{"id":79146,"date":"2026-08-05T05:15:09","date_gmt":"2026-08-05T05:15:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/79146\/"},"modified":"2026-08-05T05:15:09","modified_gmt":"2026-08-05T05:15:09","slug":"griechenland-fordert-umsetzung-des-eu-migrationspakts-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/79146\/","title":{"rendered":"Griechenland fordert Umsetzung des EU-Migrationspakts"},"content":{"rendered":"<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">Griechenland sieht sich derzeit mit einer Verlagerung der Migrationsrouten von der \u00c4g\u00e4is nach S\u00fcdkreta konfrontiert. Im Interview mit der APA spricht die Vizeministerin f\u00fcr Migration und Asyl, Sevi Voloudaki, \u00fcber die neuen Herausforderungen an den EU-Au\u00dfengrenzen, den Schutz unbegleiteter Minderj\u00e4hriger, die Umsetzung des EU-Migrations- und Asylpakts sowie die Notwendigkeit einer gemeinsamen europ\u00e4ischen R\u00fcckf\u00fchrungspolitik. Der Pakt m\u00fcsse umgesetzt werden, sagt sie.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">Zugleich betont sie, dass ein glaubw\u00fcrdiges Asylsystem sowohl f\u00fcr schutzbed\u00fcrftige Menschen wirksam werden m\u00fcsse, aber auch R\u00fcckf\u00fchrungen jener Migranten voraussetze, die keinen Asylanspruch haben. Im Gespr\u00e4ch mit der APA erl\u00e4utert sie zudem die Position Griechenlands zu den aktuellen Herausforderungen der europ\u00e4ischen Migrationspolitik, zur Verantwortung der Europ\u00e4ischen Union sowie zu Fragen der Integration und des gesellschaftlichen Zusammenhalts.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">Voloudaki: Griechenland befindet sich heute in einer deutlich besseren Ausgangslage als noch vor einigen Jahren. Wir verf\u00fcgen \u00fcber funktionierende Aufnahmestrukturen und Unterk\u00fcnfte, gut organisierte Verfahren und eine klare strategische Ausrichtung. Gleichzeitig stehen wir jedoch vor einer neuen Realit\u00e4t: Die Migrationsbewegungen und Str\u00f6me verlagern sich zunehmend in Richtung S\u00fcdkreta, wobei Libyen der wichtigste Ausgangspunkt ist. Dabei handelt es sich um eine Route, die sich grundlegend von jener \u00fcber die \u00c4g\u00e4is unterscheidet &#8211; sie ist l\u00e4nger, gef\u00e4hrlicher f\u00fcr die Menschen und zugleich besonders profitabel f\u00fcr die Schleppernetzwerke. Die griechische Regierung hat rasch reagiert: durch eine verst\u00e4rkte \u00dcberwachung des Libyschen Meeres, den Aufbau von Erstaufnahmestrukturen auf Kreta sowie eine Intensivierung der diplomatischen Zusammenarbeit mit den Herkunfts- und Transitstaaten.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">Voloudaki: Als Vizeministerin mit Zust\u00e4ndigkeit f\u00fcr unbegleitete Minderj\u00e4hrige m\u00f6chte ich eines betonen: Im Bereich des Kinderschutzes gibt es keinen Zeitpunkt, an dem man sagen k\u00f6nnte, die Arbeit sei abgeschlossen. Es bleibt stets Raum und Zeit f\u00fcr weitere Verbesserungen. Dennoch hat Griechenland in den vergangenen Jahren einen grundlegenden Kurswechsel vollzogen. Unser Land hat die sogenannte &#8222;Schutzhaft&#8220; f\u00fcr unbegleitete Minderj\u00e4hrige abgeschafft. Heute verf\u00fcgt Griechenland \u00fcber einen nationalen Mechanismus f\u00fcr Sofortma\u00dfnahmen zugunsten unbegleiteter Kinder, die sich in prek\u00e4ren Lebenssituationen befinden. Dar\u00fcber hinaus besteht ein Netz spezialisierter Unterbringungseinrichtungen, betreuter Wohnungen f\u00fcr \u00e4ltere Jugendliche auf dem Weg in ein eigenst\u00e4ndiges Leben, ein System der gesetzlichen Vertretung sowie eine vorrangige Bearbeitung ihrer Asylantr\u00e4ge.