Österreich schlossen sich Italiens Forderung an, das Schengen-Abkommen mit Spanien auszusetzen.

Im gegenwärtigen internationalen Kontext kann sich die Europäische Union eine solche egoistische, spaltende und rechtswidrige Reaktion nicht leisten.

Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez in einem Brief an die Spitzen der europäischen Institutionen

US-Präsident Donald Trump sagte bei einer Kabinettssitzung am Freitag, er habe im Fernsehen „schockierende“ Bilder aus Ceuta gesehen: „Es sieht aus wie eine Invasion eines Landes durch Hunderttausende von Menschen.“ Dasselbe würde in den USA passieren, wenn die Republikaner bei den Zwischenwahlen im November nicht gewählt würden, fügte er hinzu. Auch die AfD-Chefin Alice Weidel schrieb, Ceuta sei „verwüstet“ worden, und forderte eine möglichst harte Abschottung.

Migranten offenbar wieder nach Marokko zurückgekehrt

Madrid bezeichnete Drohungen anderer Länder mit einem Ausschluss Spaniens aus dem Schengen-Raum als „demagogisch“. Von der Nachrichtenagentur AFP befragte Juristen erklärten, eine solche Maßnahme sei nach geltendem EU-Recht nicht möglich. Spaniens Außenminister José Manuel Albares betonte zudem, niemand könne unkontrolliert von Ceuta auf das spanische Festland und damit in den übrigen Schengen-Raum gelangen. Für Ceuta gilt die Freizügigkeit des sonstigen Schengen-Raums nicht.

Spanish Prime Minister Pedro Sanchez visits the border area, amid mass crossings of migrants on foot and by sea from Morocco into Spanish territory, in Ceuta, Spain, July 31, 2026. REUTERS/Jon Nazca Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez besucht am 31. Juli 2026 Ceuta.

© REUTERS/Jon Nazca

Sánchez hatte die Ereignisse bei einem Besuch in Ceuta als „Angriff“ auf die territoriale Integrität Spaniens bezeichnet. Er machte von der „Schleusermafia“ verbreitete Gerüchte über eine angeblich geöffnete Grenze für den Ansturm verantwortlich. Mittlerweile seien „nahezu alle, die in Ceuta angekommen waren, (…) wieder nach Marokko zurückgekehrt“, schrieb Albares auf X. Dies wurde durch Berichte unabhängiger Medien vor Ort bestätigt.

Keine einzige Person hat die Grenze zum EU-Festland überschritten.

EU-Migrationskommissar Magnus Brunner

Am heutigen Samstag wollen sich Experten der EU-Mitgliedstaaten in einer Krisensitzung über die Entwicklungen austauschen, wie ein Sprecher der irischen Ratspräsidentschaft mitteilte. „Keine einzige Person hat die Grenze zum EU-Festland überschritten“, versicherte EU-Migrationskommissar Magnus Brunner.

Dutzende im Mittelmeer ertrunken

Bis Freitagmorgen hatten innerhalb von 24 Stunden Zehntausende Migranten die Grenze zwischen Marokko und der spanischen Exklave Ceuta überquert. Mindestens 67 Migranten kamen nach jüngsten Angaben der spanischen Regierung bei dem Versuch, die Exklave zu erreichen, ums Leben. Die meisten Menschen seien bei dem Versuch ertrunken, schwimmend nach Ceuta zu gelangen, berichtete der staatliche Fernsehsender RTVE unter Berufung auf einen Sprecher des Innenministeriums in Madrid. 

Police officers man a roadblock on the outskirts of Fnideq, on the Morocco-Spain border, on July 30, 2026. Hundreds of people were converging on Morocco's northern town of Fnideq on July 30 evening, following rumours that the border with Spain's Ceuta had opened, according to an AFP journalist. Spain had earlier reported nine deaths after hundreds of migrants entered the north African exclave from Morocco, mainly by swimming. (Photo by Abdel Majid BZIOUAT / AFP) Die Polizei hat in Ceuta Straßensperren eingerichtet.

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Um die Lage unter Kontrolle zu bringen, entsandte die Regierung 60 Soldaten sowie 200 Spezialkräfte der Polizei nach Ceuta, teilte das Ministerium am späten Donnerstagabend mit. Die Regierung in Madrid setzt in der Exklave erstmals seit 2021 wieder Militär zur Unterstützung der Grenzsicherung ein.

Die Geschehnisse im Video:

Zuvor waren zahlreiche Menschen aus Marokko in die Stadt gelangt und hatten die spanische Polizeibehörde Guardia Civil überrannt. Auf Videoaufnahmen war zu sehen, wie Hunderte Migranten mit Schwimmreifen über das Meer kamen oder Tore im Grenzzaun durchbrachen. Marokkanische Behörden setzten in der Grenzstadt Fnideq Wasserwerfer ein, um weitere Übertritte zu verhindern.

Auch an der Grenze zwischen Marokko und Melilla kam es laut dem staatlichen Fernsehsender RTVE am Freitagabend zu Auseinandersetzungen mit Beamten. Mehrere Menschen hätten Steine auf die Sicherheitskräfte geschleudert, während diese Tränengas eingesetzt hätten. Zunächst war unklar, ob einige der Migranten nach Melilla gelangt waren.

