Seit der Eskalation im US-kanadischen Handelskonflikt gewinnt eine Idee wieder an Fahrt, die bereits seit einigen Jahren immer mal wieder auf dem diplomatischen Parkett disuktiert wird: Kanada könnte Mitglied der Europäischen Union werden. Ein solches Unterfangen klingt nur auf den ersten Blick abwegig. „Wenn du schon nicht geografisch Einfluss auf Deine Nachbarn nehmen kannst, dann versuche es über die Institutionen“, zitiert das US-Magazin „New Yorker“ den portugiesischen Politiker Bruno Maçães. Der Portugiese gilt als Befürworter eines EU-Beitritts Kanadas.
Zwar gibt es eine geografische Grenze zwischen Kanada und der EU (durch einen schmalen Streifen Land in der Arktis, einem Gebiet, das zu Grönland und damit technisch gesehen zu Dänemark gehört), doch bevor der nordamerikanische Staat als EU-Territorium deklariert werden könnte, dürften rechtlich noch hohe Hürden zu überwinden sein. Denn die EU-Verträge stellen an eine Mitgliedschaft hohe Ansprüche.
Unmöglich wäre der Schritt jedoch nicht. Der finnische Ministerpräsident Alexander Stubb ließ erst im April bei einem Besuch in Ottawa verlauten, ein Zusammengehen zwischen Kanada und der EU wäre nichts anderes als eine Traumehe („a marriage made in heaven“). Und auch in Deutschland hat die Idee prominente Unterstützer. So befürwortete der ehemalige deutsche Außenminister Sigmar Gabriel schon im vergangenen Jahr eine Mitgliedschaft Kanadas in der EU. „Ohnehin ist Kanada europäischer als manches Mitglied der Europäischen Union“, sagte der SPD-Politiker dem „Weser-Kurier“.
Carney sucht „stabile und gleichgesinnte Partner“
Auch Kanadas damalige Außenministerin, Mélanie Joly, war dem Vorschlag nicht abgneigt: „Grundsätzlich müssen wir enger denn je mit unseren europäischen Verbündeten zusammenarbeiten“, sagte sie.
Genau das passiert inzwischen auf vielen Ebenen. Kanada und die EU haben ein Abkommen zur strategischen Partnerschaft (SPA) unterzeichnet, die eine Kooperation im Bereich Rüstung und Verteidigung vorsieht. Mit dem Freihandelsabkommen Ceta haben Ottawa und Brüssel seit dem vergangenen Jahr fast alle Handelsbeschränkungen aufgehoben und den gegenseitigen Marktzugang sichergestellt. Im Februar 2026 wurde Kanada schließlich erstes nicht-europäisches Mitglied der Safe-Initiative, einem Gemeinschaftsprojekt zur Förderung der Rüstungsindustrie.
Nicht nur politisch und wirtschaftlich haben sich die Beziehungen zwischen der Regierung in Ottawa und Brüssel seit dem zweiten Amtsantritt Donald Trumps im Weißen Haus stetig vertieft. Auch im Bereich der Wissenschaft arbeiten Kanada und die Europäische Union immer enger zusammen, etwa durch Kanadas Teilnahme am Pillar II des Horizon Europe-Programms zur Förderung von industriellem Technologietransfer und Wissenschaftsaustausch. „In diesem Herbst werden wir intensive Gespräche mit der EU führen, um eine noch stärkere politische und sicherheitspolitische Partnerschaft auf den Weg zu bringen“, sagte Carney kürzlich bei einer Rede in Ottawa.
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