Die Sicherheits-, Leistungs- und Autoschaltkreise aus Dresden und aus anderen Infineons-Fabriken sind weltweit gefragt - in solchen ausgewählten Segmenten spielt Europas Mikroelektronik in der obersten Liga mit. Foto: InfineonDie Sicherheits-, Leistungs- und Autoschaltkreise aus Dresden und aus anderen Infineons-Fabriken sind weltweit gefragt – in solchen ausgewählten Segmenten spielt Europas Mikroelektronik in der obersten Liga mit. Diese Stärken sollten wir weiter stärken, raten die Autoren der Branchenanalyse für die Böckler-Stiftung. Foto: Infineon
Gewerkschaftsnahe Böckler-Stiftung legt Branchenanalyse vor

Dresden/Düsseldorf, 24.08.26. Um wettbewerbsfähiger zu werden, sollte sich die deutsche und europäische Chipindustrie weiter spezialisieren, eigene Wertschöpfungslücken durch internationale Kooperationen ausgleichen, mehr Tarifverträge mit den Gewerkschaften abschließen und mehr in Ökotechnologien investieren. Davon sind Analysten des IMU-Instituts Berlin überzeugt, die für die gewerkschaftsnahe Böckler-Stiftung aus Düsseldorf die Auftragsstudie „Branchenanalyse Halbleiterindustrie“ erstellt haben.

Autoren: Statt überall mithalten zu wollen, sollte Europa seine Stärken stärken

Statt auf allen Hochzeiten „mittanzen“ zu wollen, sollte die – im internationalen Maßstab – vergleichsweise kleine Mikroelektronik-Industrie ihre speziellen Stärken weiter stärken, betonen die Autorinnen und Autoren Sarah Hinz, Franziska Scheier und Gregor Holst: „Statt in allen Segmenten mithalten zu wollen und insbesondere in den Bereich der fortschreitenden Miniaturisierung vorzudringen, sollte Europa seine Strategie auf bereits bestehende Stärken konzentrieren.“ Und: „Bestehende Cluster wie Dresden, Eindhoven/Leuven, Grenoble und Mailand sollten verstärkt Unterstützung erfahren“, empfehlen die Autoren.

EUV-Anlage aus den Niederlanden. Foto: ASMLEUV-Anlage aus den Niederlanden. Foto: ASML
Europa in Leistungs- und Autoelektronik sowie Chipfabrik-Anlagen vorne

In der obersten Liga spielen deutsche und europäische Halbleiter-Unternehmen beispielsweise in der Leistungselektronik, Photonik, Sensorik und Autoelektronik mit, wenn man etwa an Infineon, Bosch, ST Micro oder NXP denkt. Weltweit führend sind zudem die EUV– und DUV-Chipbelichtungs-Anlagen der ehemaligen Philips-Tochter „ASML“ aus den Niederlanden sowie deren deutscher Spiegel-Zulieferer „Zeiss“ – in diesem Lithografie-Segment haben die japanischen und US-Konkurrenten deutliche Rückstände gegenüber den Europäern.

„Mit einer gezielten Förderung kann Europa in diesen Nischenfeldern eine realistische Führungsrolle übernehmen.“
Sarah Hinz, Franziska Scheier und Gregor Holst in: „Branchenanalyse Halbleiterindustrie“

Die EU wie auch die Wirtschaftspolitiker von Bund und Ländern sind aus dieser Perspektive gut beraten, diese Führungspositionen ihrer nationalen und regionalen Champions in ausgewählten Nischen industriepolitisch zu stärken und zu flankieren. Es sei dagegen illusorisch, den Rückstand Europas in der kompletten Kette vom Sand über Silizium, Wafer- und Ausrüstungs-Produktion, Chipdesign und Maskenherstellung bis hin zu Chips der Ångström-Klasse, Endmontage und Konsumelektronik wieder wettmachen zu können.

