„Die vergangenen 48 Stunden auf dieser Plattform waren ein einziger großer Rorschachtest“, schrieb am Wochenende der Politikjournalist Robin Alexander auf X. Anlass war die hitzige Debatte über den Ansturm Zehntausender illegaler Migranten von Marokko aus auf die spanische Nordafrika-Exklave Ceuta, respektive über die Bilder dieses Schauspiels, das Tesla-Gründer Elon Musk dazu veranlasste, eine Szene aus einem bekannten Zombiefilm zu teilen. Darin stürmen die Untoten eine Stadt und überwinden dafür die Stadtmauern, indem sie sich aufeinanderstapeln.

Nun ist es so, dass Alexanders Verweis auf den Rorschachtest ein bisschen schief war. Das hat mit dem tiefenpsychologischen Ansatz dieses Tests zu tun, mit dem die Gesamtpersönlichkeit des jeweiligen Probanden erschlossen werden soll. Aber ja, die Reaktionen verrieten immerhin etwas über einen Teilaspekt der Persönlichkeitsstruktur der jeweiligen X-Nutzer. Zum Beispiel darüber, ob sie fähig sind, die Dinge beim Namen zu nennen. Und zwar auch dann, wenn der entsprechende Klartext nicht gut mit dem eigenen Weltbild harmoniert.

Die Dinge beim Namen nennen

Wir können zum Beispiel diskutieren, ob es Grenzen überhaupt geben sollte. Und wenn ja, unter welchen Voraussetzungen. Oder darüber, welche Schuld Marokko an diesem Ansturm hatte. Nicht nur, was den Grenzschutz angeht, der ja beidseitig funktionieren sollte. Sondern auch, was die Motivation der 60.000 Männer anbelangt – und ja, es waren fast ausschließlich Männer und nicht „Migrant*innen“, wie unter anderem die Tagesschau schrieb –, Ceuta zu stürmen.

„Man könnte sich ja auch mal fragen, warum tausende junge Menschen keine Lust haben, ihr Leben im Königreich Marokko zu verbringen – ohne Perspektiven, ohne Jobs und mit massiver Repression“, postete etwa ein bekannter Migrationsaktivist auf X. Ein legitimer Punkt. Gleichwohl rechtfertigt die Dysfunktionalität Marokkos – oder irgendeines anderen Landes dieser Erde – weder das Verhalten der anstürmenden Migranten in Ceuta noch allgemein die unkontrollierte und vielfach illegale Massenzuwanderung nach Europa und in ausgewählte EU-Mitgliedstaaten.

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Um es plastisch zu machen, weil in Deutschland schon wieder eine Hitzewelle kommt: Dass meine bescheidene Wohnung aufgrund von Bausubstanz, Lage sowie Flora und Fauna drumherum auch bei 35 Grad angenehm kühl bleibt, während der Nachbar ein Haus weiter in seiner Dachgeschosswohnung ohne Klimaanlage schwitzt, gibt ihm nicht das Recht, zuerst die Haustür und dann meine Wohnungstür einzutreten, um anschließend in meinem Bettchen zu schlafen und von meinem Tellerchen zu essen. Weder ich noch mein Vermieter sind für seine Hitzesituation zuständig, sondern er und sein Vermieter. 

Ich weiß, das klingt ein bisschen herzlos. Aber die Wahrheit ist doch: Wenn 60.000 Männer eine Grenze stürmen, um illegal auf die andere Seite zu gelangen, dann gibt es dafür nur ein wirklich passendes Wort. Und das heißt nicht „Ankunft“, wie vielfach zu lesen war, sondern Invasion. Und als eine solche sollte man den Grenzsturm in Ceuta auch bezeichnen – und sich von linken Politikern, linken Journalisten, linken Aktivisten und irgendwelchen Migra-NGOs bloß keine Euphemismen aufschwätzen lassen.

