Bootstypen, mit denen Geflüchtete aus Libyen wegen europäischer Einreisebeschränkungen das Mittelmeer überqueren müssen (Symbolbild).

Bootstypen, mit denen Geflüchtete aus Libyen wegen europäischer Einreisebeschränkungen das Mittelmeer überqueren müssen (Symbolbild).

Foto: Griechische Küstenwache

Mehrere deutsche Staatsanwaltschaften haben nach eigenen Angaben in einer gemeinsamen Aktion mit Europol mutmaßliche Schleuser ermittelt und am Mittwochmorgen Haftbefehle in Deutschland und Serbien vollstreckt. Drei Männern wird laut Bundespolizei München und der auf grenzüberschreitende Kriminalität spezialisierten Abteilung der Staatsanwaltschaft Traunstein vorgeworfen, seit Oktober 2024 in mindestens fünf Fällen rund 125 Menschen, überwiegend aus Syrien, nach Deutschland gebracht zu haben. Überfahrten von Libyen zur italienischen Insel Lampedusa sollen auf überfüllten, nicht seetauglichen Booten ohne Schwimmwesten oder andere Sicherheitsvorkehrungen mit bis zu 61 Menschen an Bord erfolgt sein.

Die teils verdeckt geführten Ermittlungen liefen den Angaben zufolge bereits seit 2022, zunächst unter Leitung der Staatsanwaltschaft Traunstein, ab 2023 übernommen von der Staatsanwaltschaft Landshut. Bei der Aktion am Mittwoch, an der rund 240 Beamte beteiligt waren, seien sechs Örtlichkeiten im Raum Saarbrücken durchsucht worden, darunter eine Lagerhalle.

Die Beschuldigten sollen Teil einer international agierenden Struktur mit Verbindungen nach Libyen und einer dort aktiven Miliz sein. Die Geschleusten hätten zwischen 6500 und 7800 Euro pro Person an die Organisatoren gezahlt; den daraus erzielten Erlös der Gruppierung schätzt die Polizei auf mindestens 875 000 Euro. Bei einigen Beschuldigten sei zudem Falschgeld gefunden worden.

Angeblich Verbindungen zu »Al-Sarawi-Netzwerk«

Der festgenommene Hauptbeschuldigte ist nach Behördenangaben ein 26 Jahre alter syrischer Staatsangehöriger. Bis Ende Mai 2026 sei er den Angaben zufolge bei vier Kontrollen mit Falschgeld im Wert zwischen rund 30 000 und 100 000 Euro angetroffen worden. Zwei weitere Männer, 31 und 32 Jahre alt, seien in Serbien festgesetzt worden.

Der 31-Jährige soll dem syrischen »Al-Sarawi-Netzwerk« angehören, den die Behörden als Schleuser-Organisation bezeichnen. Ihm wird vorgeworfen, zwischen April und November 2022 in 17 Fällen an der Organisation von Schleusungen beteiligt gewesen zu sein und dabei 152 Migrant*innen über die sogenannte Balkanroute gebracht zu haben. Wegen seiner mutmaßlichen Position in der Organisation sei der 31-Jährige von Europol als sogenanntes »High Value Target«, also Ziel mit hohem Wert, eingestuft worden.

Im vergangenen November hatte das Landgericht Traunstein bereits vier Personen als Mitglieder des »Al-Sarawi-Netzwerks« verurteilt. Der Hauptangeklagte, den das Gericht als führenden Kopf einstufte, erhielt eine Haftstrafe von zwölf Jahren. Er soll für zahlreiche, teils lebensgefährliche Schleusungen verantwortlich gewesen sein, in einem Fall mit tödlichem Ausgang. Nach Überzeugung des Gerichts hatte er zudem zwei Morde an seiner Ex-Frau und deren heutigem Mann in Auftrag gegeben, die jedoch nicht ausgeführt wurden.

Weitere Festnahme in Serbien

Außerdem wurde laut der Bundespolizeidirektion München in einem separaten Verfahren ein 32-jähriger syrischer Staatsangehöriger in Belgrad festgenommen. Ihm wird vorgeworfen, sich einem weiteren Schleusernetzwerk angeschlossen zu haben, das nach Ermittlerangaben zwischen 2000 und 10 000 Euro pro Person verlangte, um vorwiegend syrische Staatsangehörige über Serbien und Ungarn beziehungsweise über Bosnien-Herzegowina und Kroatien in die EU und von dort per Auto, Kleintransporter oder Lastwagen über mehrere Länder weiter nach Deutschland zu verhelfen. Insgesamt soll der Mann an mindestens 37 solcher Fahrten zwischen Juni 2023 und Juni 2024 beteiligt gewesen sein, bei denen mindestens 625 Menschen transportiert worden seien. Bereits 2025 waren nach Behördenangaben fünf weitere mutmaßliche Mitglieder dieser Gruppierung in Deutschland, den Niederlanden und Bosnien-Herzegowina festgenommen worden.

»Die heutigen Festnahmen lenken den Blick allein auf Schleuser – dabei ist es die EU selbst, die durch das Fehlen sicherer und legaler Fluchtwege Menschen erst in deren Hände treibt, während sie gleichzeitig libysche Milizen unterstützt, die Menschen zurück in Folter und Ausbeutung zwingt«, erklärt die deutsche NGO Sea-Watch zu den Razzien. Diese Doppelmoral mache die EU-Migrationspolitik unglaubwürdig.