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">Voloudaki: Als Parlamentsabgeordnete des Regionalbezirks Chania kenne ich die Sorgen der Menschen auf Kreta und halte sie f\u00fcr legitim und recht. Die richtige Antwort besteht nicht darin, diese Sorgen zu ignorieren, sondern ihnen mit konkreten Ma\u00dfnahmen zu begegnen: durch kontrollierte Einrichtungen mit klaren Regeln, kurzen Aufenthaltszeiten, konkreten Ausgleichsma\u00dfnahmen zugunsten der lokalen Gemeinschaften und einer kontinuierlichen, transparenten Information der Bev\u00f6lkerung. Dort, wo der Staat transparent gehandelt und Vertrauen geschaffen hat, haben auch die lokalen Gemeinschaften konstruktiv mitgewirkt.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">Voloudaki: Die EU-T\u00fcrkei-Erkl\u00e4rung von 2016 ist formell weiterhin in Kraft. Tats\u00e4chlich hat die T\u00fcrkei die R\u00fcck\u00fcbernahmen aus Griechenland jedoch seit dem Jahr 2020 ausgesetzt. Dieses Thema sprechen wir auf europ\u00e4ischer Ebene regelm\u00e4\u00dfig an. Eine Vereinbarung kann nur funktionieren, wenn beide Seiten ihre Verpflichtungen erf\u00fcllen. Dabei ist eine klare Unterscheidung wichtig: R\u00fcckf\u00fchrungen von Personen, die nach einer individuellen Pr\u00fcfung keinen Anspruch auf internationalen Schutz haben, sind etwas grundlegend anderes als willk\u00fcrliche Praktiken. Griechenland h\u00e4lt sich an das V\u00f6lkerrecht sowie an das Non-Refoulement-Prinzip. Ein funktionierendes Asylsystem ben\u00f6tigt beide Elemente: Schutz f\u00fcr diejenigen, die ihn ben\u00f6tigen, und R\u00fcckf\u00fchrungen jener Personen, die die Voraussetzungen f\u00fcr internationalen Schutz nicht erf\u00fcllen. Ohne wirksame R\u00fcckf\u00fchrungen verliert das gesamte Asylsystem an Glaubw\u00fcrdigkeit und st\u00e4rkt letztlich die kriminellen Schleppernetzwerke, die Menschen mit falschen Versprechungen in die Irre f\u00fchren.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">Voloudaki: Die Situation im Jahr 2026 ist mit jener des Jahres 2019 nicht mehr vergleichbar. Die &#8222;Closed Controlled Access Centres&#8220; auf Samos, Kos, Leros und Lesbos Inseln wurden mit Hilfsmitteln der Europ\u00e4ischen Union errichtet und entsprechen deutlich europ\u00e4ischen Standards. Sie verf\u00fcgen \u00fcber feste Unterk\u00fcnfte, medizinische Einrichtungen, Bildungsangebote sowie getrennte Bereiche f\u00fcr besonders schutzbed\u00fcrftige Personen und unbegleitete Minderj\u00e4hrige. Das bedeutet jedoch nicht, dass alles perfekt ist. Die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung bleibt nach wie vor die ausreichende Besetzung mit medizinischem und psychosozialem Fachpersonal &#8211; ein Problem, das nicht nur die Aufnahmezentren betrifft, sondern das gesamte \u00f6ffentliche Gesundheitssystem auf den griechischen Inseln. Gemeinsam mit der griechischen Gesundheitsbeh\u00f6rde EODY, internationalen Organisationen und durch gezielte Neueinstellungen arbeiten wir kontinuierlich daran, diese L\u00fccken zu schlie\u00dfen.