Kamil legt ein Stück Kabeljau in den Teig und lässt es ins heiße Öl gleiten. Der Fisch wurde nur wenige Stunden zuvor an den Stand Frystihusid im Hafen von Reykjavik angeliefert, 40 Kilogramm, frisch vom Boot. Nun zischt das Filet im Fett. Draußen vor der kleinen Markthalle sitzen Touristen auf den einfachen Holzbänken und genießen den Ausblick, während sie auf „Fish and Chips“ warten, der Bestseller hier, wie Koch Kamil sagt. Sonnenstrahlen drängen sich bei neun Grad durch die Schleierwolken, mehr Sommer als an diesem Mittwochmittag im Juli geht in Island kaum. Im Hintergrund bilden die schneebedeckten Berge der Faxaflói-Bucht eine Panoramakulisse.
Fischerboote treffen auf Nato-Forschungsschiff
Wenige Meter von den Urlaubern entfernt schaukelt an einem Kai die „Venus NS 150“, einer der größten isländischen Fischtrawler. Gegenüber hat die „NRV Alliance“ angelegt, ein Forschungsschiff der Nato. Die Nachbarschaft ist Zufall, symbolisch wirkt sie trotzdem. Das eine Schiff steht für einen Wirtschaftszweig, der dem Land aufgrund seiner fischreichen Gewässer mit Makrelen, Kabeljau und Heringen Wohlstand brachte und tief im nationalen Selbstverständnis verankert ist. Das andere für eine Sicherheitsordnung, die für viele Isländer spätestens seit Russlands Angriff auf die Ukraine wichtiger geworden ist als je zuvor und mit Donald Trumps zweiter Amtszeit als US-Präsident noch mehr an Bedeutung gewonnen hat.
Beide Seiten kämpfen nun für ihr Anliegen: Am 29. August sind die knapp 400.000 Bürgerinnen und Bürger des Inselstaats aufgerufen, darüber abzustimmen, ob die sozialliberale Regierungskoalition die seit 13 Jahren ausgesetzten Verhandlungen über einen Beitritt zur EU wieder aufnehmen soll. Es geht um einen Neustart der Gespräche, zumindest offiziell. Erst in einem zweiten Referendum würde es dann um die Mitgliedschaft gehen. Tatsächlich schwebt aber schon jetzt über allem die alte Frage, wie viel Unabhängigkeit sich ein kleines Land noch leisten kann und wie viel Souveränität es sich bewahren will? Die Antwort berührt fast alles, was Island ausmacht.
„53:21:15:07“ – auf der Website der pro-europäischen Bewegung Evrópuhreyfingin zählt eine digitale Uhr die Tage, Stunden, Minuten und Sekunden bis zur Abstimmung herunter. Snærós Sindradóttir und Páll Rafnar Thorsteinsson sitzen im Vorstand der Kampagne und an diesem späten Abend in einem Reykjaviker Restaurant nahe der Betonkathedrale Hallgrímskirkja, dem Wahrzeichen der Hauptstadt. Arktischer Saibling, kanadischer Hummer, Rentier-Filet – schon die Speisekarte verrät die abgelegene Lage der Insel mitten im Nordatlantik. Der Korridor zwischen Grönland und dem Vereinigten Königreich ist strategisch bedeutend für Europa, die Vereinigten Staaten, Russland und China. Vereinfacht gesagt: Wer Zugang zum Atlantik will, kommt an Island, dem Tor zur Arktis, nicht vorbei.
Pro-Europäer warnen vor Trump-Risiken
Vor Ort fühlen sich die meisten Menschen dagegen nicht ernsthaft bedroht. Man ist weit weg von den Konflikten dieser Welt. „Wir konnten die Augen verschließen“, sagt Sindradóttir vom Ja-Lager. Die Mischung aus Bequemlichkeit und einem Hauch Selbstzufriedenheit änderte sich zumindest in einigen Zirkeln, seit Trump erneut im Weißen Haus das Sagen hat und mit der Annexion Grönlands liebäugelt. Dass der Republikaner außerdem Island und Grönland immer wieder verwechselt und der US-Botschafter in Island Scherze darüber reißt, die Insel zum 52. Bundesstaat der USA zu machen, sorgt in Reykjavik für Nervosität. Früher sei Amerika das „Leuchtfeuer der Demokratie“ gewesen, sagt Pro-EU-Aktivist Páll Rafnar Thorsteinsson. Jetzt sei es die EU, die Werte wie Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit schütze.
Hinter den Kulissen wächst die Hoffnung, dass Island der Schlüssel zu Norwegen sein könnte. Bei einer Annäherung Reykjaviks an die EU würde der Druck auf Oslo „enorm“ sein, meinte etwa ein hochrangiger Diplomat in Brüssel. „Wenn wir mit ‚Ja’ stimmen, wird Norwegen automatisch einen Schritt in Richtung EU machen“, befindet auch Thorsteinsson.
