Die Krise in Ceuta hat die Migration nach Europa erneut in den Fokus gerückt. Dabei lohnt sich ein Blick auf Afrikas Generation Z. Sie ist frustriert, protestiert und sucht nach Perspektiven. Könnte daraus eine neue Migrationswelle entstehen – und wer könnte sie beeinflussen? Fragen an den Politikwissenschaftler Stefan Friedrich.
Kein anderer Kontinent ist so jung wie Afrika. Allein in Nigeria gehören mehr als 25 Prozent der Bevölkerung der sogenannten Generation Z an, in Deutschland sind es zum Vergleich rund 15 Prozent. Dazu gehören jene Menschen, die zwischen den Jahren 1995 und 2010 geboren wurden.
Viele von ihnen wachsen in Afrika unter autoritären Systemen auf. Unterdrückung und Menschenrechtsverletzung gehören zu ihrem Alltag. Dazu kommen fehlende wirtschaftliche Perspektiven und dauerhafte Krisen.
Der Frust ist groß. Aber groß ist auch der Mut, etwas zu verändern. Das zeigt eine Umfrage der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung in Subsahara-Afrika. Alle Auslandsmitarbeitenden der 17 Büros in 13 Ländern gaben Auskunft darüber, wie es um die „Gen Z“ etwa in Mali, Senegal und Kenia steht. Es zeichnet sich eine selbstbewusste, aber führungslose Jugend ab. Inwiefern das zu Unruhen und zu größeren Migrationsbewegungen nach Europa führen könnte, erklärt der Leiter der Afrika-Abteilung, Stefan Friedrich, im Interview.
Herr Friedrich, Afrika ist komplex und mit Abstand der jüngste Kontinent der Welt. Gibt es einen Punkt, der die Gen Z vereint?
Stefan Friedrich: Besonders sticht bei unserer Umfrage hervor, dass die Jugend in Afrika ungeduldiger wird. Sie will nicht mehr die Herrschaft der alten Eliten mittragen. Es ist ein Widerspruch, dass der Kontinent mit dem größten Anteil an jungen Menschen von so vielen alten schwarzen Männern regiert wird. Um nur einige Beispiele zu nennen: In Kamerun ist der Präsident Paul Biya 93 Jahre alt und seit 1982 im Amt. In Uganda regiert seit 40 Jahren der 81-jährige Yoweri Kaguta Museveni.
Es sind nicht nur die alternden politischen Eliten, sondern auch Parteien, die an ihrer Macht festhalten.

Stefan Friedrich leitet die Abteilung Subsahara-Afrika der Konrad-Adenauer-Stiftung.
© Stefan Friedrich
Absolut. Es gibt Länder, in denen die Führungspersonen wechseln, aber nicht die Regierungsparteien, insbesondere im südlichen Afrika, etwa in Tansania, Namibia, Südafrika, Mosambik oder Simbabwe. Dort halten sich die gleichen Parteien seit Jahrzehnten an der Macht fest.
Ist die Gen Z mutiger als ihre Eltern und Großeltern, wenn es darum geht, etwas zu verändern?
Es ist eine selbstbewusstere Generation, die sich im Allgemeinen weder von heimischen noch von externen Mächten vereinnahmen lassen möchte. Dazu ist es wohl die bestausgebildete junge Generation, die es je in Afrika gab. Sie wünscht sich weniger Korruption, mehr Arbeitsplätze, bessere wirtschaftliche Perspektiven und eine politische Erneuerung. Die Gen Z löste 2024/25 massive Protestwellen aus. In Madagaskar kam es zum Umsturz des Präsidenten und in Nigeria und Kenia bleibt das Protestpotential konstant hoch.
Soll diese politische Erneuerung demokratischer aussehen?
Unter der Gen Z findet die Demokratie breite Zustimmung. Gleichzeitig wächst aber auch die Kritik an ihr, sobald sie den Erwartungen junger Menschen nicht gerecht wird. Eine bessere Wirtschaft mit Perspektiven ist das Thema, das die junge Bevölkerung am stärksten umtreibt.
In den meisten Fällen gelingt der Gen Z keine nachhaltige Veränderung. Nach dem Umsturz folgt oft der nächste Autokrat oder eine Militärregierung. Ein Beispiel ist der Sudan, wo junge Menschen für einen Wandel demonstrierten. Nun befindet sich das Land in einem brutalen Bürgerkrieg.
Es gibt durchaus nennenswerte Erfolge. Im Senegal verhinderte eine von der Gen Z mitgetragene Protestbewegung, dass Präsident Macky Sall seine Amtszeit verfassungswidrig verlängern konnte. Zudem wurde der Oppositionelle Bassirou Diomaye Faye Ousmane Sonko aus dem Gefängnis entlassen, der daraufhin die Wahl gewann.
Das kann man als einen friedlichen Regierungswechsel bezeichnen. In Kenia musste die Regierung die geplante Steuerreform zurückziehen, die im Mittelpunkt der Proteste stand. Präsident William Ruto sah sich gezwungen, auf die Forderung der Jugend einzugehen. Aber ja, die Gen Z könnte wohl noch mehr erreichen, aber sie scheitert an einem zentralen Punkt.
An welchem?
Viele Proteste sind nicht nachhaltig, weil es innerhalb der Bewegungen an einer ausgewiesenen Führungsstruktur mangelt, an hervorstechenden Führungspersönlichkeiten. Mittlerweile ist die Protestaktion in Kenia weitgehend abgeklungen. Allgemein sind die Demonstrationen der Gen Z in Afrika bewusst dezentral und führungslos aufgestellt.
