Nicht nur der Rhein ist derzeit kaum mehr als ein Rinnsal, auch im Panamakanal fehlt reichlich Wasser. So groß ist der Mangel dort, dass die Zahl der Schiffe, die den Kanal täglich passieren darf, im September reduziert wird. Die Gründe für die Trockenheit im Rhein und im Panamakanal sind allerdings unterschiedlich – während hierzulande der Niederschlag bei beständigen Hochdrucklagen ausblieb, wird der fehlende Regen in Panama auf das Klimaphänomen El Niño zurückgeführt.

Veränderte Niederschlagsmuster sind eine Folge des Wetterphänomens, bedingt durch ungewöhnlich hohe Wassertemperaturen im östlichen Pazifik vor der Küste Südamerikas und gleichzeitig deutlich niedrigere Wassertemperaturen im westlichen Pazifik. Tatsächlich zeichnet sich ab, dass sich in diesem Jahr eines der stärksten El-Niño-Ereignisse seit Beginn der Aufzeichnungen vor 150 Jahren anbahnt – mit Folgen, die auch in Europa zu spüren sein könnten.

El Niño könnte Rekordwerte erreichen

Bei den bisher stärksten Ereignissen 1997/98 und 2015/16 lag der Relative Oceanic Niño Index (RONI) bei etwa plus 2,4 Grad, schreibt Meteorologe Nico Bauer vom Deutschen Wetterdienst (DWD). Der RONI beschreibt laut Bauer, wie stark die Meeresoberflächentemperaturen im zentralen tropischen Pazifik im Verhältnis zu den Temperaturen des übrigen tropischen Ozeans vom Normalzustand abweichen. Laut den aktuellen Prognosen könnte dieser Wert im kommenden Winter deutlich überschritten werden, sogar möglicherweise um ein Grad.

Klimaforscher Zeke Hausfather, Leitautor für den kommenden Bericht des Weltklimarats, sagte der „Süddeutschen Zeitung“ entsprechend, dass das aktuelle El-Niño-Ereignis beispiellos sein werde und „heißer als alles, was wir bisher gesehen haben“. Schon jetzt sei es das zweitstärkste Phänomen seit Beginn der Aufzeichnungen, der Höhepunkt werde aber erst zwischen November und Januar erwartet.

Schwere Dürre und kräftige Niederschäge

Was heißt das nun konkret? Zunächst einmal, dass das Wettergeschehen auf bemerkenswerte Weise durcheinander gebracht wird, wie es Hausfather ausdrückt. Besonders betroffen können unter anderem Teile Amerikas, Australiens, Asiens und Afrikas sein. Während es in Südamerika selbst in sonst trockenen Gebieten zu kräftigen Niederschlägen kommen kann, herrscht in Teilen Südostasiens häufig schwere Dürre, erklärt Bauer. Das kann ökologische wie wirtschaftliche Konsequenzen nach sich ziehen, sowohl für die Region als auch für den Welthandel.

Hausfather spricht davon, dass beispielsweise durch Ernteausfälle die Einbußen im langfristigen Weltwirtschaftswachstum in die Billionen Dollar gehen können. Bei früheren Ereignissen kam es in tropischen Riffen auch zu einer Korallenbleiche, die in diesem Jahr noch schlimmer ausfallen könnte.

Europa wird eher indirekt getroffen. So kann das Phänomen den Polarwirbel sowie die sogenannte Nordatlantische Oszillation (NAO) beeinflussen. Eine negative NAO kann wiederum die Voraussetzungen für Kaltlufteinbrüche nach Europa begünstigen, erklärt Bauer. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass es bei einem starken El Niño zu einem kalten Winter in Europa kommt, weil dafür auch andere Faktoren entscheidend sind. Vergangene El-Niño-Ereignisse hätten laut Bauer sogar gezeigt, dass im Frühwinter durch ausgeprägte Westwinde milde und feuchte Atlantikluft nach Europa geführt wurde.

Aber auch das tritt nicht bei jedem El Niño auf, ist abhängig von Ausdehnung und Intensität des Ereignisses und dem klimatologischen Grundzustand. Bauers Fazit: El Niño könne auch in Europa die Wahrscheinlichkeit bestimmter Wetterlagen verändern, nur lasse sich das noch nicht adäquat prognostizieren.

Hausfather lässt sich gar nicht zu den Folgen für Europa aus. Dafür ist er aber dezidiert, was den Anstieg der weltweiten Temperatur angeht. Es stehe ein großer Sprung der globalen Temperatur bevor, 2027 werde deshalb ein Rekordjahr für die globale Erwärmung. Für die letzten Monate des Jahres erwarte er daher deutlich erhöhte Temperaturen. Hausfather: „Damit wächst die Wahrscheinlichkeit, dass bereits 2026 das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen werden könnte. Ich rechne aber eher mit dem zweitwärmsten Jahr.“