Politischer Sprengstoff

Aktualisiert am 03.09.2026, 18:04 Uhr

Eine neue Studie der TU München könnte das Ende des Verbrenner-Aus auf EU-Ebene bedeuten. (Symbolbild)
© IMAGO/Sylvio Dittrich

Ab 2035 dürfen in der EU so gut wie keine Verbrenner-Autos mehr verkauft werden. Damit will man einen Schritt näher an das große Ziel Europas heranrücken, bis 2050 klimaneutral zu sein. Eine am Dienstag veröffentlichte Studie der TU München soll jetzt aber die Politiker in Brüssel zum Umdenken bewegen.

Schon vor Veröffentlichung der Studie sorgte sie für Wirbel. Für Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) war allein schon ihre Ankündigung Grund genug, um in der „Bild“ „das echte Aus vom Verbrenner-Aus der EU“ zu fordern. Der CSU-Politiker schoss nach: „Natürlich gibt es eine Transformation – aber besser durch Technologieoffenheit statt durch Verbote.“

Debatte ums Verbrenner-AusVertreter der EU-Staaten und des Europaparlaments hatten sich 2022 darauf geeinigt, dass Neuwagen in der Europäischen Union ab 2035 im Betrieb kein klimaschädliches Kohlenstoffdioxid (CO₂) mehr ausstoßen dürfen. Schon damals gab es Kritik an dem Vorhaben.2023 hatte sich die Ampel-Regierung im Streit um ein Aus für neue Autos mit Verbrennungsmotor mit der EU-Kommission geeinigt.Ende 2025 beschloss die schwarz-rote Regierung, sich auf EU-Ebene für Lockerungen beim Verbrenner-Aus einzusetzen. Die EU-Kommission hatte nach Druck aus der Industrie und aus Mitgliedsstaaten angekündigt, die Verordnung zum Verbrenner-Aus überprüfen zu wollen.Im Dezember 2025 legte die EU-Kommission das überarbeitete Automotive Package vor. Im November 2026 soll nun über die Änderungen abgestimmt werden. Viele Politiker, wie Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, fordern ein komplettes Aus vom Verbrenner-Aus. Sie sehen in der TUM-Studie eine Bestätigung ihrer Forderung.TUM-Studie wirft EU Fehlsteuerung vor

Jetzt stellten die drei Studienautoren und TU-Professoren, Johannes Fottner, Magnus Fröhling und Tim Büthe, sowie der Auftraggeber, TUM-Präsident Thomas Hofmann, die Studie in München vor. Im historischen Thiersch-Glockenturm luden sie zum Pressegespräch ein. Sollte hier jetzt das letzte Stündlein des Verbrenner-Aus geschlagen haben?

Ganz so einfach, wie es sich der bayerische Ministerpräsident macht, ist es dann doch nicht. Den Studienautoren war es wichtig zu betonen, dass sie keine Politiker, sondern Wissenschaftler seien. Dennoch titeln sie in ihrer Pressemitteilung zur Studienveröffentlichung, dass die „TUM-Studie eine substanzielle Fehlsteuerung der EU-Regulatorik im Automobil-Bereich“ zeigt. Für Hofmann sei Fehlsteuerung in der Politik zu erkennen, eben schon Aufgabe der Wissenschaft, die richtigen Schlussfolgerungen aus ihrer Forschung zu ziehen, sei dann aber wieder Aufgabe der Politik.

Für die Wissenschaftler, die 19 Studien und 47 modellierte Szenarien für ihre Untersuchung ausgewertet haben, greift das Verbrenner-Aus oder auch Automotive Package genannt, zu kurz. Es betrachtet lediglich den CO₂-Fußabdruck eines Autos am Auspuff und nicht als Ganzes. „Die größte ökonomische wie ökologische Fehlsteuerung besteht darin, dass die Regulatorik der EU-Kommission ausschließlich auf den CO₂-Emissionen über Abgase beruht“, sagt Studienautor Fottner.

Für die EU ist der Umstieg auf E-Mobilität der Schlüssel zur Klimaneutralität. Wenn ab 2035 nur noch emissionsfreie Fahrzeuge verkauft werden dürfen, führt das für sie auf längere Sicht zu einem CO₂-neutralen Automobilsektor. Dabei lässt die EU, laut den Studienautoren, aber entscheidende Faktoren, wie zum Beispiel die zum Bau verwendete Materialien oder Rohstoffe, die Energie, die zum Laden genutzt wird oder die Recyclebarkeit des Autos am Ende seines Lebenszyklus außer Acht.