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">Sachlich begr\u00fcndete Kritik nehmen wir ernst. Sie ist Teil der demokratischen Kontrolle, der sich jede \u00f6ffentliche Politik stellen muss. Gleichzeitig bauen wir unsere Kapazit\u00e4ten kontinuierlich aus. Im Dezember 2025 hat die Internationale Organisation f\u00fcr Migration (IOM) dem griechischen Ministerium f\u00fcr Migration und Asyl f\u00fcnf vollst\u00e4ndig ausgestattete mobile medizinische Einheiten einschlie\u00dflich der erforderlichen medizinischen Ausr\u00fcstung \u00fcbergeben. Diese mobilen Einheiten k\u00f6nnen flexibel dort eingesetzt werden, wo kurzfristig medizinische Versorgung ben\u00f6tigt wird. Sie verbessern den Zugang zur Gesundheitsversorgung sowohl innerhalb der Aufnahmezentren als auch in Regionen mit begrenzter medizinischer Infrastruktur. Dar\u00fcber hinaus unterst\u00fctzen sie die Altersfeststellung und tragen damit zu einer korrekten und z\u00fcgigen Identifizierung unbegleiteter Minderj\u00e4hriger bei.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">Voloudaki: Mit dem Migrations- und Asylpakt, der am 12. Juni 2026 vollst\u00e4ndig in Kraft getreten ist, verf\u00fcgt die Europ\u00e4ische Union erstmals \u00fcber einen verbindlichen institutionellen Rahmen f\u00fcr Solidarit\u00e4t. Die Mitgliedstaaten sind verpflichtet, Solidarit\u00e4t zu leisten, k\u00f6nnen jedoch selbst entscheiden, in welcher Form &#8211; durch Umsiedlungen, finanzielle Beitr\u00e4ge oder operative Unterst\u00fctzung. Damit haben wir die Phase der politischen Debatte hinter uns gelassen; nun wird sich zeigen, wie sich dieses System in der Praxis bew\u00e4hrt.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">Ich m\u00f6chte dabei offen sein: Freiwillige Umverteilungsmechanismen haben die Erwartungen nicht erf\u00fcllt. Entscheidend ist deshalb nicht allein der Wortlaut des Pakts, sondern seine konsequente Umsetzung in den ersten Monaten seiner Anwendung. Griechenland erwartet drei konkrete Schritte: erstens eine wirksame Anwendung des europ\u00e4ischen Solidarit\u00e4tsmechanismus, zweitens eine gemeinsame europ\u00e4ische R\u00fcckf\u00fchrungspolitik mit verbindlichen Abkommen mit Drittstaaten und drittens st\u00e4rkere Investitionen in die externe Dimension der Migrationspolitik, also in die Herkunfts- und Transitl\u00e4nder. \u00d6sterreich kennt die Herausforderungen der Sekund\u00e4rmigration sehr genau. Deshalb haben unsere beiden L\u00e4nder ein gemeinsames Interesse daran, dass das europ\u00e4ische Migrations- und Asylsystem tats\u00e4chlich funktioniert.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">Voloudaki: An beidem &#8211; allerdings nicht im gleichen Ausma\u00df. Die individuelle Pr\u00fcfung jedes einzelnen Asylantrags ist nicht verhandelbar. Jeder Antrag wird gesondert gepr\u00fcft, einschlie\u00dflich eines pers\u00f6nlichen Anh\u00f6rungsgespr\u00e4chs und der M\u00f6glichkeit, Rechtsmittel einzulegen. Das braucht Zeit, und diese Zeit ist im Interesse eines rechtsstaatlichen Verfahrens notwendig.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">B\u00fcrokratische Abl\u00e4ufe hingegen k\u00f6nnen und m\u00fcssen effizienter gestaltet werden. Im Vergleich zu 2019 konnten die Bearbeitungszeiten durch die Digitalisierung der Verfahren, die personelle St\u00e4rkung des griechischen Asyldienstes sowie die Unterst\u00fctzung durch die EU-Asylagentur (EUAA) deutlich verk\u00fcrzt werden. Der Migrations- und Asylpakt sieht zudem Grenzverfahren mit klar definierten Fristen vor. Dort wird sich zeigen, ob sich schnellere Verfahren mit den rechtsstaatlichen Garantien eines fairen Asylverfahrens vereinbaren lassen.