Der entscheidende Punkt

Was in Ceuta geschehen ist, war übrigens auch keine „Krise“ des europäischen Grenzschutzes, sondern ein astreiner Kontrollverlust der Europäischen Union. Mal wieder. Da hilft es auch nichts, wenn ausgerechnet ein Korrespondent der Welt meint, das Ganze irgendwie bürokratisch-theoretisch kleinreden zu müssen, indem er Folgendes auf X postete:

„Zur Aufklärung: Ceuta gehört nicht zum regulären Schengenraum. Wer auf das europäische Festland reisen will, unterliegt strengen Passkontrollen und braucht ein Schengenvisum. Es bestand also nie die Gefahr, dass die Marokkaner, die die Enklave gestürmt hatten, unkontrolliert nach Spanien und dann weiter in die EU-Länder hätten gelangen können.“

Das, lieber Kollege, war gar nicht der entscheidende Punkt. Also die Sorge, dass die Invasoren einfach unbehelligt weiter nach Europa stürmen könnten. Sie waren ja immer noch auf dem afrikanischen Kontinent. Entscheidend war und ist in der Ceuta-Debatte, wie die EU mit Menschen umgehen sollte, die sich illegal Zutritt zu ihrem Territorium verschaffen, und sei es zu einer Exklave.

Zur Aufklärung: Ceuta gehört nicht zum regulären Schengenraum. Wer auf das europäische Festland reisen will, unterliegt strengen Passkontrollen und braucht ein Schengenvisum. Es bestand also nie die Gefahr, dass die Marokkaner, die die Enklave gestürmt hatten, unkontrolliert nach…

— Alfred Hackensberger (@hackensberger) August 1, 2026

Hier kommt nun erstens ein aktuelles Urteil des spanischen Gerichtshofs ins Spiel, das wohl auch der Anlass für diese Invasion war. Nämlich, dass auch Migranten, die auf dem Seeweg in die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla gelangen, das Recht auf ein individuelles Asylverfahren haben. Und hier kommt zweitens die Migrationsrealität ins Spiel. Und die besagt tendenziell: Wer einmal in Europa ist, den bekommt Europa nicht mehr los.

Bürokratisch-theoretische Sicht der Dinge

Überhaupt erfreute sich die bürokratisch-theoretische Sicht der Dinge nach der Invasion von Ceuta einer überraschend großen Beliebtheit. Wahrscheinlich, weil selbst viele linke Zeitgenossen angesichts der kursierenden Bilder der Invasion merkten, dass man den Ansturm nicht so gut kleinreden konnte, wie man anderes gerne kleinredet. Als am Wochenende etwa die Regierung in Madrid behauptete, ein Großteil der Invasoren sei freiwillig zurückgekehrt, war die Sache für Linkstwitter quasi erledigt: Siehste! Alles unter Kontrolle! Alles wieder gut! 

Was allerdings himmelschreiender Unsinn ist. Nichts ist gut, meine Damen und Herren. Die Europäische Union hat einmal mehr bewiesen, dass sie einer originären Aufgabe nicht gerecht wird, dem Außengrenzschutz. Der Bundeskanzler hat einmal mehr bewiesen, dass seine Kommunikation desaströs ist. Bis Freitagmittag schwiegen Kanzler und Union, da war die Debatte schon in vollem Gange. Und die Menschen in Ceuta haben nicht nur mit dem Schock ihres Lebens als Bewohner der 80.000-Seelen-Exklave zu kämpfen, sondern auch mit vielen illegalen Migranten, die wohl immer noch in Ceuta sind.

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Denn auch das war für denjenigen, der die Debatte aufmerksam auf X verfolgte, interessant zu sehen: dass viele linkstwitternde Zeitgenossen gewisse, sagen wir, sprachliche Verständnisprobleme haben. Denn dass der Großteil der Invasoren von Ceuta wieder zurückgedrängt wurde oder die Invasion freiwillig beendet und sich zurückgezogen haben soll, heißt ja nicht, dass nicht trotzdem noch jede Menge Menschen dort sind, die gar nicht dort sein sollten.

Schließlich beginnt „ein Großteil“ von 60.000 Menschen bereits bei 30.000 plus eine Person. Und „fast alle“ seien zurückgekehrt, könnte immer noch hunderte oder gar tausende Personen nicht mit-meinen. Tatsächlich scheint in der spanischen Nordafrika-Exklave am Montag immer noch Chaos zu herrschen, wie unter anderem Apollo News berichtet. Was mich zu folgender These bringt: Der Kontrollverlust der EU bei der Migration dauert an. Und er beginnt schon auf X, wo sich vor allem Linkstwitter größte Mühe gibt, die Dinge bloß nicht beim Namen zu nennen. 

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