{"id":79797,"date":"2026-08-06T13:48:10","date_gmt":"2026-08-06T13:48:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/79797\/"},"modified":"2026-08-06T13:48:10","modified_gmt":"2026-08-06T13:48:10","slug":"europas-asylpolitik-mit-strengerem-grenzschutz-hat-auch-einen-menschlichen-preis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/79797\/","title":{"rendered":"\u00abEuropas Asylpolitik mit strengerem Grenzschutz hat auch einen menschlichen Preis\u00bb"},"content":{"rendered":"<p>    <img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/721348285_highres.jpg\" width=\"1300\" height=\"863\" alt=\"Viele Menschen dr\u00e4ngen sich an einem Strand, den sie in Kleidern schwimmend erreicht haben\" loading=\"eager\" decoding=\"sync\" fetchpriority=\"high\"\/><\/p>\n<p>                Arbeiter, Angestellte, Chauffeure: Die meisten Marokkaner, die am 30. Juni in Ceuta ankamen, waren Arbeitskr\u00e4fte auf der Suche nach besseren wirtschaftlichen Perspektiven.            <\/p>\n<p>            Copyright 2026 The Associated Press. All Rights Reserved        <\/p>\n<p>        Die pl\u00f6tzliche Ankunft von 72\u2019000 Migrantinnen und Migranten in der spanischen Exklave Ceuta hat die Debatte \u00fcber die europ\u00e4ische Migrationspolitik neu entfacht. F\u00fcr Migrationsexperte Robin St\u00fcnzi verdeutlicht diese Episode die anhaltenden Spannungen zwischen Grenzkontrolle und Solidarit\u00e4t innerhalb der Europ\u00e4ischen Union.\n<\/p>\n<p>        Dieser Inhalt wurde am ver\u00f6ffentlicht    <\/p>\n<p>        06. August 2026 &#8211; 15:30\n<\/p>\n<p>Die Bilder sorgten in den europ\u00e4ischen Medien f\u00fcr Schlagzeilen. Die Ankunft von 72\u2019000 Migrantinnen und Migranten aus Marokko in der spanischen Exklave Ceuta Ende Juli hat heftige politische Reaktionen ausgel\u00f6st.<\/p>\n<p>Seither sind die meisten von ihnen nach Marokko zur\u00fcckgekehrt, doch diese Episode hat Spuren hinterlassen. Mindestens 75 Menschen kamen ums Leben, als sie versuchten, schwimmend dieses an der nordafrikanischen K\u00fcste gelegene europ\u00e4ische Territorium zu erreichen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.unine.ch\/sfm\/de\/presentation\/equipe\/robin-stunzi\/\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Robin St\u00fcnziExterner Link<\/a> ist wissenschaftlicher Koordinator des Nationalen Forschungsschwerpunkts zu Migration und Mobilit\u00e4t. Er analysiert die Ursachen dieses massiven Migrationsstroms, die daraus zu ziehenden Lehren und die Grenzen der europ\u00e4ischen Migrationspolitik.<\/p>\n<p>Swissinfo: Die Ankunft von rund 72\u2019000 Migrantinnen und Migranten aus Marokko in der spanischen Exklave Ceuta hat in den letzten Tagen f\u00fcr Schlagzeilen gesorgt. Welche Faktoren erkl\u00e4ren Ihrer Meinung nach diesen aussergew\u00f6hnlichen Zustrom?<\/p>\n<p>Robin St\u00fcnzi: Zun\u00e4chst gibt es einen strukturellen Faktor. Ceuta und Melilla sind zwei Exklaven der Europ\u00e4ischen Union in Nordafrika.<\/p>\n<p>Der Unterschied im Lebensstandard zwischen diesen Gebieten und ihrer unmittelbaren Umgebung ist so gross, dass bedeutende Migrationsbewegungen dort keine Seltenheit sind. Aus diesem Grund wurden im Lauf der Jahre zahlreiche Sperranlagen rund um diese Exklaven errichtet.<\/p>\n<p>    <img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/721451840_highres.jpg\" width=\"1300\" height=\"848\" alt=\"Ein Boot bringt eine Seesperre aus\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" fetchpriority=\"auto\"\/><\/p>\n<p>                Vor dem Strand von Ceuta wurden Absperrungen angebracht.            <\/p>\n<p>            Ceuta        <\/p>\n<p>Aber warum kamen all diese Menschen zur gleichen Zeit, bevor die meisten wieder abreisten?<\/p>\n<p>Es werden drei Haupthypothesen angef\u00fchrt. Die erste h\u00e4ngt mit der im Januar von Spanien eingef\u00fchrten Regularisierungskampagne zusammen. Ich glaube nicht an die Idee eines Sogeffekts. Diese Massnahme wurde bereits vor mehreren Monaten angek\u00fcndigt und betrifft nur Personen, die sich bereits auf spanischem Territorium befinden.<\/p>\n<p>Der zweite Ansatz verweist auf die wiederkehrenden Spannungen zwischen Spanien und Marokko bez\u00fcglich der Westsahara-Frage. Zwar hatte Marokko bereits 2021 die Ankunft von Migrantinnen und Migranten in Ceuta beg\u00fcnstigt, um politischen Druck auf Madrid in dieser Angelegenheit auszu\u00fcben.<\/p>\n<p>Allerdings gibt es heute kaum belastbare Anhaltspunkte, die diese Hypothese st\u00fctzen. Einerseits haben sich die Beziehungen zwischen den beiden L\u00e4ndern seit ihrer Ann\u00e4herung in der Westsahara-Frage deutlich verbessert. Andererseits h\u00e4tte Marokko kaum ein Interesse daran, sich auf der internationalen B\u00fchne in ein negatives Licht zu r\u00fccken.<\/p>\n<p>Die plausibelste Erkl\u00e4rung h\u00e4ngt mit der Interpretation eines j\u00fcngsten Entscheids des spanischen Obersten Gerichtshofs zusammen. Dieser Entscheid schr\u00e4nkt die M\u00f6glichkeiten zur Zur\u00fcckweisung von Personen ein, die auf dem Seeweg ankommen.<\/p>\n<p>Dadurch entstand wohl der Eindruck, die Grenze sei vor\u00fcbergehend offen. Diese Information wurde durch soziale Medien verst\u00e4rkt, sodass manche Personen glaubten, es handle sich um eine sofort zu ergreifende Gelegenheit.<\/p>\n<p>Was besagte dieser Gerichtsentscheid tats\u00e4chlich?<\/p>\n<p>Vor drei Wochen hat der Oberste Gerichtshof Spaniens ein Urteil \u00fcber 111 algerische Eingewanderte gef\u00e4llt, die auf dem Seeweg nach Ceuta gelangt waren. Demzufolge kann Spanien Personen, die auf dem Landweg irregul\u00e4r eingereist sind, sofort zur\u00fcckweisen. Wenn hingegen eine Person auf dem Seeweg ankommt, m\u00fcssen die Beh\u00f6rden zun\u00e4chst ihren Antrag pr\u00fcfen.<\/p>\n<p>Spanien versucht sich \u00fcbrigens auch durch eine grosse schwimmende Barriere vor der K\u00fcste Ceutas vor dieser Art von Ank\u00fcnften zu sch\u00fctzen. Diese Infrastruktur ist wahrscheinlich f\u00fcr einen Teil der rund 80 Todesf\u00e4lle unter den Personen verantwortlich, die versucht haben, die Exklave zu erreichen.<\/p>\n<p>In diesem konkreten Fall war Spanien ohnehin nicht verpflichtet, 72\u2019000 Asylantr\u00e4ge zu bearbeiten, da es sich dabei gr\u00f6sstenteils um marokkanische Staatsangeh\u00f6rige handelte, die keine Asylgr\u00fcnde vorweisen konnten.<\/p>\n<p>Dieses Ereignis ersch\u00fctterte Europa weniger als zwei Monate nach dem Inkrafttreten des europ\u00e4ischen Pakts zu Migration und Asyl. Kann man dies als Scheitern der europ\u00e4ischen Migrationspolitik interpretieren?<\/p>\n<p>Die unmittelbare Reaktion einiger anderer europ\u00e4ischer L\u00e4nder ist besorgniserregend: Sie haben der Panik nachgegeben, anstatt sich mit Spanien solidarisch zu zeigen. Dabei h\u00e4tte die Situation Besonnenheit und Koordination erfordert.<\/p>\n<p>Viele staatliche und nichtstaatliche Akteurinnen und Akteure sprachen sofort von einer Invasion oder einer Migrationswelle. Sogar Italien oder D\u00e4nemark drohten damit, Spanien aus dem Schengen-Abkommen auszuschliessen und die Grenzkontrollen innerhalb der EU wieder einzuf\u00fchren. Das ist jedoch nicht nur rechtlich unm\u00f6glich, sondern auch unverh\u00e4ltnism\u00e4ssig.