{"id":79083,"date":"2026-08-04T22:15:11","date_gmt":"2026-08-04T22:15:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/79083\/"},"modified":"2026-08-04T22:15:11","modified_gmt":"2026-08-04T22:15:11","slug":"ceuta-und-die-migrationspolitik-der-eu-armutszeugnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/79083\/","title":{"rendered":"Ceuta und die Migrationspolitik der EU: Armutszeugnis"},"content":{"rendered":"<p itemprop=\"description\">\n\t\tDie Bilder aus Ceuta waren eindrucksvoll. Viel eindrucksvoller aber ist, dass Europa in mehr als zehn Jahren keine einzige sinnvolle Idee hatte, pragmatisch mit Migration umzugehen. Spanien hat es immerhin versucht und wird zur Zielscheibe.\n\t\t<\/p>\n<p>Zigtausend Menschen, die teils mit Schwimmringen \u00fcbers Meer kommen, die Felsen der spanischen Exklave erklimmen, Z\u00e4une \u00fcberwinden und Stra\u00dfen bev\u00f6lkern. Die europ\u00e4ische Rechte d\u00fcrfte da die eine oder andere Flasche Champagner gek\u00f6pft haben, und die AfD feiert die Bilder von jungen M\u00e4nnern, die, so sagte Alice Weidel, dort &#8222;eingefallen&#8220; seien, &#8222;teils gewaltbereite und ungebildete Migranten&#8220;, die selbstredend in der Folge &#8222;in unsere Sozialsysteme&#8220; einwandern werden.<\/p>\n<p>Auch &#8222;Bild&#8220; meint das. 22 Stunden, schreibt das Blatt, br\u00e4uchten die Menschen von Ceuta nach Stuttgart \u2013 mit dem Auto. Mit dem Bus w\u00e4ren es locker 40 Stunden, wohlgemerkt vom spanischen Festland aus, nicht vom marokkanischen. Ganz sch\u00f6n viele Autos, ganz sch\u00f6n viele Busse, die da pl\u00f6tzlich imagin\u00e4r unterwegs w\u00e4ren in die baden-w\u00fcrttembergische Landeshauptstadt. Warum sie ausgerechnet nach Stuttgart reisen sollten \u2013 geschenkt.<\/p>\n<p>War das nun ein gesteuerter &#8222;hybrider Angriff&#8220; auf Europa? Weil Marokko und Spanien im Clinch liegen? War&#8217;s der Russe \u00fcber TikTok-Bots? Oder waren es doch nur Schleuserbanden? Viel schlimmer ist der Gedanke, es k\u00f6nnte allm\u00e4hlich Usus werden, dass nicht nur geldgierige Kriminelle, sondern Staaten Menschen auf der Flucht, mit Familien, Zukunftsw\u00fcnschen und Tr\u00e4umen, als Druckmittel instrumentalisieren, um ihren Willen durchzusetzen oder Demokratien zu destabilisieren. Belarus schickt seit Jahren Gefl\u00fcchtete \u00fcber die Grenzen in die EU, karrte sie zeitweise massenhaft in Bussen an die Z\u00e4une. V\u00f6llig egal, was dann mit ihnen passiert. Auch die T\u00fcrkei droht immer mal wieder damit, Millionen Syrer:innen in Marsch zu setzen.<\/p>\n<p>Wenn der Populismus kickt<\/p>\n<p>Eingeschlagen hat der Vorfall zu Beginn des Sommerlochs jedenfalls massiv, und allzu viele machen mit. Auch Kanzler Friedrich Merz (CDU) nat\u00fcrlich, der innenpolitisch gerade gar nichts hinbekommt, \u00e4u\u00dferte sich. &#8222;Der Schutz der Au\u00dfengrenzen der Europ\u00e4ischen Union ist entscheidend f\u00fcr die Bek\u00e4mpfung illegaler Migration&#8220;, sagte er. Und unterzeichnete einen offenen Brief, der Spaniens Migrationspolitik angreift. Kein Wort zur Rolle Marokkos, kein Versuch, Hintergr\u00fcnde zu erkennen, stattdessen setzen EU-Staatschefs Spaniens Premier Pedro S\u00e1nchez unter Druck. Weil er Sozialdemokrat ist? Weil er erst vor Kurzem eine halbe Million Migrant:innen ohne Papiere &#8222;legalisiert&#8220; hat, weil das Land Arbeitskr\u00e4fte braucht zur Obsternte oder in der Pflege?<\/p>\n<p>Ausgerechnet Spanien, das als einziges EU-Land zumindest eine Idee hat, einigerma\u00dfen pragmatisch mit Migration umzugehen, bekommt nun eins auf den Deckel. Initiiert hatten den Brief die italienische Rechtsau\u00dfen-Ministerpr\u00e4sidentin Giorgia Meloni mit ihrer d\u00e4nischen Kollegin Mette Frederiksen (Sozialdemokratin). Kurz danach forderte Meloni, den Schengenraum f\u00fcr Spanien zu schlie\u00dfen, und verst\u00e4rkte die Grenzkontrollen ihres eigenen Landes. Die wiederholte Forderung, Spanien m\u00fcsse seine Au\u00dfengrenzen besser sch\u00fctzen \u2013 also dichtmachen \u2013, zeigt vor allem, dass Meloni, Frederiksen, Merz und Co. die spanische Politik nicht begreifen. S\u00e1nchez&#8216; Prinzip ist: hart nach au\u00dfen, weich nach innen. Aber wen interessieren solche Details, wenn der Populismus kickt. Und online auch noch so wunderbar klickt.<\/p>\n<p>Also werden in Zukunft noch mehr Z\u00e4une gezogen und noch mehr Menschen sterben. Seit sp\u00e4testens 2015 ist Dauerthema, wie Migrant:innen davon abgehalten werden k\u00f6nnten, in die EU zu kommen. Das sind mehr als zehn Jahre. In denen kaum einer von all den hochbezahlten europ\u00e4ischen Politiker:innen mit Hunderten Mitarbeitenden und schweineteuren Beratungsfirmen auch nur den Anflug einer sinnvollen Idee hatte, wie man menschenfreundlich mit Migration umgehen k\u00f6nnte. Und die wirklichen Umverteilungsk\u00e4mpfe, die beispielsweise die Klimakatastrophe in der Zukunft bringen wird, haben noch nicht mal richtig angefangen. Was dann passiert, mag man sich kaum vorstellen. Schon die aktuelle Festung Europa hat ziemlich viel Dystopisches. F\u00fcr den Moment begn\u00fcgen wir uns jedenfalls damit, Entwicklungshilfe zu k\u00fcrzen.<\/p>\n<p>Diese Einfallslosigkeit ist ein Armutszeugnis. Vor allem f\u00fcr eine Gemeinschaft wie die EU, die sich dick und fett Menschenw\u00fcrde auf die Fahnen schreibt. Jedenfalls immer dann, wenn&#8217;s ihr politisch passt. Spanien hat bis heute rund 90 Tote geborgen. Unter ihnen ein Baby, das erst wenige Monate alt war.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Bilder aus Ceuta waren eindrucksvoll. 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