In Europa werden in diesem Jahr Millionen Tonnen Mais fehlen. Gleichzeitig liefern die USA bereits immer größere Mengen in die EU. Während russische Angriffe die Exporte des bislang wichtigsten Lieferanten Ukraine erschweren, verfügen die Vereinigten Staaten über große Mengen – und können vergleichsweise günstig liefern.
„Wir rechnen mit einem zusätzlichen, dürrenbedingten Importbedarf von sieben Millionen Tonnen“, sagt Alexander Döring vom europäischen Futtermittelverband FEFAC auf Anfrage. Die USA seien dabei neben Brasilien eines der wichtigsten Länder, die den zusätzlichen Bedarf decken könnten. Droht der EU damit eine neue Abhängigkeit?
US-Mais wird für Europa immer wichtiger
Laut FEFAC nehmen die Maisimporte aus den Vereinigten Staaten bereits seit dem Wirtschaftsjahr 2022/23 deutlich zu. Im vergangenen seien mehr als fünf Millionen Tonnen US-Mais in die EU gelangt. Damit lagen die Vereinigten Staaten bereits auf Platz zwei der wichtigsten Lieferländer. Aus der Ukraine kamen laut Döring rund elf Millionen Tonnen. Brasilien folgte dahinter.
Als Gründe für die wachsenden US-Lieferungen nennt Döring vor allem die hohe Exportverfügbarkeit und niedrige Transportkosten. Besonders Spanien und Portugal würden bereits stark auf US-Mais zurückgreifen. Auch die Niederlande spielen wegen Rotterdam als europäischer Handelsdrehscheibe eine wichtige Rolle.
Die EU-Kommission berichtete bereits für 2025 von deutlich steigenden Agrarimporten aus den USA, während die Einfuhren aus der Ukraine zurückgingen. Einen wesentlichen Anteil daran hatten zusätzliche Maislieferungen.
Neue Abhängigkeit von den USA? Experte widerspricht
Je mehr Mais aus den Vereinigten Staaten nach Europa gelangt, desto naheliegender wird die Frage, ob sich die EU damit stärker von den USA abhängig macht. FEFAC sieht diese Gefahr bislang nicht. Der Anteil der USA an den europäischen Maisimporten liegt nach Angaben Dörings derzeit bei etwa 20 bis 25 Prozent. Selbst bei einem weiteren Anstieg könne aus Sicht des Verbands derzeit nicht von einer strategischen Abhängigkeit gesprochen werden.
Döring wertet die wachsenden US-Lieferungen vielmehr als Beispiel für eine stärkere Diversifizierung der europäischen Rohstoffimporte. Als Vergleichsmaßstab für eine strategische Importabhängigkeit von einem einzelnen Herkunftsland nennt er eine Schwelle von 65 Prozent. Europa verteile den zusätzlichen Bedarf auf mehrere große Exportländer.
Europas Maisernte fällt auf fast 20-Jahres-Tief
Für 2026 erwartet die Kommission eine Maisernte von nur noch rund 50,1 Millionen Tonnen. Nach Berechnungen von Reuters auf Grundlage der Kommissionsdaten wäre das nahezu ein 20-Jahres-Tief und rund 20 Prozent weniger als im jüngeren Durchschnitt. Besonders betroffen sind wichtige Maisregionen in Ungarn und Rumänien.
In Ungarn könnte die schwache Ernte nach Einschätzung von Marktteilnehmern sogar dazu führen, dass das Land selbst stärker auf Importe angewiesen ist. Auch Rumäniens Exportüberschüsse sind infolge wiederkehrender Hitze und Trockenperioden deutlich geschrumpft, berichtete Reuters Anfang September.
Endgültige Erntezahlen gibt es allerdings noch nicht. Vielerorts hat die Maisernte gerade erst begonnen. Der Mais ist in Teilen Europas in diesem Jahr deutlich früher abgereift und die Ernte startet in einigen Regionen bereits Anfang September, statt wie früher häufiger Mitte September.
Ukraine raus, USA rein? FEFAC widerspricht dieser Rechnung
„Die russischen Angriffe auf ukrainische Hafenanlagen erschweren die Getreideexporte auf dem Seeweg“, sagt Döring. Er fügt hinzu, dass sich daraus nicht eine einfache Verschiebung nach dem Muster Ukraine raus, USA rein, ableiten lasse. Die EU wäre nach Einschätzung von FEFAC wegen des zusätzlichen Maisbedarfs ohnehin auf mehrere Lieferländer angewiesen. Neben den USA und Brasilien nennt Döring auch Argentinien und Kanada als mögliche zusätzliche Herkunftsländer.
Gerade Argentinien zeigt derzeit, wie schnell sich die globalen Handelsströme verändern. Reuters berichtete am Mittwoch, dass das Land im August und September zusammen rund zehn Millionen Tonnen Mais exportieren könnte – ein Rekord. Argentiniens Landwirtschaftsministerium erwartet für 2025/26 eine Produktion von 71,5 Millionen Tonnen.
Nicht nur Mais: Europas Futtermittelbedarf steigt
Und das Problem endet nach Einschätzung von FEFAC nicht beim Mais. Döring zufolge erwarten die Experten des Verbands wegen der Dürre auch eine zusätzliche Nachfrage nach anderen Futtermitteln.
Dazu zählen nach seinen Angaben rohfaserreiche Futtermittel wie Palmkernelexpeller, sogenannte DDGS aus der Ethanolproduktion und Zuckerrübenschnitzel. Auch bei Eiweißfuttermitteln wie Sojaschrot rechnen die Experten mit zusätzlichem Bedarf.
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