„Der Wunsch nach einem besseren Leben in Europa ist bei vielen verankert. Das heißt aber nicht, dass sich halb Afrika auf den Weg nach Europa machen würde.“
Ende Juli strömten binnen Stunden Zehntausende Menschen aus Marokko in die spanische Nordafrika-Exklave Ceuta. Spanische Medien berichten, dass die marokkanische Regierung den Andrang bewusst ausgelöst oder zumindest geduldet haben könnte, um Spanien unter Druck zu setzen. Wie leicht könnte die führungslose und frustrierte Gen Z zum Spielball externer Mächte werden?
Das muss man differenziert betrachten. Dennoch lässt sich feststellen, dass ein großer Teil der Gen Z eine stärkere Unabhängigkeit vom Einfluss ausländischer Akteure anstrebt – sei es aus dem Westen, aus Russland, der Türkei, China oder den Golfstaaten.
Doch was ist, wenn sich für die Jugend in Afrika nichts ändert? Könnte das zu größeren Migrationsbewegungen nach Europa führen?
Durch Social Media sind junge Afrikaner und Afrikanerinnen heute gut über die Lebensumstände in anderen Ländern und auf anderen Kontinenten informiert. Der Wunsch nach einem besseren Leben in Europa ist daher bei vielen von ihnen verankert. Das heißt aber nicht, dass sich halb Afrika auf den Weg nach Europa machen würde.
An den Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Civey kann jeder teilnehmen. In das Ergebnis fließen jedoch nur die Antworten registrierter und verifizierter Nutzer ein. Diese müssen persönliche Daten wie Alter, Wohnort und Geschlecht angeben. Civey nutzt diese Angaben, um eine Stimme gemäß dem Vorkommen der sozioökonomischen Faktoren in der Gesamtbevölkerung zu gewichten. Umfragen des Unternehmens sind deshalb repräsentativ. Mehr Informationen zur Methode finden Sie hier, mehr zum Datenschutz hier.
Sondern?
Konflikte und Krisen in Ostafrika und im südlichen Afrika führen eher zu Binnenmigrationen, aber nicht unbedingt nach Europa. Aber die Entwicklung in Westafrika spielt durchaus eine Rolle. Also in den Sahel-Ländern oder am Golf von Guinea. Wenn es dort zu Konflikten kommt, werden junge Menschen versuchen, sich in Richtung Europa aufzumachen.
Und genau in dieser Region baut Russland seinen Einfluss aus.
Der Kreml ist in Westafrika äußerst aktiv. Über Social Media gelingt es ihm, Einfluss auf die junge Bevölkerung auszuüben. Sie kaufen sich junge Influencer ein, über die sie russlandfreundliche Narrative verbreiten, und das trifft auf große Resonanz. Im Zuge des Putsches in Mali, aber auch in Niger und Burkina Faso, sah man immer wieder russische Flaggen. Durch die Verbreitung russischer Narrative gerieten westliche Akteure wie insbesondere Frankreich in die Defensive und mussten sich zurückziehen.
Also gerade in den ganz armen Ländern des Sahel ist die Jugend für russische Einflusskampagnen und Verschwörungserzählungen anfällig?
Massiv. Das ist erschreckend.
Es ist kein Geheimnis, dass Russland Migration als Waffe einsetzt. Könnte der Kreml die Gen Z in Westafrika für seine Zwecke mobilisieren?
Es liegen uns keine konkreten Anhaltspunkte vor, inwieweit Russland größere Migrationsströme in Gang setzen könnte. Ich bin hier skeptisch. Die Hürden sind und bleiben extrem hoch für Menschen, von Westafrika nach Europa zu gelangen.
Sollten Europa und Deutschland also mehr auf Afrikas Jugend achten?
Ja, es ist die entscheidende Generation für die Zukunft. Ich gehe davon aus, dass die heutige Gen Z irgendwann in Führungspositionen vertreten sein wird und die Entwicklung ihrer Länder maßgeblich beeinflusst. Die aktuelle deutsche Afrikapolitik ist bereits aktiver geworden, wirtschaftliche Perspektiven für junge Menschen zu erschließen. Es ist entscheidend, Zukunftsperspektiven zu schaffen.
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Eine Umfrage des Afro-Barometers von 2024/25 zeigt bereits einen sinkenden Zuspruch für die Demokratie unter den 18- bis 25-Jährigen. Die Wahlbeteiligung schwindet und die Politikverdrossenheit steigt. Verpassen wir ein Momentum in Afrika?
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Bei den letzten Parlaments- und Präsidentschaftswahlen in Nigeria lag die Wahlbeteiligung bei 27 Prozent. Das ist wirklich dramatisch. Die wirtschaftliche Entwicklung muss jetzt absolut im Zentrum stehen. Die Unzufriedenheit junger Menschen mit der Demokratie richtet sich weniger gegen die Demokratie an sich als vielmehr gegen das Gefühl, dass sie nicht die gewünschten Entwicklungsperspektiven und Zukunftschancen eröffnet. Stärken wir die Wirtschaft in Afrika, stärken wir die Demokratie.
Über den GesprächspartnerStefan Friedrich leitet die Abteilung Subsahara-Afrika der Konrad-Adenauer-Stiftung. Der Sinologe und Politikwissenschaftler blickt auf zahlreiche internationale Stationen innerhalb der CDU-nahen Stiftung zurück. 2001 baute er etwa das Büro in Shanghai auf und übernahm später die Leitung des Teams Asien und Pazifik.