{"id":70852,"date":"2026-07-20T04:08:08","date_gmt":"2026-07-20T04:08:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/70852\/"},"modified":"2026-07-20T04:08:08","modified_gmt":"2026-07-20T04:08:08","slug":"ets1-reform-2026-zertifikate-ueberschuss-voraus-die-neuen-plaene-fuer-den-eu-emissionshandel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/70852\/","title":{"rendered":"ETS1-Reform 2026: Zertifikate-\u00dcberschuss voraus? Die neuen Pl\u00e4ne f\u00fcr den EU-Emissionshandel"},"content":{"rendered":"<p>Die EU-Kommission plant, ihr Emissionshandelssystem abzuschw\u00e4chen. Der ETS gilt als wichtigstes Instrument f\u00fcr die gr\u00fcne Wirtschaftswende und das Netto-Null-Emissionsziel bis 2050.<\/p>\n<p>20.07.2026 \u2013 Die EU-Kommission will ihr Emissionshandelssystem (ETS1) modernisieren. Die Reformpl\u00e4ne entlasten die Industrie sp\u00fcrbar: Geplant sind zus\u00e4tzliche Gratis-Zertifikate, eine langsamer sinkende CO\u2082-Obergrenze und die Anrechnung technologischer CO\u2082-Entnahmen.<\/p>\n<p>Ursula von der Leyen, Pr\u00e4sidentin der Europ\u00e4ischen Kommission, spricht von einer \u201aAnpassung unseres Kohlenstoffmarktes an die sich ver\u00e4ndernden globalen Realit\u00e4ten\u2018. Experten aus Politik und Zivilgesellschaft sowie Vertreter des Erneuerbaren Sektors sprechen hingegen von einer Abschw\u00e4chung des Systems.<\/p>\n<p>Die vom ETS erfassten Sektoren umfassen die (fossile) Energiewirtschaft, die energieintensive Industrie \u2013 Stahl, Chemie, Zement, Papier und Glas \u2013 sowie den Luft- und Seeverkehr, und neuerdings auch die M\u00fcllverbrennung. Diese Sektoren sind f\u00fcr rund 40 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen der EU verantwortlich und m\u00fcssen f\u00fcr jede ausgesto\u00dfene Tonne CO\u2082 ein entsprechendes Zertifikat erwerben.<\/p>\n<p>CO\u2082-Obergrenze soll langsamer sinken als bisher geplant<\/p>\n<p>Mit der Reform wird der sogenannte lineare K\u00fcrzungsfaktor (LRF) reduziert. Der LRF bestimmt, um wie viel Prozent die Obergrenze der erlaubten CO\u2082-Zertifikate im EU-Emissionshandel jedes Jahr sinkt. Der LRF soll nun f\u00fcr den Zeitraum zwischen 2031 und 2035 auf 3,7 Prozent und f\u00fcr 2036 bis 2040 auf 1,7 Prozent angepasst werden.<\/p>\n<p>Erst vor wenigen Jahren wurde der LRF u.a. im Rahmen des \u201aFit-for-55\u2018-Pakets der EU deutlich angehoben. Bis 2020 lag er bei 1,74 Prozent, von 2021 bis 2023 dann bei 2,2 Prozent und wurde zuletzt f\u00fcr den Zeitraum von 2024 bis 2027 mit 4,3 Prozent fast verdoppelt. Urspr\u00fcnglich war eine weitere, leichte Anhebung auf 4,4 Prozent f\u00fcr 2028 bis 2030 geplant.<\/p>\n<p>Durch die kontinuierliche Verknappung wird das Recht auf CO\u2082-Aussto\u00df Jahr f\u00fcr Jahr teurer. F\u00fcr die Industrie steigt so der wirtschaftliche Anreiz, Emissionen zu senken bzw. in klimafreundliche Technologien zu investieren.