{"id":68012,"date":"2026-07-14T09:13:12","date_gmt":"2026-07-14T09:13:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/68012\/"},"modified":"2026-07-14T09:13:12","modified_gmt":"2026-07-14T09:13:12","slug":"eine-schoene-illusion-koalition-der-mittelmaechte-aussen-und-sicherheitspolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/68012\/","title":{"rendered":"Eine sch\u00f6ne Illusion: Koalition der Mittelm\u00e4chte \u2013 Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik"},"content":{"rendered":"<p class=\"isselectedend\">Im Januar erkl\u00e4rte der kanadische Premierminister Carney in Davos den versammelten Mittelm\u00e4chten, wer sich vom Verhandlungstisch fernhalte, lande am Ende auf der Speisekarte. Der Satz fand Anklang, weil er eine reale Angst in vielen Hauptst\u00e4dten Europas und im Globalen S\u00fcden benannte. Um nicht auf der Speisekarte zu landen \u2013 oder Spielball der Gro\u00dfm\u00e4chte zu werden \u2013, sollen die Mittelm\u00e4chte kooperieren: L\u00e4nder, die sich nicht ausliefern wollen, suchen sich \u201elikeminded partners\u201c.<\/p>\n<p class=\"isselectedend\">Von \u201eSwing States\u201c bis zur \u201evierten Welle des Mittelm\u00e4chte-Aktivismus\u201c \u2013 die Denkfabriken \u00fcberbieten sich derzeit mit Konzepten f\u00fcr eine Welt, in der sich die Mitte neu organisiert. Die Stimmung ist unverkennbar. Die Mittelm\u00e4chte werden sich zu einer Art Gegenpol zusammenschlie\u00dfen m\u00fcssen. So lautet die derzeit viel diskutierte Devise. Sie ist verf\u00fchrerisch \u2013 und falsch, wenn auch nicht in der Weise, wie ihre sch\u00e4rfsten Kritiker meinen.<\/p>\n<p class=\"isselectedend\">Beginnen wir mit der Bilanz von Mittelm\u00e4chtekooperation. Das Experiment wurde bereits mehrfach durchgef\u00fchrt, und immer zerfiel der Kooperationswille schneller, als ihn Rhetorik tragen konnte: Als Impfstoffe knapp waren, hielt der kooperative Reflex kaum l\u00e4nger als ein paar Wochen. Die Europ\u00e4ische Union f\u00fchrte Exportkontrollen f\u00fcr Impfdosen ein und Indien, die Apotheke der Welt, stoppte die Exporte, als die zweite COVID-Welle ausbrach. Als Donald Trumps Liberation Day-Z\u00f6lle im April 2025 fast alle Handelspartner gleichzeitig trafen \u2013 das war genau jene Eskalation, die nach Carney eine gemeinsame Antwort erfordert h\u00e4tte \u2013, schlugen diverse L\u00e4nder jeweils ihren eigenen Weg nach Washington ein. Der Instinkt war eben nicht, in Br\u00fcssel, Tokio oder Seoul anzurufen. Er riet, im Wei\u00dfen Haus anzurufen und allein zu verhandeln.<\/p>\n<p class=\"isselectedend\">Der kanadische Premier Carney, der Prophet der Mittelm\u00e4chtekooperation, hatte seine eigene Predigt bereits widerlegt, bevor er sie hielt.<\/p>\n<p class=\"isselectedend\">Die eleganteste Widerlegung der fortschreitenden Mittelm\u00e4chtekooperation lieferte Carney selbst. Nur wenige Tage bevor er in Davos davor warnte, allein mit den Gro\u00dfm\u00e4chten zu verhandeln, war er in Peking und tauschte eine Senkung der kanadischen Z\u00f6lle auf chinesische Elektrofahrzeuge gegen Erleichterungen bei Raps ein. Der Prophet der Mittelm\u00e4chtekooperation hatte seine eigene Predigt bereits widerlegt, bevor er sie hielt. Er war nicht allein. In denselben Wochen suchten auch andere Regierungschefs ihre eigenen Kan\u00e4le nach Peking, jeder entlang der eigenen Risikolage, jeder mit der eigenen Rechnung.<\/p>\n<p class=\"isselectedend\">Michael Beckley hat diese Beobachtung in Foreign Affairs zu einem vernichtenden Argument verdichtet. Die Welt sei nicht multipolar, sondern hierarchisch: zwei Superm\u00e4chte oben \u2013 darunter ein Feld an kleineren Akteuren. Die Kluft zwischen den beiden Gro\u00dfen und dem Rest sei so enorm, dass selbst die breiteste Koalition von Mittelm\u00e4chten keinen eigenen Pol bilden k\u00f6nnte. Dazu kommt ein Zielkonflikt: Je gr\u00f6\u00dfer eine Koalition wird, desto mehr Gewicht bringt sie mit \u2013 und desto schwieriger ist sie zusammenzuhalten. Vor allem fehlt ihr ein Anker, der bereit w\u00e4re, die Kosten der F\u00fchrung zu tragen: Minilateralformate, die funktionieren \u2013 allen voran der <a href=\"https:\/\/www.swp-berlin.org\/publikation\/der-quadrilaterale-sicherheitsdialog-quad-zwischen-australien-indien-japan-und-den-usa\" target=\"_blank\" class=\"external-link\" rel=\"noreferrer nofollow noopener\">QUAD<\/a> \u2013, funktionieren nicht, weil Mittelm\u00e4chte pl\u00f6tzlich gelernt haben, sich selbst zu organisieren, sondern weil Washington ihnen Halt gibt. Der Pol bleibt der Anker.