Das elementare Ziel, dem sich die Verantwortlichen der Europäischen Zentralbank (EZB) verschrieben haben, ist die Preisstabilität. Diese sehen sie als gewährleistet an, wenn sich die Inflationsrate in einem engen Korridor um zwei Prozent bewegt. Das heißt in der Praxis: Steigen die Preise deutlich stärker an, dann müssen die Zentralbanker handeln.

Genau an dem Punkt ist die EZB nach Einschätzung ihrer Direktorin Isabel Schnabel angekommen. Im Juli lag die Inflationsrate in Deutschland bei 2,8 Prozent, in der Eurozone sogar noch 0,1 Prozentpunkte höher. Für Schnabel der Anlass zum Handeln: „Beim aktuellen Leitzins ist es unwahrscheinlich, dass die Inflation mittelfristig auf das Zielniveau zurückkehrt“, sagte sie der Finanznachrichtenagentur Bloomberg und verwies darauf, dass sich der Konflikt im Nahen Osten hinziehe und die robuste Wirtschaft der Eurozone Aufwärtsrisiken für die Inflation berge. „Daher wird eine weitere Straffung erforderlich sein“, urteilte Schnabel. Die nächste Sitzung des Gremiums findet am 10. September statt.

Es bahnt sich also der nächste Zinsschritt an nach der Anhebung im Juni, bei der die Währungshüter den Einlagenzins auf 2,25 Prozent angehoben hatten. Im Juli gab es dann eine Zins- und Denkpause, aber seither hat sich die geopolitische Lage kaum verändert, und mit ihr bleibt auch die Gefahr weiter steigender Energiepreise, die die Produktionskosten für die Industrie und das Autofahren und Heizen für die Verbraucher teurer machen.

Die EZB handelt in diesen Zeiten offensichtlich rascher und konsequenter als nach dem Kriegsbeginn in der Ukraine vor viereinhalb Jahren. Damals machten ihr Kritiker den Vorwurf, sie habe zu lange gezögert, weil sie den enormen Anstieg der Inflation als vorübergehendes Phänomen eingestuft hatte. Diesmal geht alles schneller, auch vor dem Hintergrund, dass sich Energie im Juli nach dem Auslaufen des Tankrabatts und dem Krieg im Iran im Jahresvergleich um 8,3 Prozent verteuert hat. Zudem liegt auch die Kerninflationsrate, bei der die Preise für Energie und Lebensmittel herausgerechnet sind, aktuell bei 2,4 Prozent, also auch über dem Zielwert.

Die Zinserhöhung, die nun alle erwarten, hätte natürlich Folgen für die Finanzmärkte.

Manche mögen es schon gemerkt und reagiert haben: Viele Banken und Sparkassen haben die Zinsen für Tages- und Festgelder bereits erhöht. Das Finanzportal Biallo ermittelte jüngst für Neukunden Tagesgeld-Angebote von mehr als vier Prozent, bei Festgeld noch mehr als drei Prozent. Das deckt zumindest die Inflation. Allerdings sollten Interessenten immer genau hinschauen, auf welchen Anbieter sie sich einlassen und ob dieser Anbieter beispielsweise dem deutschen Einlagensicherungssystem angeschlossen ist.

Zinserhöhungen sind schlecht für jene, die Geld brauchen. Also für Verbraucher, die sich Geld leihen wollen beispielsweise für einen Möbelkauf, oder Unternehmen, die mit Krediten Investitionen finanzieren. Da liegt aber nach Einschätzung von Isabel Schnabel derzeit kein Problem. Und tatsächlich ist die Wirtschaft im Euroraum nach einem Nullwachstum im ersten Quartal in den drei Monaten danach um 0,4 Prozent gewachsen. Dazu tragen unter anderem die erhöhten Verteidigungsausgaben und Investitionen in Digitalisierung und künstliche Intelligenz bei.

Der Kreditzins für Immobilienkredite hängt nur indirekt an dem, was die Währungshüter beschlossen haben. Deutlich wichtiger ist die Entwicklung der Inflationsrate. Was dazu führt, dass Investoren, die eine zehnjährige Bundesanleihe kaufen wollen, eine höhere Verzinsung verlangen. Also steigt die Rendite, damit auch die Rendite auf Pfandbriefe, die Banken ausgeben, um die Kreditvergabe finanzieren zu können. Und dann geht es eben auch bei den Zinsen für Baudarlehen nach oben.

Steigende Zinsen sind in der Regel Gift für die Börse und das Edelmetall. Denn sie lassen Zinsanlagen attraktiver werden im Vergleich zu Aktien-Investments. Und Gold wirft bekanntlich keine Zinsen ab und verliert damit bei Zinserhöhungen ebenfalls an Reiz für Investoren. Allerdings ist dieser Effekt nur dann wirklich stark, wenn die Realzinsen entsprechend hoch sind, der Nominalzins beispielsweise von Bundesanleihen deutlich über der Inflationsrate liegt. Und beim Gold gibt’s ja auch noch die Zentralbanken, die mit ihren Käufen zuletzt den Kurs auch wieder nach oben getrieben haben. Was die Gold-Nachfrage in Europa drücken könnte, wären steigende Zinsen in den USA, die den Dollar-Kurs steigen lassen. Und weil Gold in Dollar gehandelt wird, steigt der Kaufpreis für Investoren außerhalb des Dollar-Raums.