E-Autos sind Verbrennern überlegen, aber…

Schon jetzt gibt es aber Hersteller, die bei ihren Bauteilen auf grünen Stahl setzen oder recyclebaren Kunststoff verwenden und damit die Klimabilanz ihrer Autos verbessern. So stellten die Studienautoren fest, dass zwar E-Autos auf ihren gesamten Lebenszyklus gesehen im Schnitt 41 Prozent weniger Emissionen produzieren. Aber die Spannweite beträgt -89 bis +21 Prozent. Das heißt, es gibt auch Szenarien, in denen E-Autos klimaschädlicher sind als Verbrenner.

Studienautor Fottner betont aber, „E-Antriebe sind Verbrennern weit überlegen“. Verbrennung sei keine gute Technik. Und Fröhlich fügt hinzu, man wolle mit der Studie die Klimaziele nicht infrage stellen, es gehe ihnen nur um die Methoden, diese zu erreichen.

Hier schließt sich der Kreis zu Markus Söder. TUM-Präsident Hofmann unterstreicht: „Wenn ein Ausstieg aus dem Verbrenner-Aus ein Schritt in Richtung Technologieoffenheit ist, dann ist das zu begrüßen.“ Die Hersteller müssten neben der Fokussierung auf CO₂-neutrale Antriebsmethoden auch dafür belohnt werden, wenn sie im gesamten Lebenszyklus eines Autos auf Emissionsarmut setzen. Das finde in der jetzigen Form des Automotive Packages nur bedingt statt.

EU passt Verbrenner-Aus an

Tatsächlich hat die EU Ende vergangenen Jahres auf Druck der Industrie und vorwiegend konservativer Politiker einen neuen Entwurf des Verbrenner-Aus vorgelegt. Darin wurde das 100-prozentige Verkaufsverbot von Verbrennern ab 2035 aufgehoben und auf 90 Prozent reduziert. Die restlichen zehn Prozent könnten Hersteller beispielsweise durch Verwendung grünen Stahls ausgleichen. Jedoch geben die bisherigen EU-Klimavorgaben der Industrie keinerlei Anreiz, in die „Defossilisierung“ ihrer Produktionsprozesse zu investieren, obwohl das auch die CO₂-Bilanz von Verbrennern verbessern würde. 

Ganz ohne Regeln und Verbote, wie es sich der bayerische Ministerpräsident vielleicht wünscht, geht es auch nach den Studienautoren nicht. Es herrsche in der EU Konsens, dass man CO₂-neutral werden will. Nur an den Rahmenbedingungen müsste gefeilt werden. Aus diesem Grund haben, die Wissenschaftler auch sieben Prinzipien für eine effektive Lebenszyklusüberwachung aufgestellt. Unter anderem schreiben sie, es brauche Planungssicherheit für Investitionen durch einen festen, vorab angekündigten Überprüfungsmechanismus. Oder die freiwillige Berichterstattung zu CO₂-Emissionen über den Lebenszyklus müsse verifiziert und verpflichtend werden.

Empfohlenes Video

Fahrrad-Boom vorbei? Branche unter Druck

Fahrradbranche

© Buzzwoo

Ganz neu ist eine Lebenszyklusbetrachtung für die EU ohnehin nicht. „Mit der Ökodesign-Verordnung und dem CO₂-Grenzausgleichsmechanismus existieren dafür längst europäische Vorbilder“, sagt Fröhling. Außerdem seien die meisten Parteien für eine Lebenszyklusbetrachtung, ergänzt Büthe, der sich mit seinem Team vor allem mit der politischen Dimension des Themas befasst hat. Er sehe ein großes Potenzial für Kompromisse bei den Parteien der Mitte. Zudem gehe er nicht davon aus, dass solch eine Lebenszyklusbetrachtung zu einem bürokratischen Monster werde.

Empfehlungen der Redaktion

Ende November soll im EU-Parlament über das angepasste Verbrenner-Aus abgestimmt werden. „Ich appelliere an Parlament und Rat, die laufende Überarbeitung des Automotive Package zu nutzen, um eine verpflichtend, verifizierte Lebenszyklus-Berichterstattung einzuführen“, sagt TUM-Präsident Hofmann. „Die Zeit drängt und die wissenschaftlichen Erkenntnisse müssen in die Reformdebatte einfließen.“

Verwendete Quellen