Migration befeuert Debatte in Spanien

Die Ereignisse heizen die politische Debatte in Spanien weiter an. Die sozialistische Regierung hatte kürzlich ein Programm gestartet, um rund 500.000 Migranten ohne Papiere einen legalen Status zu verschaffen. Rechte Parteien machten Sanchez daraufhin für die Eskalation verantwortlich. Oppositionsführer Alberto Núñez Feijóo von der konservativen Volkspartei (PP) sprach von einer Gefahr für die nationale Sicherheit.

Migrants wait to board coaches as the Moroccan authorities transfer some back to their hometowns after they left Spain's North African enclave of Ceuta following an attempt to cross at the Morocco-Spain border, at Fnideq in northern Morocco on August 1, 2026. More than 48,000 migrants have returned to Morocco from Spain's Ceuta after tens of thousands crossed the frontier into its north African enclave in recent days, Spain's interior ministry said on July 31. Hundreds of people converged on Morocco's northern town of Fnideq on July 30 evening, following rumours that the border with Spain's Ceuta had opened, according to an AFP journalist. (Photo by Abdel Majid BZIOUAT / AFP) Migranten warten darauf, in Reisebusse einzusteigen, die von Marokko bereitgestellt wurden, um sie in ihre Heimatstädte zurückzubringen, nachdem sie die spanische Enklave Ceuta in Nordafrika verlassen haben.

© AFP/ABDEL MAJID BZIOUAT

Eine Hypothese für den sprunghaften Anstieg ist ein Urteil des Obersten Gerichtshofs Spaniens von Anfang des Monats. Demnach dürfen Migranten, die über einen Grenzzaun nach Ceuta oder in die andere spanische Nordafrika-Exklave Melilla abgefangen werden, nicht umgehend wieder zurückgeschickt werden. Allerdings sagten zwei Migrationsexpertinnen dem Tagesspiegel, sie hielten diese Theorie für unplausibel.

Das spanische Innenministerium machte Schlepperbanden dafür verantwortlich, das Urteil auszunutzen. Es kündigte an, illegal Eingereiste umgehend abzuschieben. Eine Stellungnahme des marokkanischen Innenministeriums lag zunächst nicht vor.

Setzte Marokko die Grenzkontrollen aus?

Es gibt allerdings auch Stimmen, die auf eine andere mögliche Erklärung hinweisen. Denn die Ereignisse wecken Erinnerungen an den Mai 2021, als innerhalb weniger Tage rund 10.000 Jugendliche aus Marokko und Ländern südlich der Sahara die Exklave erreichten. Damals befanden sich Spanien und Marokko in einer diplomatischen Krise: Nachdem Madrid Brahim Ghali, den Anführer der Polisario, der Front der Sahrauis, die für die Unabhängigkeit der von Marokko beanspruchten Westsahara kämpft, zur medizinischen Behandlung aufgenommen hatte, setzte Marokko die Grenzkontrollen aus.

Moroccan security forces confront migrants attempting to cross into Spain's North African enclave of Ceuta during clashes near the town of Fnideq, on the Morocco-Spain border, on July 31, 2026. The European Union on July 31 scrambled to contain one of the largest migrant crises faced by the block in recent years, after tens of thousands of people poured into into Spain's North African Ceuta enclave in just days. (Photo by Abdel Majid BZIOUAT / AFP) Marokkanische Sicherheitskräfte gehen am 31. Juli 2026 bei Zusammenstößen in der Nähe der Stadt Fnideq an der marokkanisch-spanischen Grenze gegen Migranten vor, die versuchen, in die spanische Enklave Ceuta in Nordafrika einzudringen.

© AFP/ABDEL MAJID BZIOUAT

So schreibt die italienische Zeitung „La Repubblica“, im gesamten Jahr 2025 sei es lediglich sechs illegalen Migranten gelungen, Ceuta zu erreichen, und vom Beginn dieses Jahres bis zum vergangenen 15. Juli keinem einzigen.

So berichtete etwa die spanische Zeitung „El País“ bereits am Mittwoch, dass sich in Marokko die Nachricht einer einfachen Einreise nach Spanien verbreitet. Juan Carlos Sanz, Marokko-Korrespondent der Zeitung, schreibt vor Ort von einem großen Aufgebot an Grenzpolizisten, Panzerwägen und Gendarmen in Kampfausrüstung. „Sie hielten standhaft ihre Position, während Tausende Menschen schweigend am Strand entlangzogen und in der Flut schwammen.“

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Auch die Migrationsexpertin Ruth Ferrero-Turrión von der Universidad Complutense in Madrid sagte dem Tagesspiegel: „Ohne jeden Zweifel hätte all dies nicht ohne die Untätigkeit der Behörden geschehen können.“

Ceuta bildet zusammen mit Melilla die einzige Landgrenze der Europäischen Union zum afrikanischen Kontinent. In beiden Städten kommt es immer wieder zu Versuchen von Migranten, auf diesem Weg in die EU einzureisen. (Reuters, AFP, dpa, Tsp)

Korrektur: Zunächst stand im Text, neun Menschen seien beim Versuch, die Landgrenze zu überqueren, gestorben. Offenbar starben die Menschen aber im Wasser. Zudem wurde der Begriff „Enklave“ in „Exklave“ korrigiert.