Ein LNG-Tanker liegt beim LNG-Terminal im belgischen Hafen Zeebrügge am Kai

AUDIO: Warum gelangt weiter russisches Flüssiggas in die Europäische Union? (3 Min)

Trotz Sanktionen

Stand: 09.09.2026 05:00 Uhr

Eigentlich will die Europäische Union im kommenden Jahr unabhängig von russischem Erdgas werden. Doch im Moment bezieht die EU weiter Gas aus Russland – in Milliardenhöhe. MDR AKTUELL-Hörer Jürgen Erler hat sogar gelesen, die Europäer würden das gesamte verfügbare russische Flüssigerdgas aufkaufen. Er fragt sich, ob da was dran ist.

von André Seifert, MDR AKTUELL

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Zunächst einmal: Stimmt die Behauptung, Europa habe das gesamte russische Flüssiggas aufgekauft? Nein, sagen Experten wie Andreas Fischer vom Institut der Deutschen Wirtschaft. „Es ist nicht so, dass das ganze russische LNG nach Europa verschifft wird, sondern es ist ungefähr die Hälfte.“

Es ist nicht so, dass das ganze russische LNG nach Europa verschifft wird, sondern es ist ungefähr die Hälfte.

Andreas Fischer, Institut der Deutschen Wirtschaft

Das liege vor allem daran, dass es auch asiatische Kunden gibt, erklärt der Energiexperte Georg Zachmann vom Brüsseler Thinktank Bruegel. „Es gibt Exportterminals, die in Asien liegen, etwa in Sachalin. Die verkaufen ihr Flüssigerdgas an asiatische Kunden wie Japan oder China. Deshalb ist die Aussage, Russland verkaufe sein gesamtes verflüssigtes Erdgas an Europa definitiv nicht wahr.“ Zachmann geht davon aus, dass knapp die Hälfte des russischen Flüssigerdgases in asiatische Länder exportiert wird.

Ende 2027 soll endgültig Schluss sein

Das heißt umgekehrt aber auch: Sehr viel russisches Gas gelangt aktuell noch in EU-Länder – und zwar völlig legal. Denn LNG-Importe per Schiff hatte die EU bis vor Kurzem nicht sanktioniert. Im Juni kamen 14 Prozent der europäischen Gasimporte als LNG aus Russland, vor allem über das Jamal-Projekt im hohen Norden Russlands. Hauptimporteure waren Spanien, Frankreich und Belgien.

Nach Deutschland gelangt kein russisches LNG mehr – zumindest nicht direkt, sagt Georg Zachmann. „Allerdings importiert Deutschland über Belgien und Frankreich natürlich auch Erdgas aus den entsprechenden Erdgasleitungen. Man kann davon ausgehen, dass dadurch auch ein paar russische Moleküle den Weg nach Deutschland finden.“

Man kann davon ausgehen, dass über Belgien und Frankreich auch ein paar russische Moleküle den Weg nach Deutschland finden.

Georg Zachmann, Thinktank Bruegel

Allerdings ist absehbar, dass mit den russischen Erdgas-Importen Schluss sein wird. Die EU hat Anfang dieses Jahres den schrittweisen Ausstieg beschlossen. Für bestehende langfristige Verträge gelten noch Übergangsfristen: Ab Anfang 2027 darf kein Flüssigerdgas mehr aus Russland importiert werden. Nur Ungarn, Griechenland und die Slowakei dürfen noch bis Herbst 2027 Pipeline-Gas beziehen.

EU hat Abhängigkeit von Russland deutlich reduziert

Vieles an den Meldungen, die der Hörer liest, ist also falsch oder verzerrt. Die Kernfrage bleibt aber: Wie ist es möglich, dass Russland nach viereinhalb Jahren Krieg gegen die Ukraine immer noch Energie in die EU liefert? Energieökonom Andreas Fischer meint: „Wir wollen weitmöglichst und schnellstmöglich aus russischen Lieferungen raus. Das ist allerdings unterschiedlich schwer. Bei Kohle war es noch relativ einfach, bei Öl schon ein bisschen schwieriger und bei Gas war es entsprechend schwer, gänzlich dort herauszukommen.“

Bei Kohle war es noch relativ einfach, bei Öl schon ein bisschen schwieriger und bei Gas war es entsprechend schwer, gänzlich dort herauszukommen.

Andreas Fischer

Trotzdem sind die EU-Staaten seiner Ansicht nach relativ zeitnah dazu übergegangen, Stück für Stück darauf zu verzichten. „LNG-Importe zeigen dabei eine gewisse Lücke. Die ist aber von der EU insoweit geschlossen worden, als ab diesem und ab dem nächsten Jahr keine weiteren Verträge für LNG-Import aus Russland mehr abgeschlossen werden sollen.“

Zur Wahrheit gehöre aber auch, dass sich die EU schon sehr stark von russischer Energie gelöst hat, betonen die Experten. 2025 kamen nur noch rund 36 Milliarden Kubikmeter Gas aus Russland. Das klingt viel, es waren aber nur noch 12 Prozent der gesamten EU-Gasimporte. Vor dem Krieg lag der Anteil bei 50 Prozent. Russische Kohle spielt dagegen keine Rolle mehr. Beim Öl lag der russische Anteil zuletzt bei gut zwei Prozent.