IQM Quantum Computers wagt den Schritt an die internationalen Kapitalmärkte: Über den Zusammenschluss mit einer USSPAC strebte das finnisch-deutsche Deeptech-Unternehmen ein Doppellisting an der Nasdaq in New York und der Nasdaq Nordic in Helsinki an. Im Gespräch erläutert Dr. Sierk Poetting, Vorsitzender des Verwaltungsrats von IQM, die Hintergründe der Transaktion, die Bedeutung europäischer Technologiesouveränität und die neuen Anforderungen an Finanzierung und Corporate Governance. Anm. d. Red.: Das Interview wurde am 2. Juli 2026 geführt. Inzwischen ist IQM börsennotiert.
Warum hat sich IQM für den Börsengang (IPO) über eine SPAC entschieden und nicht für einen klassischen Börsengang?
Dr. Poetting: Die Entscheidung für eine SPAC, konkret die Partnerschaft mit der Real Asset Acquisition Corp. (RAAQ), war ein strategischer Schritt, um den Kapitalbedarf für unser wachstumsstarkes und forschungsintensives Geschäft effizient zu decken. Ein SPAC-Prozess bietet uns nicht nur einen schnelleren Zugang zu den globalen Kapitalmärkten, sondern ermöglichte uns auch, die operative und mehrheitliche Kontrolle über das Unternehmen zu behalten. Das Management und die Altaktionäre werden nach dem Abschluss weiterhin über 80 % der Stimmrechte halten. Zudem profitieren wir massiv von der industriespezifischen Expertise des RAAQ-Teams, das tief in der Quantencomputing-Branche verwurzelt ist. Mit einem SPAC-Trust von RAAQ von über 100 Mio. USD sowie einer PIPE-Finanzierung von 146 Mio. USD stellte das SPAC-IPO die erforderlichen finanziellen Mittel zur Umsetzung unserer Strategie bereit. Diesen strukturellen Vorteil einer SPAC haben auch bereits vor uns gelistete Quantenunternehmen wie IonQ, Rigetti, D-Wave oder Infleqtion erfolgreich genutzt.
Sie strebten ein Doppellisting an der Nasdaq in New York und an der Nasdaq Nordic in Helsinki an. Welches Ziel verfolgen Sie mit dieser zweigleisigen Strategie?
Das Hauptziel ist die Maximierung unseres Unternehmenswerts durch globalen Kapitalzugang bei gleichzeitiger Wahrung unserer europäischen Identität. Die Nasdaq in New York ist der weltweit bedeutendste Marktplatz für Technologieunternehmen; dort erreichen wir die spezialisierten institutionellen Investoren, die die Dynamik von Deeptech-Unternehmen verstehen. Das zusätzliche Listing in Helsinki sichert unsere Verbindung zum Heimatmarkt und erlaubt es finnischen, aber auch europäischen Anlegern, direkt in unsere Stammaktien zu investieren, was die Liquidität insgesamt erhöht. IQM ist dabei nicht nur ein Technologieunternehmen mit hoher Forschungsintensität, sondern hat zudem seine Entwicklungen bereits erfolgreich in den Markt gebracht. Nach eigener Einschätzung hat das Unternehmen mehr Quantencomputer verkauft als seine unmittelbaren Wettbewerber und den Schritt von der Technologieentwicklung zur industriellen Anwendung früher als viele andere Anbieter vollzogen. Dies spricht für die Fähigkeit, wissenschaftliche Innovationen in marktfähige Produkte und konkrete Kundenlösungen zu überführen. Wir wollen das erste börsennotierte europäische Quantencomputing-Unternehmen von Weltrang sein.
Warum bleibt die „ListCo“ (die börsennotierte Muttergesellschaft) in Finnland? Ist dieser Weg – erst Europa, dann Expansion in die USA – typisch für die Branche?
IQM ist ein Spin-out der Aalto-Universität und tief im finnischen Forschungsökosystem verwurzelt. Der Verbleib in Finnland ist ein Bekenntnis zur europäischen technologischen Souveränität,mdie für unsere staatlichen und wissenschaftlichen Kunden von zentraler Bedeutung ist. Der Anspruch technologischer Souveränität spiegelt sich bei IQM auch in der Unternehmensstruktur wider. Mit einer eigenen Chipfertigung in Finnland und Aktivitäten rund um den Aufbau einer europäischen Quantencomputing-Infrastruktur verfolgt das Unternehmen einen Ansatz, der auf europäische Wertschöpfung setzt. Eine besondere Rolle spielt dabei Deutschland. In München beschäftigt IQM inzwischen mehr als 100 Mitarbeiter. Darüber hinaus wurden bereits mehrere Quantencomputer an deutsche Forschungseinrichtungen geliefert, darunter das Leibniz-Rechenzentrum in Garching, das Forschungszentrum Jülich und die Universität Heilbronn. Zudem genießen wir als finnisches Unternehmen in den USA den Status eines „Foreign Private Issuer“ (FPI). Das bietet uns erhebliche Vorteile: Wir können weitgehend unseren finnischen Corporate-Governance-Standards folgen, was administrativ effizienter ist und uns von bestimmten strengen US-Offenlegungspflichten befreit. Der Weg ist für europäische Deeptech-Champions durchaus sinnvoll: Man nutzt die exzellente Forschungsbasis in Europa und holt sich das Wachstumskapital für die Skalierung aus den USA.
