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Seite 1Spitzen-KI ist die Grundlage für Europas Sicherheit


Seite 2Europa sollte sich mit Ländern wie Kanada und Australien verbünden

Wolfgang Ischinger war deutscher Botschafter in Washington und London und ist seit 2008 Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz. Daniel Privitera ist Gründer und Geschäftsführer des KIRA Center, eines unabhängigen Thinktanks, der sich mit KI-Risiken befasst. Er ist Rotating Member der Tech Strategy Initiative der Münchner Sicherheitskonferenz.

Europas Staats- und Regierungschefs müssen einer harten Realität ins Auge sehen: Weil die Vereinigten Staaten kein bedingungslos verlässlicher Partner mehr sind, muss Europa viel stärker selbst für seine Sicherheit sorgen. Das wurde zuletzt beim Nato-Gipfel in Ankara im Juli deutlich, bei dem die Stärkung des europäischen Beitrags in der Nato im Vordergrund stand. Was in vielen Hauptstädten aber noch immer nicht vollumfänglich angekommen ist: Spitzen-KI – leistungsfähige KI-Systeme von unmittelbarer Relevanz für Sicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Souveränität – gehört in das Zentrum dieser Neuordnung. Die Technologie muss zur obersten Priorität auf der höchsten Politik-Ebene werden.

Die vergangenen Monate haben das deutlich gemacht. KI-Systeme werden immer leistungsfähiger und können schon heute missbraucht werden, um Cyberangriffe durchzuführen. Vorfälle wie der einer OpenAI-KI, die selbstständig entschied, ein anderes Unternehmen zu hacken, zeigen außerdem, dass Kontrollverluste über KI-Systeme keine Science-Fiction mehr sind. Diese für die nationale Sicherheit hochrelevanten Entwicklungen werden, davon muss man ausgehen, weitergehen und in ihrem Ausmaß zunehmen.

Wer sich dagegen schützen will, braucht unter anderem selbst Zugang zu den besten KI-Modellen. Allerdings hat die amerikanische Regierung gezeigt, dass sie Ausländern jederzeit den Zugang zu solchen Modellen sperren kann. Zwar ist Europa auch in anderen Bereichen auf die USA angewiesen, aber bei KI ist diese Abhängigkeit besonders brisant, da diese Technologie in Zukunft nicht nur die Grundlage für ökonomische Wertschöpfung, sondern auch für nationale und internationale Sicherheit elementar sein wird.

In den Hauptstädten ist noch nicht angekommen, wie schnell sich KI entwickelt

Europas KI-Politik kann dieser Herausforderung nur gerecht werden, wenn sie mit einer ehrlichen Bestandsaufnahme beginnt. Denn in Brüssel und den europäischen Hauptstädten ist zu vielen Menschen an den entscheidenden Stellen noch nicht klar, mit welch beispielloser Geschwindigkeit die aktuelle KI-Entwicklung voranstürmt. Die Rechenleistung, die für das Training dieser Modelle aufgewendet wird, vervierfacht sich jedes Jahr. Resultat ist immer leistungsfähigere KI, die heute in verschiedenen Bereichen das Niveau menschlicher Experten mit Doktortitel erreicht.

Europa ist derzeit nicht in der Lage, in diesem Wettrennen mitzuhalten. Die strukturellen Bedingungen in Europa – zu wenig Kapital und Rechenleistung, strenge Regeln im Urheberrecht und Datenschutz, unattraktive Bedingungen für Gründungen, in der Folge Talentabwanderung in die USA – machen es aktuell kaum möglich, erfolgreiche KI-Unternehmen aufzubauen. Das führt dazu, dass europäische KI-Modelle hinter der Konkurrenz aus China liegen, die wiederum hinter den führenden US-Modellen liegen.

© ZEIT ONLINE

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Diese Kluft könnte in Zukunft sogar noch weiter wachsen. Grund dafür ist das, was in der Wissenschaft »rekursive Selbstverbesserung« genannt wird: KI-Systeme, die vollkommen eigenständig ihre nächste Generation entwickeln. Dieser Meilenstein könnte in nur wenigen Jahren erreicht sein – und somit der Punkt, an dem sich die zu diesem Zeitpunkt führende KI-Nation nicht mehr einholen lässt. Europas Handlungsfenster ist dabei, sich zu schließen.

In der Tech Strategy Initiative der Münchner Sicherheitskonferenz, einer Initiative, die Entscheidungsträger und Experten im Bereich der Zukunftstechnologien zusammenbringt, sprechen wir deshalb inzwischen nicht mehr nur über dem Menschen kognitiv ebenbürtige allgemeine künstliche Intelligenz (AGI), sondern über künstliche Superintelligenz (ASI), die dem Menschen kognitiv davonzieht – mit gesamtgesellschaftlichen Implikationen, die heute kaum absehbar sind. Hinzu kommen die sicherheitspolitischen Risiken: KI könnte in Zukunft nicht nur bei Cyberangriffen unterstützen, sondern auch beim Bau biologischer Waffen. Auch die Frage, wie die Menschheit überhaupt die Kontrolle über superintelligente KI-Systeme behalten könnte, ist offen.