<\/p>\n<p>In einem zweiten Schritt wurde der Kurs korrigiert. Die Innenministerinnen und -minister der EU-L\u00e4nder trafen sich per Videokonferenz und sandten eine Botschaft der Solidarit\u00e4t.<\/p>\n<p>    <img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/721619880_highres.jpg\" width=\"1300\" height=\"867\" alt=\"Migrantinnen und Migranten stehen an einem Strand f\u00fcr die Essensverteilung an\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" fetchpriority=\"auto\"\/><\/p>\n<p>                Migrantinnen und Migranten, die von Marokko nach Ceuta geschwommen sind, stehen an einem Strand f\u00fcr die Essensverteilung an, Montag, 3. August 2026.            <\/p>\n<p>            Copyright 2026 The Associated Press. All Rights Reserved.        <\/p>\n<p>Ist der europ\u00e4ische Migrationspakt noch glaubw\u00fcrdig?<\/p>\n<p>Die Krise von Ceuta stellte keinen echten Belastungstest f\u00fcr den europ\u00e4ischen Migrationspakt dar. Zum einen liegt die Exklave geografisch ausserhalb des Schengenraums. Das Meer trennt sie von den EU-Grenzen. Andererseits handelte es sich um Personen, die keine Asylgr\u00fcnde vorweisen konnten.<\/p>\n<p>Der Pakt wird erst dann wirklich auf die Probe gestellt, wenn ein grosser Zustrom an einer Aussengrenze des Schengenraums bew\u00e4ltigt werden muss, zum Beispiel zwischen Griechenland und der T\u00fcrkei.<\/p>\n<p>Die Herausforderung w\u00e4re noch gr\u00f6sser, wenn sich darunter Personen bef\u00e4nden, die potenziell Anspruch auf internationalen Schutz haben, sowie andere, die diesen Anspruch wahrscheinlich nicht h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Dies ist die schwierigste Situation, die es zu bew\u00e4ltigen gilt, denn sie erfordert den Einsatz von Screening-Mechanismen. Genau f\u00fcr diese Art von Situationen wurde der Pakt konzipiert.<\/p>\n<p>Worum geht es bei diesem Migrationspakt konkret?<\/p>\n<p>Dieser aus zehn Gesetzestexten bestehende Migrationspakt entstand aus den Lehren der Migrationskrise von 2015 und basiert auf drei S\u00e4ulen.<\/p>\n<p>Die erste ist das Screening an den Aussengrenzen der EU mit Identifizierung der Personen, Sicherheitskontrollen und einer medizinischen Untersuchung.<\/p>\n<p>Die zweite S\u00e4ule ist ein beschleunigtes Verfahren an der Grenze: Personen, die voraussichtlich keinen Asylanspruch haben, werden auf eine R\u00fcckkehr hingewiesen, w\u00e4hrend die anderen ihren Antrag pr\u00fcfen lassen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Schliesslich k\u00f6nnen Personen, die m\u00f6glicherweise internationalen Schutz erhalten k\u00f6nnten, auf die Mitgliedstaaten verteilt werden. L\u00e4nder, die keine Personen aufnehmen m\u00f6chten, k\u00f6nnen finanziell beitragen.<\/p>\n<p>Es handelt sich dabei um einen Mechanismus, der in der Schweiz bereits seit den 1990er-Jahren angewendet wird. Eine erste Pr\u00fcfung der Asylgr\u00fcnde erfolgt bei der Ankunft, bevor die Antragstellenden auf die Kantone verteilt werden.<\/p>\n<p>Die Schweiz \u00fcbernimmt damit bestimmte Bestimmungen des europ\u00e4ischen Migrationspakts. Welche konkreten Folgen k\u00f6nnte das f\u00fcr die schweizerische Asylpolitik und die Migrationsstr\u00f6me in die Schweiz haben?<\/p>\n<p>Das wird keine Revolution f\u00fcr die Schweiz sein. Die wichtigste \u00c4nderung besteht darin, dass sie sich auf das vorgelagerte Screening an den Aussengrenzen der EU st\u00fctzen kann.<\/p>\n<p>Personen, die an den EU-Aussengrenzen ankommen, werden im Prinzip bereits identifiziert sein. Dadurch ist eine schnellere Feststellung m\u00f6glich, ob sie zur\u00fcckgewiesen werden m\u00fcssen oder ob die Zust\u00e4ndigkeit f\u00fcr ihr Dossier bei einem anderen europ\u00e4ischen Land liegt.