Der US-SPAC-Markt ist hart umkämpft. Warum ist Ihre Wahl gerade auf RAAQ gefallen?
Es gab in der Tat Wettbewerb, aber RAAQ hat uns durch das Team überzeugt. Berater wie David Moehring, der Gründer und ehemalige CEO von IonQ, bringen ein tiefes Verständnis für die operative Realität eines Quantencomputerherstellers mit. RAAQ war kein reiner Finanzinvestor, sondern ein Partner, der unsere vertikale Integrationsstrategie versteht – von der Chipfertigung bis zur kompletten Systembereitstellung. Die Bedingungen des Zusammenschlusses waren zudem fair und sichern unsere Unabhängigkeit.
Wie lange hat der gesamte DeSPACing-Prozess von der ersten Idee bis zum Börsengang gedauert?
Insgesamt hat der Prozess etwa 13 bis 14 Monate in Anspruch genommen. Der erste Kontakt mit dem Management von RAA fand im Mai 2025 statt, gefolgt von einer intensiven Due-Diligence-Phase und den Verhandlungen über die Struktur mit einer finnischen TopCo und einem Dual Listing. Die formelle Fusionsvereinbarung (Business Combination Agreement) wurde im Februar 2026 unterzeichnet und zeitgleich bei der US-Wertpapieraufsichtsbehörde (SEC) veröffentlicht. Nach der Prüfung durch die SEC im Frühjahr 2026 stand am 25. Juni die entscheidende Aktionärsversammlung von RAAQ an.
Welche Corporate-Governance-Strukturen haben Sie implementiert und wie passen diese zur neuen Rolle als börsennotiertes Unternehmen?
Mit dem Börsengang wandeln wir IQM in eine öffentliche Aktiengesellschaft nach finnischem Recht (Oyj) um. Wir haben einen Verwaltungsrat (Board of Directors) etabliert, der strategisch leitet, überwacht und den CEO miteinschließt. Ein Management Board führt wie ein deutscher Vorstand das operative Geschäft. Das Board of Directors besteht aus sieben Mitgliedern, wobei wir Wert auf Unabhängigkeit und Branchenexpertise gelegt haben. Es wurden spezialisierte Ausschüsse für Audit, Vergütung und Nominierung gebildet. Diese Struktur kombiniert finnische Transparenz mit den internationalen Anforderungen der Nasdaq und bietet dadurch eine verlässliche Basis für Investoren.
Welche Bedeutung hat die Mitarbeiter- und Führungskräftebeteiligung für IQM als Deeptech-Unternehmen?
In unserer Branche sind hoch qualifizierte Köpfe – wir haben über 120 PhDs im Team – das wichtigste Kapital. Die Beteiligung am Unternehmenserfolg ist essenziell, um diese Talente langfristig zu binden. Wir nutzen hierzu verschiedene Aktienund Aktienoptionsprogramme, die teilweise bereits mehrere Jahre vor dem IPO an unsere Mitarbeiter ausgegeben wurden. Darüber hinaus halten wir einen weiteren Aktienpool vor, den wir künftig sowohl an neue als auch an bestehende Mitarbeiter ausgeben wollen, um sicherzustellen, dass unsere Belegschaft nachhaltig an der Wertsteigerung des Unternehmens partizipiert. Gleichzeitig unterliegen Führungskräfte strengen Lock-up-Fristen für ihre gehaltenen Anteile von bis zu zwölf Monaten, was die langfristige Ausrichtung und das Vertrauen der Investoren in unser Management unterstreicht.
Wie können deutsche Privatanleger in dieses finnisch-deutsche Unternehmen investieren?
Deutsche Privatanleger haben nicht nur die Möglichkeiten, über den Kauf von American Depositary Shares (ADSs) an der Nasdaq in New York unter dem Tickersymbol „IQMX“ und Stammaktien an der Nasdaq Nordic in Helsinki direkt zu erwerben. Deutsche Privatanleger und institutionelle Anleger können auch unter anderem seit dem 16. Juni über den Freiverkehr mit dem Makler Euwax an der Stuttgarter Börse RAAQ-IQM-Aktien zeichnen. Diese Notierung erleichtert den Zugang über herkömmliche Brokerhäuser und Depots in Deutschland erheblich, da in Euro gehandelt werden kann. Der Handelsplatz Stuttgart hat sich mit seiner Landing Page im Internet viel Mühe gemacht, SPAC, Zielgesellschaft und den Quantenmarkt für Privatanleger verständlich zu machen.
Wir danken Ihnen für dieses aufschlussreiche Gespräch!
Das Interview führte Prof. Dr. Wolfgang Blättchen.
Dr. Sierk Poetting ist seit Januar 2022 Vorsitzender des Verwaltungsrats von IQM Quantum Computers und seit 2021 COO der BioNTech SE, wo er zuvor als CFO den internationalen Aufbau mitprägte. Der promovierte Physiker verfügt über langjährige Erfahrung in der Skalierung wachstumsstarker Technologieunternehmen sowie in den Bereichen Finanzen, Transformation und Kapitalmarkt.
Dieser Artikel erschien zuerst in der FuS 04/26!