Die Debatte um die Auswirkungen der sozialen Medien auf Kinder wird in vielen Ländern seit Längerem geführt. Australien galt mit einem Verbot als Vorreiter, die Regierung dort räumt inzwischen aber Probleme bei der Umsetzung ein. Zuletzt hatte Frankreich als erstes EU-Land ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren beschlossen.

Mehrere andere Mitgliedsländer wie Spanien, Griechenland und Österreich wollen Regeln für Minderjährige bis zu einem bestimmten Alter gesetzlich festlegen. Auch Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) kündigte an, ein solches Verbot in Deutschland einführen zu wollen, was stark umstritten ist. Sie sieht eine nationale Lösung aber nur als Übergang und setzt auf eine EU-Regelung, wie sie am Samstag betonte.

Die Vertretung der deutschen Kinder- und Jugendärzte beklagt jetzt ein Versagen der Eltern und verlangt einen besseren Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sozialen Medien. „Ich merke fast jeden Tag in meiner Praxis, dass sich die Probleme immer weiter verschärfen“, sagte der Bundessprecher des Pädiater-Berufsverbandes BVKJ, Jakob Maske, der „Neuen Osnabrücker Zeitung“.

Es geht um die Zukunft unserer Kinder und damit unserer Gesellschaft

Jakob Maske, Bundessprecher des Pädiater-Berufsverbandes

Maske, seit 30 Jahren Kinderarzt, sagte weiter: „Kinder können sich der krassen Beeinflussung auf den Plattformen kaum noch entziehen, und Jugendlichen ist es fast nicht mehr möglich, sich eine freie Meinung zu bilden.“ Der Mediziner aus Berlin-Schöneberg weiter: „Dass Social Media gerade junge Menschen krank und dumm macht, ist längst erwiesen.“ Er warnte: „Die Fälle von risikobehafteter Bildschirmnutzung steigen und steigen.“

Aus Sicht der Kinderärzte gilt: „Bildschirmfrei bis drei“

Maske erhebt Vorwürfe gegen Mütter und Väter: „Es gibt leider ein gravierendes Elternversagen, was Social Media und Bildschirmnutzung angeht“, sagte Maske weiter. Sie müssten Grenzen setzen und selbst Vorbild sein. „Das passiert leider viel zu selten, sie machen es nicht, oder sie scheitern beim Versuch, Regeln durchzusetzen.“

Maske berichtete aus dem Praxisalltag: „Wenn ich ins Wartezimmer schaue, kleben dort Eltern und Kinder an ihren Smartphones. Schon Kleinkinder haben Kopfhörer auf und ein Tablet vor der Nase.“ Es gebe den Trend, noch kleinere Kinder mit den Geräten abzulenken. Zu den Forderungen der Kinderärzte gehöre: „Bildschirmfrei bis drei.“

Der BVKJ als Interessenvertretung sei inzwischen offen für ein Verbot von Social Media, „etwa bis 14 Jahren“, sagte Maske. „Das kann ein Baustein sein. Aber das reicht nicht. In Australien sehen wir, dass acht von zehn Jugendlichen das Verbot umgehen und die Anwendungen trotzdem nutzen. Auch Voreinstellungen am Handy kann jeder einigermaßen pfiffige Jugendliche rasch umgehen.“

Maske forderte vor allem Aufklärung der Kinder und Jugendlichen. „Wenn ich einer 16-jährigen Patientin sage, zu viel Smartphonezeit und soziale Medien machen dumm, dann schreibst Du schlechtere Noten, dann regt es schon mal zum Nachdenken an.“

Praxis Kinderarzt Dr. Jakob Maske <p>Praxis Kinderarzt Dr. Jakob Maske , fotografiert am 12.Oktober 2021 in Berlin. Deutschland Berlin Berlin Copyright: MaurizioxGambarini NUR F?R REDAKTIONELLE ZWECKE *** Practice Pediatrician Dr Jakob Mask P Practice Pediatrician Dr Jakob Mask , photographed on 12 October 2021 in Berlin Germany Berlin Berlin Copyright Mauriziox Gambarini only for Editorial Purpose Copyright: MaurizioxGambarini doc7hxptv2y77d1gqbq436h EDITORIAL USE ONLY Kinderarzt Jakob Maske, Bundessprecher des Pädiater-Berufsverbandes, steht in seiner Praxis.