<\/p>\n<p>\u201eDie fr\u00fchzeitige Absenkung des LRF f\u00fchrt in den 2030er Jahren zu deutlich mehr Zertifikaten im Markt: Zwischen 2031 und 2040 sind es rund 38 Prozent mehr Zertifikate als nach geltendem Recht\u201c, erkl\u00e4rt Johanna Cludius, Senior Researcher im Bereich Energie &amp; Klimaschutz, \u00d6ko-Institut, Berlin. \u201eGleichzeitig sind bis Mitte der 2030er Jahre weitere erhebliche Emissionsminderungen in der europ\u00e4ischen Energiewirtschaft zu erwarten, die die Nachfrage zus\u00e4tzlich senken.\u201c Unter diesen Bedingungen drohe eine strukturelle \u00dcberversorgung, die das Preissignal schw\u00e4che und damit die Steuerungswirkung des ETS1 als zentrales Klimaschutzinstrument deutlich untergraben k\u00f6nne.<\/p>\n<p>EU \u00f6ffnet Markt wieder f\u00fcr internationale Zertifikate<\/p>\n<p>Zu dieser bef\u00fcrchteten Schwemme tr\u00e4gt auch eine politische Kehrtwende bei: Nach jahrelangem Stopp sollen ab 2036 bis 2040 erstmals wieder bis zu 2 Prozent an internationalen Emissionsgutschriften zugelassen werden. In den Handelsphasen von 2008 bis 2020 durften Unternehmen in der EU ausl\u00e4ndische Klimaschutzzertifikate im Gesamtwert von bis zu 1,6 Milliarden Tonnen CO\u2082 nutzen, was je nach Anlage rund 11 Prozent ihrer Zuteilung entsprach.<\/p>\n<p>Das gro\u00dfz\u00fcgige Limit f\u00fchrte zu einer Schwemme an billigen Zertifikaten auf dem europ\u00e4ischen Markt, die den CO\u2082-Preis drastisch einbrechen lie\u00df. Neben dem Preisverfall bremsen ausl\u00e4ndische Zertifikate die heimische Klimawende aus. Geld flie\u00dft in Klimaschutzprojekte im Ausland, und eben nicht in den notwendigen technologischen Umbau der Industrie in Europa. Um die Lenkungswirkung des Systems zu sichern, wurde die Nutzung neuer internationaler Gutschriften ab 2021 komplett verboten. Eine Ausnahme bilden Zertifikate aus dem seit 2020 direkt verkn\u00fcpften Schweizer Emissionshandelssystem.<\/p>\n<p>\u201eIm Cap sind schon 260 Millionen Zertifikate aus internationalen Projekten ber\u00fccksichtigt\u201c, gibt Cludius zu denken. Die Erfahrung mit solchen Zertifikaten in der Vergangenheit sei im Wesentlichen negativ gewesen \u2013 der allergr\u00f6\u00dfte Teil habe keinen oder geringeren Emissionsminderungen entsprochen als behauptet. Auch wenn die Regeln unter dem Paris Agreement dies verhindern sollen, best\u00fcnde auch in der Zukunft die Gefahr, dass hinter den Zertifikaten aus internationalen Projekten keine echten Emissionsminderungen stehen.<\/p>\n<p>Automatische L\u00f6schung von Zertifikaten wird gestoppt<\/p>\n<p>Die R\u00fcckkehr der Auslandszertifikate ist jedoch nicht das einzige Ventil, das die Kommission \u00f6ffnet. Parallel dazu soll auch der interne Markt-Puffer umgebaut werden: Die automatische L\u00f6schung von Zertifikaten in der Marktstabilit\u00e4tsreserve (MSR) wird gestoppt.<\/p>\n<p>Die MSR nimmt bei einem \u00dcberangebot Zertifikate vom Markt und bunkert sie. Bisher wurde alles, was die Grenze von 400 Millionen Zertifikaten im Depot \u00fcberschritt, automatisch gel\u00f6scht, um den Klimaschutzeffekt abzusichern. K\u00fcnftig sollen diese \u00dcbersch\u00fcsse im System bleiben. Die EU-Kommission will so mehr Puffer f\u00fcr einen Marktausgleich in den kommenden Jahrzehnten bereithalten. Langfristig k\u00f6nnte jedoch auch dieser Schritt das Preissignal verw\u00e4ssern.