<\/p>\n<p>    <img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/521531290_highres.jpg\" width=\"1300\" height=\"867\" alt=\"Ein afrikanischer Mann trinkt den letzten Tropfen aus einer Petflasche\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" fetchpriority=\"auto\"\/><\/p>\n<p>                W\u00e4hrend Frontex mit der libyschen K\u00fcstenwache zusammenarbeitet, prangert die UNO ein System an, in dem Migrantinnen, Migranten, Fl\u00fcchtlinge und Asylsuchende in Libyen weiterhin brutal ausgebeutet werden.            <\/p>\n<p>            Copyright 2022 The Associated Press. All Rights Reserved.        <\/p>\n<p>Die Zahl der Personen, die in den letzten Jahren illegal nach Europa eingereist sind, ist gesunken. Europa kontrolliert seine Aussengrenzen besser. Muss man damit rechnen, dass die illegalen Einreisen wieder zunehmen werden?<\/p>\n<p>Das k\u00f6nnte bei einer grossen Krise in der Nachbarschaft Europas der Fall sein, wie bei dem Einmarsch Russlands in die Ukraine. Seit mehreren Jahren ist die irregul\u00e4re Einwanderung dank der verst\u00e4rkten Kontrolle der Aussengrenzen, namentlich der Seegrenzen, insgesamt zur\u00fcckgegangen.<\/p>\n<p>Zwar kontrolliert Europa heute seine Grenzen besser, doch diese Politik hat auch betr\u00e4chtliche menschliche Kosten. Das gilt besonders f\u00fcr Libyen, wo zahlreiche Migrantinnen und Migranten Gewalt und Folter ausgesetzt sind.<\/p>\n<p>Die Europ\u00e4ische Agentur f\u00fcr die Grenz- und K\u00fcstenwache hat die Kapazit\u00e4ten der libyschen K\u00fcstenwache gest\u00e4rkt. Diese f\u00e4ngt Personen ab, die versuchen, nach Europa zu gelangen. Diese Zusammenarbeit wirft jedoch wichtige Fragen im Hinblick auf die Achtung der Menschenrechte auf.<\/p>\n<p>Das ist einer der grundlegenden Widerspr\u00fcche der europ\u00e4ischen Migrationspolitik: Einerseits pr\u00e4sentiert sich die Europ\u00e4ische Union als Asylregion, andererseits f\u00fchrt sie Mechanismen ein, die verhindern sollen, dass Personen, die m\u00f6glicherweise internationalen Schutz erhalten k\u00f6nnten, ihr Territorium erreichen.<\/p>\n<p>Das Thema Asyl schien in der europ\u00e4ischen politischen Debatte an Bedeutung verloren zu haben. K\u00f6nnten die j\u00fcngsten Ereignisse diese Frage wieder in den Vordergrund r\u00fccken?<\/p>\n<p>Das Thema ist aus der europ\u00e4ischen politischen Agenda nie wirklich verschwunden. Die Frage bleibt im Hintergrund pr\u00e4sent und r\u00fcckt wieder in den Mittelpunkt, wenn grosse Migrationsstr\u00f6me auftreten oder wenn stark medienrelevante Einzelf\u00e4lle Asylsuchende betreffen.<\/p>\n<p>Ich glaube jedoch nicht, dass die Ereignisse von Ceuta dieses Potenzial haben. Es handelt sich um eine aussergew\u00f6hnliche Episode, die keine dauerhaften Auswirkungen auf die europ\u00e4ische Debatte haben d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>In der Schweiz ist die Situation anders, da die Instrumente der direkten Demokratie es erm\u00f6glichen, dieses Thema regelm\u00e4ssig wieder aufzugreifen.<\/p>\n<p>Die Schweizerische Volkspartei (SVP) nutzt diese Strategie \u00fcbrigens h\u00e4ufig. Ihre Volksinitiative zum Schutz der Grenzen, die demn\u00e4chst im Parlament diskutiert werden soll, k\u00f6nnte dazu beitragen, die Asylfrage wieder ins Zentrum der politischen Debatte zu r\u00fccken.<\/p>\n<p>Editiert von Samuel Jaberg, \u00dcbertragung aus dem Franz\u00f6sischen: Christian Raaflaub<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Arbeiter, Angestellte, Chauffeure: Die meisten Marokkaner, die am 30. 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