Island übernimmt EU-Recht ohne Stimme
Wie Norwegen ist Island bereits Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) und in der Europäischen Freihandelsassoziation (EFTA), gehört damit zum Schengen-Raum mit seinen offenen Binnengrenzen. In der Praxis heißt das, dass Reykjavik rund 80 Prozent der EU-Gesetzgebung übernommen hat, aber ohne Mitspracherecht bleibt, wie EU-Befürworter bemängeln. Nachdem der Zusammenbruch des Bankensystems das Land 2009 fast in den Bankrott getrieben hatte, stellte die Insel einen Beitrittsantrag, vier Jahre später aber zog sich eine neue Regierung von den Beratungen zurück, 2015 wurden die Verhandlungen komplett eingefroren, vorneweg wegen Differenzen bei der Fischereipolitik.
Daran soll es nicht noch einmal scheitern. Valérie Hayer reist Ende Juni bereits zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate nach Island. Sie ist die Vorsitzende der liberalen Parteifamilie Renew im Europaparlament und will erfahren, wie die EU den Isländern in Sachen Referendum helfen kann. „Es liegt an uns, Erweiterung nicht mehr nur als wirtschaftliches Projekt oder bürokratische Übung, sondern als geopolitisches Instrument zu verstehen“, so Hayer. Die Französin besucht Unternehmen wie Carbfix, wo sie Kohlendioxid in Stein verwandeln. Sie fährt auf die Halbinsel Reykjanes, die seit Jahren unter dem Vulkan Sundhnúksgígar zittert. Etliche Unternehmen auf der Insel erhielten für ihre Projekte nicht nur Fördergelder aus Brüssel, sondern sind auch von den Vorschriften betroffen. Trotzdem wollen sich die meisten nicht auf eine Seite schlagen. Es erinnert an die Kampagne vor dem Brexit-Referendum im Vereinigten Königreich 2016. Dort hielt sich die Geschäftswelt ebenfalls auffallend zurück.
Außenministerin fordert Kontrolle über Fischerei
Auch in Island werben die Pro-Europäer vor allem mit wirtschaftlichen Argumenten. Stabile Währung durch die Einführung des Euro, niedrige Zinsen, Eindämmung der Inflation, langfristige Planbarkeit bei Investitionen, Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit. Die Nein-Kampagne berührt dagegen Emotionen und nutzt die Frage von Freiheit und Fisch zur Stimmungsmache. Die „Kabeljaukriege“ gegen Großbritannien im 20. Jahrhundert gelten bis heute als einer der größten außenpolitischen Erfolge des Landes, sind ein wichtiger Teil der kollektiven Identität. Deshalb hofft Islands Außenministerin Thorgerdur Katrín Gunnarsdóttir auf Verständnis in Brüssel. „Die EU sollte uns im weiteren Kontext ein gutes Abkommen anbieten“, sagt sie. Island befinde sich „in einer viel stärkeren Position als beim letzten Mal“. Die Erwartung: „Wir wollen weiterhin die Kontrolle über unsere Fischereiindustrie behalten.“
In der Gemeinschaft ist das Momentum für die EU-Erweiterung so stark wie seit Langem nicht mehr, nachdem Russlands Vollinvasion in die Ukraine den stockenden Prozess wieder angestoßen hatte. Bundeskanzler Friedrich Merz etwa will Beitrittskandidaten wie die Ukraine und Moldau enger an Europa binden, beispielsweise in Form eines abgestuften Modells, sodass Kiew einen Mittelweg zwischen Vollmitgliedschaft und Kandidaten-Schwebezustand einschlagen könnte. Gleichberechtigt am Tisch der aktuell 27 Staatenlenker würde das kriegsgebeutelte Land nicht sitzen.
Umfrage sieht knappes Ja voraus
Dass es der Regierung in Reykjavik ähnlich wie Albanien (siehe Infokasten) ergehen könnte, glaubt indes niemand. „Island ist viel besser vorbereitet, weil es unsere Standards bereits erfüllt“, sagt die Liberale Hayer und appelliert an ihre EU-Kollegen, „dass wir agiler, schneller und strategischer handeln“, ergo: den Isländern schon allein aus Eigeninteresse entgegenkommen. In der Arktis bündelten sich auch nahezu alle großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, ob es um natürliche Ressourcen, kritische Rohstoffe oder Verteidigungs- und Sicherheitsfragen geht.
Eine knappe Mehrheit – 53,1 Prozent der Isländer – würde laut jüngster Umfrage für die Wiederaufnahme der Gespräche stimmen. Vielleicht wird Islands europäische Zukunft also bald in Brüssel ausgehandelt. Ob sie Wirklichkeit wird, entscheidet sich jedoch auf den Fanggründen des Nordatlantiks.