Kooperationen mit USA, Japan, Taiwan und Südkorea sollen Europas Chipketten krisenfester machen

Eben diese Lücken bei Chipdesign, Highend-Schaltkreisen und Endmontage, bei denen die USA, Taiwan, Südkorea und teils auch China führen, bescheren den Europäern freilich gefährliche Abhängigkeiten, warnen die Studien-Autoren: „Verfestigte geopolitische Spannungen zwischen den USA und China und mögliche Krisen um Taiwan stellen erhebliche systemische Risiken für Europa dar“, argumentieren sie. Die Autoren raten, daher dazu, „internationale Partnerschaften mit alternativen Lieferländern“ wie den USA, Japan Südkorea und Taiwan zu vertiefen. Gegen China empfiehlt die Studie hingegen einen protektionistischen Kurs mit Abschottung und Abwehrzöllen. Allerdings sollte die EU da auch nicht allen Wünschen der Trump-Regierung nachgeben und bei deren Boykott-Politik gegen China die eigenen wirtschaftlichen Interessen im Auge behalten.

Böckler pocht auf Tarifverträge mit Gewerkschaften

Darüber hinaus rät die Branchenanalyse, die letztlich die Gewerkschaften über ihre Stiftung beauftragt hatten, mehr Mitbestimmung durch Betriebsräte und Tarifverträge mit den Gewerkschaften in den Chipfabriken zu verankern. Dies werde gegen den Fachkräftemangel helfen. „Insbesondere im Umfeld des Dresdner Clusters, einem der größten Europas, haben sich Tarifverträge bislang nicht flächendeckend durchgesetzt“, räumen die Autoren ein. „Stattdessen bestehen hier große Lücken, selbst wenn die Entlohnung für die Region – nicht aber für die Branche insgesamt – vergleichsweise gut ist.“

Ein Vorgeschmack für die Taiwanesen, wie Deutschland tickt: IG-Metaller und Betriebsräte fordern vor der Chipfabrik-Baustelle von ESMC schon mal Tarifverträge von dem Gemeineinschafts-Uunternehmen von TSMC, Infineon, Bosch und NXP ein. Foto: Heiko WeckbrodtEin Vorgeschmack für die Taiwanesen, wie Deutschland tickt: IG-Metaller und Betriebsräte fordern vor der Chipfabrik-Baustelle von ESMC schon mal Tarifverträge von dem Gemeineinschafts-Uunternehmen von TSMC, Infineon, Bosch und NXP ein. Foto: Heiko Weckbrodt

In Sachsens Technologieindustrien ist die Affinität zu gewerkschaftlicher Bildung ohnehin nicht mehr sehr groß. Hinzu kommen Verschiebungen hin zu akademischen Belegschaftsprofilen: Einfache Produktionsmitarbeiter (früher „Operators“ genannt) spielen in den modernen, hochautomatisierten Fabs kaum noch eine Rolle. Ansonsten gelte aber: „Fachkräfteengpässe bestehen auf allen Qualifikationsstufen.“ Viel Potenzial könnten die Unternehmen hier auch heben, wenn sie mehr Frauen engagieren. „Frauen sind in technischen Berufen der Halbleiterindustrie weiterhin unterrepräsentiert“, heißt es in der Studie. „Gleichzeitig gewinnen internationale Fachkräfte auch in Deutschland zunehmend an Bedeutung, was wiederum auch betriebliche Kulturen beeinflusst.“

Analyse rät zu Spezialisierung auf „grüne“ Chips und Chipfabriken

Ähnlich wie EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die mit ihrem „Green Deal“ neue Jobs und Wettbewerbsvorteile versprach, damit aber in der Praxis zur Deindustrialisierung von Deutschland beigetragen hat, plädieren die Studienautoren zudem auf eine neue Spezialisierung der europäischen Halbleiterindustrie auf sogenannte „grüne“ Chips und „grüne“ Fabriken. Damit meinen sie Chipwerke, die viel Wasser, Wärme und Materialien wiederverwerten, sowie besonders energieeffiziente und zuverlässige Schaltkreise. „Mit einer gezielten Förderung kann Europa in diesen Nischenfeldern eine realistische Führungsrolle übernehmen“, sind die Autoren überzeugt.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Hans-Böckler-Stiftung, Oiger-Archiv, Wikipedia

Wissenschaftliche Publikation:

„Branchenanalyse Halbleiterindustrie – Wirtschaftliche Strukturen, Beschäftigungstrends und Herausforderungen“ von Sarah Hinz, Franziska Scheier und Gregor Holst unter Mitarbeit von Anja Jahn (IMU Berlin), Herausgeber: Hans-Böckler-Stiftung, Forschungsförderung Working Paper Nr. 408, 2026, Fundstelle im Netz hier