<\/p>\n<p class=\"isselectedend\">Eine wirksame Mittelm\u00e4chtekooperation ist eben Wunschdenken. L\u00e4sst man dieses beiseite, ist die Mitte kein geopolitischer Supermarkt, in dem man in einem Gang Sicherheit und im n\u00e4chsten Marktzugang einkauft. Beckley zieht daraus eine harte Schlussfolgerung: Man solle aufh\u00f6ren, sich nach Koalitionen umzusehen, und sich stattdessen einen Schutzherrn aussuchen, nationale St\u00e4rke aufbauen und innerhalb dieses Systems um Einfluss verhandeln. Alignment statt Autonomie. Und genau hier geht er \u2013 nachdem er die Optimisten zu Recht widerlegt hat \u2013 in die andere Richtung zu weit. Fast beil\u00e4ufig r\u00e4umt er selbst ein, dass einige wenige gro\u00dfe Mittelm\u00e4chte, darunter Indien, sich m\u00f6glicherweise mehr Handlungsspielraum bewahren k\u00f6nnen als andere.<\/p>\n<p class=\"isselectedend\">Beide Lager haben also zur H\u00e4lfte recht \u2013 und beide gehen zu weit. Die Optimisten haben recht, dass es eine strategische Ann\u00e4herung gibt, aber Unrecht, wenn sie daraus Koordination oder gar Allianzbildung ableiten. Beckley hat recht, dass keine Mittelm\u00e4chtekoalition einen eigenen Pol bilden kann, aber Unrecht, wenn er daraus folgert, die Alternative sei Lagerbildung. Der gemeinsame Denkfehler liegt darin, dass beide das aktuelle Momentum mit Strukturbildung verwechseln: Nur weil Staaten f\u00fcr eine gewisse Zeit \u00e4hnliche Interessen verfolgen, entsteht daraus noch keine belastbare politische Formation \u2013 weder Pol noch Lager. Wir stecken in einem Interregnum, einer Zeit der Umbr\u00fcche und Neuerungen. Die alte Ordnung gilt formal noch, bindet aber nicht mehr richtig. Eine neue ist noch nicht in Sicht. Solche \u00dcberg\u00e4nge erzeugen tats\u00e4chlich Konvergenzen. Im selben Chaos merken mehrere Staaten gleichzeitig: Diversifizierung schl\u00e4gt Abh\u00e4ngigkeit, Absicherung schl\u00e4gt Wetten. Aber Konvergenz ist nur ein Nebenprodukt gleicher Umst\u00e4nde und Rahmenbedingungen. Sie h\u00e4lt, solange die Umst\u00e4nde halten, und verpflichtet niemanden. Koordination dagegen ist eine Struktur: gemeinsames Ziel, gegenseitige Bindung, die Bereitschaft, f\u00fcr einen Partner Kosten zu tragen, sowie die Schaffung von Institutionen.<\/p>\n<p class=\"isselectedend\">Die regelbasierte Ordnung und das bedingungslose Vertrauen in den Multilateralismus waren das Betriebssystem \u2013 das vorbei ist.<\/p>\n<p class=\"isselectedend\">Betrachten wir die Beziehung, die ich am aufmerksamsten verfolge, weil sie beide Theorien auf einen Schlag widerlegt: Indien und Europa. An Konvergenzen mangelt es nicht: Im Januar schlossen beide Seiten ein Freihandelsabkommen ab und unterzeichneten eine Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft. Europ\u00e4ische Milit\u00e4rg\u00fcter verdr\u00e4ngen russische aus Teilen des indischen Auftragsbuchs. Beide Seiten wollen einen freieren Indopazifik, robustere Lieferketten und weniger Abh\u00e4ngigkeit von China. Die Zusammenarbeit ist real, und sie d\u00fcrfte sich vertiefen. Aber: Genau hier verl\u00e4uft die Grenze. Indien wird sich nicht von Moskau distanzieren, nur weil Br\u00fcssel es gerne so h\u00e4tte. Auch China betrachten Indien und Europa aus unterschiedlichen Blickwinkeln: F\u00fcr Delhi ist China eine Grenzmacht, ein milit\u00e4rischer Gegner und Pakistans Schutzmacht; f\u00fcr Br\u00fcssel ist China vor allem ein Handels-, Technologie- und Resilienzproblem auf Distanz. Differenzen gibt es auch bei Arbeits- oder Umweltstandards, die Indien als gr\u00fcnen Protektionismus liest. Tiefe Zusammenarbeit und ungel\u00f6ste Gegens\u00e4tze, beschlossen im selben politischen Paket.