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">Griechenland hat als Staat an der Au\u00dfengrenze der Europ\u00e4ischen Union fr\u00fchzeitig einen konsequenten, zugleich aber fairen Kurs eingeschlagen: einen wirksamen Schutz der Au\u00dfengrenzen, die Bek\u00e4mpfung von Schleppernetzwerken, beschleunigte Asylverfahren sowie die R\u00fcckf\u00fchrung jener Personen, die keinen Anspruch auf internationalen Schutz haben &#8211; unter uneingeschr\u00e4nkter Achtung des V\u00f6lkerrechts und der Menschenrechte. Diesem Ansatz ist inzwischen auch die Europ\u00e4ische Union schrittweise gefolgt.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">Der Migrations- und Asylpakt stellt eine l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llige, zugleich aber wesentliche Reform dar. Er schafft einheitlichere Regeln, schnellere Verfahren und einen verbindlicheren Mechanismus der Solidarit\u00e4t sowie der Lastenteilung zwischen den Mitgliedstaaten. In diesem Zusammenhang wird auch \u00fcber sogenannte Return Hubs diskutiert &#8211; R\u00fcckkehrzentren in Drittstaaten f\u00fcr Personen, die kein rechtm\u00e4\u00dfiges Aufenthaltsrecht in der Europ\u00e4ischen Union besitzen. Dabei handelt es sich um ein Instrument, das zu einer effizienteren R\u00fcckf\u00fchrung beitragen kann, vorausgesetzt, es wird unter strengen rechtsstaatlichen Garantien betrieben, ausschlie\u00dflich in Staaten, die die Menschenrechte beachten und den Grundsatz der Nichtzur\u00fcckweisung (Non-Refoulement) uneingeschr\u00e4nkt respektieren.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">Voloudaki: Integration ist m\u00f6glich und eine grundlegende Voraussetzung f\u00fcr den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Deshalb bildet sie eine eigenst\u00e4ndige S\u00e4ule unserer Migrationspolitik &#8211; mit Ma\u00dfnahmen wie Sprachkursen, dem Schulbesuch von Kindern, dem Zugang zum Arbeitsmarkt und zu angemessenem Wohnraum. Integration ist jedoch keine Einbahnstra\u00dfe. Der Staat muss echte Chancen er\u00f6ffnen und offerieren, gleichzeitig sind jene Menschen, die dauerhaft in unserem Land leben, verpflichtet, die Gesetze sowie die grundlegenden Werte der aufnehmenden Gesellschaft zu respektieren. Die Gleichstellung von Frauen und M\u00e4nnern, die Religionsfreiheit und die Rechte des Kindes stehen dabei nicht zur Disposition.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">Rassismus und Fremdenfeindlichkeit haben in keiner europ\u00e4ischen Gesellschaft Platz. Zugleich ist es wichtig, zwischen Hassrede und den berechtigten Sorgen jener B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger zu unterscheiden, die in Regionen leben, die einem hohen Migrationsdruck ausgesetzt sind. Gegen Hass muss konsequent vorgegangen werden. Auf berechtigte Sorgen hingegen muss mit wirksamen politischen Ma\u00dfnahmen reagiert werden. Wenn der Staat zeigt, dass er seine Au\u00dfengrenzen wirksam sch\u00fctzt, das internationale Recht konsequent einh\u00e4lt und zugleich seinen humanit\u00e4ren Verpflichtungen nachkommt, st\u00e4rkt dies das Vertrauen der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger und tr\u00e4gt zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei. Genau darin liegt heute eine der gr\u00f6\u00dften Herausforderungen Europas.<\/p>\n<p _ngcontent-tt-com-www-c3071245697=\"\" data-cy=\"body\">(Das Interview f\u00fchrte Filippos Sacharis\/APA)<\/p>\n<p>shareArtikel teilenhomeZur Startseite<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Griechenland sieht sich derzeit mit einer Verlagerung der Migrationsrouten von der \u00c4g\u00e4is nach S\u00fcdkreta konfrontiert. 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