Die Aufnahme des Sikawilds in die Liste invasiver, gebietsfremder Arten durch die EU führt in letzter Konsequenz zum Totalabschuss dieser Hirschart. Vor diesem Hintergrund brachte ein Vortrag von Sven Herzog von der TU Dresden überraschende Hypothesen und eine vollkommen neue Sichtweise auf die Sikas. Der Kreisverein Waldshut der Badischen Jäger hatte auf dem Hofgut Albführen zu dieser Informationsveranstaltung eingeladen. Sikaobmann Thomas Bendel hatte die Veranstaltung organisiert, an der rund 100 interessierte Jäger, Forstleute und Verwaltungsmitarbeiter teilnahmen.

Sven Herzog, Lehrstuhlinhaber für Wildökologie und Jagdwirtschaft an der TU Dresden, ist wohl der renommierteste Wissenschaftler in Sachen Sikawild.

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Sven Herzog, Lehrstuhlinhaber für Wildökologie und Jagdwirtschaft an der TU Dresden, ist wohl der renommierteste Wissenschaftler in Sachen Sikawild.
Foto: Ralf Göhrig

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Sven Herzog, Lehrstuhlinhaber für Wildökologie und Jagdwirtschaft an der TU Dresden, ist wohl der renommierteste Wissenschaftler in Sachen Sikawild.
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Die Jäger am östlichen Hochrhein, aber auch die Betreiber von Sikagehegen, sind seit dem vergangenen Jahr in ziemlicher Aufregung. Die EU-Kommission hatte die Sikas zur invasiven Art erklärt, verlangt die Auflösung aller Sikagehege bis 2027 und fordert, wie bei allen invasiven Arten, die massive Zurückdrängung bis hin zur Ausrottung der Tiere. Dass dies in einem von der Schweiz umschlungenen Gebiet, in dem ebenfalls Sikas leben, sinnlos erscheint, da EU-Bestimmungen dort nicht gelten, sei nur am Rande erwähnt. Die EU begründet die Verschärfung der Rechtsverordnung nicht mit den starken Verbiss- und Schälschäden, die die Sikas verursachen, sondern mit der Hybridisierung mit dem heimischen Rothirsch. Tatsächlich waren knapp zehn Prozent der im vergangenen Jahr erlegten Rothirsche im Landkreis Waldshut Hybride. Und da diese Hybride fertil sind, also wiederum Nachkommen bekommen können, besteht tatsächlich die Gefahr, dass der Rothirsch als Art mittelfristig im Südschwarzwald – und in anderen Gebieten – verschwindet.

Das Sikawild ist überaus neugierig und lässt sich gut als Gehegewild halten.

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Das Sikawild ist überaus neugierig und lässt sich gut als Gehegewild halten.
Foto: Ralf Göhrig

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Das Sikawild ist überaus neugierig und lässt sich gut als Gehegewild halten.
Foto: Ralf Göhrig

Sven Herzog, der sich seit mehr als 40 Jahren mit der Genetik von Sika- und Rothirschen befasst, kommt zu dem Schluss, dass beide derselben Art angehören. Eine Hybridisierung sieht er vor allem dort, wo eine Population geschwächt ist. Und eine solche Hybridisierung sei evolutionsbiologisch sogar eine Aufwertung. Er ging auf seine Forschungsergebnisse ein und verwies auf Erfahrungen aus Irland, wo ein Großteil der Hirsche inzwischen Hybride seien. „Wenn es genügend Rothirschkühe gibt, wird sich ein Rothirsch kaum einen Sika zum Paaren suchen“, erklärte Herzog. Doch der Rothirschbestand im Südschwarzwald sei eingebrochen, was zu diesen Hybriden führt. Dass es der Wolf ist, der dem Rotwild im Südschwarzwald den Garaus macht, ist ein anderes Thema. Hinsichtlich der großen Raubtiere sieht Herzog sogar einen Vorteil, wenn es mehrere große Huftierarten im Wald gibt. „Früher waren es neben dem Rothirsch das Damwild, das Wisent, der Auerochse und auch der Elch, die bei uns im Wald lebten.“

Musikalisch umrahmt wird die Veranstaltung durch die Jagdhornbläser des Kreisjagdverbands.

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Musikalisch umrahmt wird die Veranstaltung durch die Jagdhornbläser des Kreisjagdverbands.
Foto: Ralf Göhrig

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Musikalisch umrahmt wird die Veranstaltung durch die Jagdhornbläser des Kreisjagdverbands.
Foto: Ralf Göhrig

Herzog konnte aus wissenschaftlicher Sicht für Mitteleuropa keine Invasivität für das Sikawild erkennen. Der EU warf er vor, bei der Entscheidung einer politischen oder ideologischen Agenda zu folgen. „Leider ist der Naturschutz noch im Denken der 1920er Jahre verhaftet, der alles Fremde als Gefahr sah. Dieses Denken sollten wir heute aber hinter uns gelassen haben“, befand der Wissenschaftler. Als Sofortmaßnahme empfahl er den Aufbau und Erhalt eines vom Populationsumfang und der Sozialstruktur tragfähigen Sika- und Rotwildbestands. Außerdem sollte das Sikawild in seiner Ausbreitung über die bisherigen Kerngebiete verhindert werden. Zudem forderte er einen offensiven Eintritt in eine ethische und jagdpolitische Diskussion. Ferner schlug er vor, rechtliche Optionen zu prüfen und die lokale Bevölkerung über Presse und Medien zu mobilisieren.

Bisweilen treten die Sikas in großen Rudeln auf, was dann auch zu Schäden im Wald führen kann.

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Bisweilen treten die Sikas in großen Rudeln auf, was dann auch zu Schäden im Wald führen kann.
Foto: Ralf Göhrig

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Bisweilen treten die Sikas in großen Rudeln auf, was dann auch zu Schäden im Wald führen kann.
Foto: Ralf Göhrig

Kreisjägermeister Bernhard Kallup forderte in seinem Fazit, die Lebensraumkapazität der Sikas zu überprüfen und festzustellen, wie hoch der Bestand in der Region überhaupt ist. In diesem Zusammenhang müssten ein überlebensfähiger Mindestbestand und ein Maximalbestand ermittelt werden. Auch Tom Drabinski vom Kreisforstamt forderte einen nüchternen und pragmatischen Umgang mit der Thematik.

Das Sikawild

Das Sikawild (Cervus Nippon) stammt ursprünglich aus Fernost. Dort kommt es in zahlreichen Unterarten, hauptsächlich auf den japanischen Inseln, aber auch auf dem Festland in China oder Russland vor. Nach Deutschland gelangte es im Jahr 1906 durch die Familie Hagenbeck, wobei nicht ganz nachvollziehbar ist, welcher Spross der reich verzweigten Zirkusfamilie aus Hamburg letztlich verantwortlich war. Jedenfalls hatte sich der Sika in verschiedenen Weltregionen bereits einen Namen als schmackhafter Fleischlieferant gemacht, weshalb er bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts quer über den Globus in diversen Wildgehegen anzutreffen war. Der Lederfabrikant und Eigentümer des Rohrhofs bei Hohentengen, Friedrich Bertschinger, kaufte 1909 einige Sikas bei den Hagenbecks und machte die fremdländische Wildart im Klettgau heimisch.