<\/p>\n<p class=\"isselectedend\">Das ist die Beschaffenheit dieser \u00dcbergangsphase. Und sie widerlegt beide Entw\u00fcrfe. Indien und Europa werden sich nicht zu einem Pol zusammenschlie\u00dfen, die WTO retten oder einen \u201evierten Weg\u201c der Weltordnung verankern. So viel zur Koalition. Aber Indien wird sich auch nicht auf die Seite Europas oder irgendeines anderen Lagers schlagen. So viel zur Lagerbildung. Was zwischen ihnen besteht, ist weder Block noch B\u00fcndnis, weder Schutzherrschaft noch \u00c4quidistanz, sondern eine Bilanz sich \u00fcberschneidender und widerspr\u00fcchlicher Interessen, die Zeile f\u00fcr Zeile verhandelt wird. Das ist sehr viel wert. Es ist nur nicht das, was beide Theorien daraus machen wollen.<\/p>\n<p class=\"isselectedend\">Was sollten Mittelm\u00e4chte tun? Weniger tr\u00e4umen, mehr rechnen. Erstens: nationale Interessen n\u00fcchtern definieren, befreit von der sentimentalen Annahme, dass gleichgesinnte Demokratien einander automatisch zu Hilfe eilen. Zweitens: Zusammenarbeit so nehmen, wie sie tats\u00e4chlich kommt: intensiv, aber punktuell \u2013 von Thema zu Thema. Dauerhafte Rahmen sollten dort entstehen, wo sich Interessen wirklich und nachhaltig \u00fcberschneiden: Verteidigungsindustrie, kritische Mineralien, Technologiestandards, maritime Sicherheit, Lieferketten. \u00dcberall sonst sollte man opportunistische, zeitlich begrenzte Vereinbarungen treffen und sie ohne Bedauern auslaufen lassen, wenn sich das Blatt wendet. Vor allem aber sollten die alten Blaupausen ad acta gelegt werden. Die regelbasierte Ordnung und das bedingungslose Vertrauen in den Multilateralismus waren das Betriebssystem \u2013 das vorbei ist. Sich heute nur darauf zu berufen, ist keine Strategie, sondern Nostalgie.<\/p>\n<p class=\"isselectedend\">Die Mittelm\u00e4chte verf\u00fcgen in dieser \u00dcbergangsphase durchaus \u00fcber echten Handlungsspielraum. Am besten nutzen sie ihn, indem sie ehrlich benennen, was dieser Moment ist: eine Phase strategischer Ann\u00e4herung, in der sich Interessen in bestimmten Politikfeldern \u00fcberlappen \u2013 nicht die Entstehung einer Koordinationsstruktur und kein Aufruf, universell Partei zu ergreifen. Eine Strategie, die diesen Unterschied erkennt, wird das Interregnum \u00fcberdauern. Eine Strategie, die Konvergenz mit Struktur verwechselt \u2013 ob im Traum vom Mittelm\u00e4chteblock oder in der Forderung nach Lagerbindung \u2013, wird es nicht tun. F\u00fcr Berlin und Br\u00fcssel hei\u00dft das: die Partnerschaft mit Delhi, Tokio oder Brasilia nicht als Vorstufe einer Allianz missverstehen, sondern als das nehmen, was sie ist, n\u00e4mlich ein Gesch\u00e4ft auf Gegenseitigkeit, Zeile f\u00fcr Zeile verhandelt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Im Januar erkl\u00e4rte der kanadische Premierminister Carney in Davos den versammelten Mittelm\u00e4chten, wer sich vom Verhandlungstisch fernhalte, lande&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":68013,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[21,6,22,2812,23744,1248,2984,13291,15268,23745,1962],"class_list":["post-68012","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-eu","tag-eu","tag-europa","tag-europaeische-union","tag-geopolitik","tag-grossmaechte","tag-indien","tag-koalition","tag-mittelmaechte","tag-multilateralismus","tag-weltordnung","tag-zusammenarbeit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/68012","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=68012"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/68012\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/wp-json\/wp\/v2\/media\/68013"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=68012"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=68012"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=68012"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}