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Das reiche aber nicht aus: „Am Ende braucht es schlicht harte Regeln für die Betreiber. Die Anbieter von Tiktok & Co. stehen in der Pflicht.“

Die Bundesregierung und der neue Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) müssten endlich handeln. „Es gibt längst die Möglichkeit, national Bedingungen für Plattformen zu setzen.“ Die Engländer machten es vor. „Es geht um die Zukunft unserer Kinder und damit unserer Gesellschaft.“

Prien hofft bei Social Media auf zügiges EU-Gesetz

Prien bekräftigte ihre Haltung, dass sie auf eine europäische Lösung setze. „Bis zum Ende des Sommers werden wir Eckpunkte für eine deutsche Gesetzgebung vorlegen, die aber ganz bewusst als Übergangsregelung angelegt ist, um am Ende zu einer gemeinsamen europäischen Lösung zu kommen“, sagte sie dem „Hamburger Abendblatt“. Sie gehe davon aus, dass das Gesetzgebungsverfahren mindestens ein halbes Jahr dauere.

Empfehlung für EU

Expertinnen und Experten im Auftrag der EU-Kommission hatten empfohlen, den Zugang zu Social Media für Kinder unter 13 Jahren zu beschränken. Bis zu diesem Alter sollte die Nutzung nur zeitlich begrenzt unter Aufsicht der Eltern oder in pädagogischem Kontext möglich sein. Die Fachleute hatten sich aber explizit gegen ein klares Verbot ausgesprochen, da dies das falsche Signal sende. (dpa)

Der Bundesfamilienministerin schweben neben einem Social-Media-Verbot für Kinder unter 13 Jahren auch Regulierungen für ältere Jugendliche vor. „Auch zwischen 13 und 16 und sogar noch zwischen 16 und 18 könnte es zusätzliche Maßnahmen geben, die dann aber die Plattformen betreffen würden und nicht den einzelnen Jugendlichen.“

Die Ministerin betonte: „Die Plattformenanbieter müssen endlich das Risiko für ihre Technologie übernehmen und dafür Sorge tragen, dass Kinder und Jugendliche eben nur mit solchen Angeboten konfrontiert werden, die altersgerecht sind.“

„Auch das Expertenpanel der Europäischen Kommission spricht sich für eine Altersgrenze von 13 Jahren aus“, sagte die Ministerin. Sie glaube, die Chance einer einheitlichen europäischen Lösung sei groß. „Und gerade das gibt uns eine starke Position: einen gemeinsamen Markt, den wir gemeinsam regulieren können. Diese Chance sollten wir auch wahrnehmen“, sagte Prien.

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Der Plan sei, die Alterssicherung über das sogenannte „EUDI-Wallet“ zu gewährleisten, erklärte die CDU-Politikerin. „Das müsste dann Anfang nächsten Jahres auch fertig sein. Ich hoffe, wir schaffen das“, sagte Prien.

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„Das Geschäftsmodell der Betreiber beruht auf der Erzeugung von Suchtverhalten. Das funktioniert inzwischen sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen nahezu perfekt. Einfach den Eltern die Schuld zuzuweisen, ist zu einfach. Leider hat in Deutschland und der EU niemand die Macht (und den echten Willen) die betreffenden US-Konzerne in die Schranken zu weisen.“

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Die Einführung einer europäischen digitalen Identität (EUDI) soll Bürgerinnen, Bürgern und Unternehmen eine sichere Identifizierung online und offline sowie die Nutzung von Authentifizierungsdiensten in der gesamten EU ermöglichen.