<\/p>\n<p>\u201eF\u00fcr die Vereinbarkeit der ETS1-Reform mit den EU-Klimazielen ist nicht nur der Cap entscheidend, sondern die Gesamtmenge tats\u00e4chlich verf\u00fcgbarer Zertifikate\u201c, erkl\u00e4rt Cludius. Ma\u00dfgeblich sei das Zusammenspiel aus linearem Reduktionsfaktor (LRF), Marktstabilit\u00e4tsreserve (MSR), \u00dcbersch\u00fcssen aus der vierten Handelsperiode bis 2030 und m\u00f6glichen zus\u00e4tzlichen Auktionen etwa aus der Reserve f\u00fcr Neuanlagen (NER). Werden mehrere angebotsausweitende Ma\u00dfnahmen kombiniert, drohe ein neuer struktureller \u00dcberschuss im ETS1.<\/p>\n<p>Mehr Investitionen in gr\u00fcne Industrie<\/p>\n<p>Den Erleichterungen bei den CO\u2082-Auflagen steht auf der anderen Seite eine Aufstockung der direkten Finanzhilfen gegen\u00fcber. So wird eine neu geschaffene Industrial Decarbonisation Bank mit 100 Milliarden Euro ausgestattet, um die Dekarbonisierung der Industrie in Europa finanziell zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Die neue Bank baut auf dem ETS-Innovationsfonds auf, doch statt fr\u00fche Forschung zu f\u00f6rdern, soll sie gro\u00dffl\u00e4chig die Skalierung ausgereifter, sauberer Technologien etwa f\u00fcr die europ\u00e4ische Stahl- und Chemieindustrie finanzieren. Der ETS-Innovationsfonds soll weiterhin erste kommerzielle Anwendungen innovativer sauberer Technologien unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Die H\u00e4lfte der ETS-Einnahmen soll k\u00fcnftig in die Dekarbonisierung flie\u00dfen<\/p>\n<p>Ziel der neuen Bank ist, einen Teil der CO\u2082-Zertifikatsabgaben an investitionswillige Unternehmen zur\u00fcckzuf\u00fchren. Vor demselben Hintergrund werden die Mitgliedstaaten k\u00fcnftig verpflichtet, die H\u00e4lfte ihrer nationalen ETS-Einnahmen in die Dekarbonisierung der ETS-Sektoren zu investieren. Es wird erwartet, dass sich die Einnahmen vor 2030 auf \u00fcber 100 Milliarden Euro belaufen.<\/p>\n<p>Auch der sogenannte Modernisierungsfonds wird \u00fcber 2030 hinaus fortgef\u00fchrt und unterst\u00fctzt weiter einkommensschw\u00e4chere Mitgliedstaaten.<\/p>\n<p>Kostenlose Zuteilungen f\u00fcr Unternehmen werden k\u00fcnftig enger an Dekarbonisierungsinvestitionen in Europa gekoppelt \u2013 bei Nichteinhaltung von Klimapl\u00e4nen drohen K\u00fcrzungen der Gratis-Zertifikate um bis zu 20 Prozent. F\u00fcr CBAM-Sektoren wird der Abbau kostenloser Zertifikate im CO\u2082-Grenzausgleichssystem verlangsamt und die \u00dcbergangsfrist f\u00fcr den vollst\u00e4ndigen Ausstieg um vier Jahre bis 2038 verl\u00e4ngert.<\/p>\n<p>Zertifikate f\u00fcr negative Emissionen<\/p>\n<p>Der geplante Umbau setzt nicht nur auf finanzielle Anreize, sondern verschiebt auch die physikalischen Grenzen des Systems. Erstmals sollen Technologien zur langfristigen Kohlenstoffentnahme und \u2013 speicherung in das System integriert werden. Daf\u00fcr werden von 2031 bis 2040 250 Millionen zus\u00e4tzliche Zertifikate ausgegeben. Deren Erl\u00f6se flie\u00dfen direkt in die Finanzierung negativer Emissionen durch Bio-Energy with Carbon Capture and Storage (BioCCS) und Direct Air Carbon Capture and Storage (DACCS).<\/p>\n<p>M\u00fcllverbrennung und Luftverkehr: Der ETS1 weitet seinen Radius aus<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Industrie somit sp\u00fcrbar entlastet und bezuschusst wird, wird der ETS1 an anderer Stelle r\u00e4umlich und sektoral ausgedehnt. Die Regelungen f\u00fcr die Luftfahrt werden moderat versch\u00e4rft: Die EU-Kommission schl\u00e4gt vor, Fl\u00fcge zu Flugh\u00e4fen in einem Umkreis von 5000 Kilometern um das geographische Zentrum der Europ\u00e4ischen Union in den ETS miteinzubeziehen. Verkehrsknotenpunkte in der T\u00fcrkei und dem Nahen Osten w\u00fcrden so k\u00fcnftig miterfasst, au\u00dfen vor bleibt Nordamerika.<\/p>\n<p>Am Abbau der kostenlosen Zertifikate f\u00fcr den innereurop\u00e4ischen Flugverkehr wird festgehalten. Die Zuteilung l\u00e4uft bis Ende 2026 aus, ab 2027 m\u00fcssen Fluggesellschaften also f\u00fcr jede Tonne CO\u2082 zahlen.<\/p>\n<p>Der ETS1 wird zudem um einen Sektor erweitert: Die Emissionen aus der M\u00fcllverbrennung werden k\u00fcnftig in den Emissionshandel integriert.<\/p>\n<p>NGOs und Unternehmen kritisieren verw\u00e4sserte Lenkungswirkung<\/p>\n<p>Die Pl\u00e4ne der EU-Kommission sto\u00dfen in Wirtschaft und Zivilgesellschaft auf geteiltes Echo. W\u00e4hrend die CO\u2082-intensive Industrie kurzfristig entlastet wird, kritisieren NGOs wie Germanwatch und etwa der \u00d6koenergieversorger naturstrom die Verw\u00e4sserung des ETS1 zu einer Zeit, in der CO2-Preise noch l\u00e4ngst nicht die Kosten der ausgesto\u00dfenen Emissionen abbilden. Drohende sinkende Zertifikatspreise benachteiligten sowohl den Klimaschutz als auch Unternehmen, die bereits in Ma\u00dfnahmen zur Emissionsreduktion investiert haben, kommentiert Tim Loppe, Leiter Medien &amp; Politik bei der naturstrom AG.<\/p>\n<p>\u201eWer Milliarden in klimaneutrale Produktion investiert hat, wird im Regen stehen gelassen \u2013 wer taktiert und auf fossile Gesch\u00e4ftsmodelle gesetzt hat, wird belohnt\u201c, kritisiert auch Felix Gill, Referent f\u00fcr klimaneutrale Industrie bei Germanwatch. Europa verpasse so die Chance, neue Zukunftsbranchen im Bereich Green Tech hier zu verankern. Germanwatch und naturstrom fordern EU-Parlament und die Bundesregierung auf, gegenzusteuern.<\/p>\n<p>Hintergrund<\/p>\n<p>Das EU-Emissionshandelssystem wurde 2005 eingef\u00fchrt und hat seither mehr als 270 Milliarden Euro an Einnahmen generiert. Die Emissionen in den erfassten Sektoren konnten damit laut EU-Kommission im Durchschnitt um 50 Prozent gesenkt werden. Das marktbasierte System erf\u00e4hrt partei\u00fcbergreifende Unterst\u00fctzung und gilt unter Experten als Konsens einer sinnvollen, marktbasierten Klimaschutz- und Dekarbonisierungspolitik. Julia Broich<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die EU-Kommission plant, ihr Emissionshandelssystem abzuschw\u00e4chen. 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