{"id":84827,"date":"2026-08-19T08:10:16","date_gmt":"2026-08-19T08:10:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/84827\/"},"modified":"2026-08-19T08:10:16","modified_gmt":"2026-08-19T08:10:16","slug":"tuerkei-blockiert-1-200-km-langes-untersee-stromkabel-nach-zypern-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/84827\/","title":{"rendered":"T\u00fcrkei blockiert 1.200 km langes Untersee-Stromkabel nach Zypern"},"content":{"rendered":"<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">Der Vorsto\u00df der Europ\u00e4ischen Union zu einem st\u00e4rker vernetzten Stromnetz st\u00f6\u00dft auf ein immer vertrauteres Hindernis: die Geopolitik.<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">Der &#8222;Great Sea Interconnector&#8220; (GSI), ein Projekt mit einem Umfang von 1,9 Milliarden Euro, soll die Stromnetze Griechenlands, Zyperns und Israels verbinden. Doch der Bau verz\u00f6gert sich immer wieder, weil Streitigkeiten um Seegrenzen im \u00f6stlichen Mittelmeer die Arbeiten an politisch sensiblen Abschnitten der Trasse erschweren.<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">F\u00fcr Br\u00fcssel geht es um mehr als nur ein einzelnes Infrastrukturvorhaben. Das rund 1.200 Kilometer lange Seekabel w\u00fcrde Zypern den Status nehmen, als einziger EU-Mitgliedstaat ohne Stromanbindung an das Verbundnetz der Union dazustehen.<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">Das Projekt w\u00fcrde zudem die Energiesicherheit in der Region st\u00e4rken und den Einsatz von erneuerbarer Energie ausweiten. F\u00fcr Zypern k\u00f6nnten dadurch die Stromrechnungen sinken.<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">Die EU-Kommission hat bereits 657 Millionen Euro zugesagt und das Vorhaben als strategisch eingestuft, da die EU ihre alternden Stromnetze umfassend modernisieren und rasch wachsende Mengen an sauberer Energie integrieren will.<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">Doch der GSI steht nun vor einem B\u00fcndel geopolitischer, finanzieller und kommerzieller H\u00fcrden. Das zeigt, wie schwer es ist, Br\u00fcssels Vision eines st\u00e4rker vernetzten europ\u00e4ischen Energiesystems in konkrete Infrastruktur zu \u00fcbersetzen.<\/p>\n<p>Europ\u00e4isches Energieprojekt ger\u00e4t in regionalen Streit<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">Die akuteste geopolitische Herausforderung kommt aus der T\u00fcrkei, deren konkurrierende Anspr\u00fcche auf Hoheitsrechte zur See den geplanten Verlauf des Kabels \u00fcberschneiden.<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">Der GSI w\u00fcrde durch Gew\u00e4sser s\u00fcdlich und \u00f6stlich der griechischen Inseln Kreta und Kasos verlaufen. Griechenland beansprucht dort auf Grundlage des Seerechts\u00fcbereinkommens der Vereinten Nationen souver\u00e4ne Rechte \u00fcber seinen Festlandsockel und die ausschlie\u00dfliche Wirtschaftszone.<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">Die T\u00fcrkei, die dem \u00dcbereinkommen nicht beigetreten ist, stellt diese Auslegung infrage. Ankara argumentiert, Inseln d\u00fcrften nicht automatisch vollst\u00e4ndige Seezonen beanspruchen, wenn sich ihre Anspr\u00fcche mit dem Festlandsockel des Festlands \u00fcberschneiden.<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">Der Konflikt hat bereits konkrete Folgen f\u00fcr das Vorhaben.<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">Im Jahr 2024 verschoben die griechischen Beh\u00f6rden Teile des Offshore-Erkundungsprogramms, nachdem die t\u00fcrkische Marine Schiffe in Gebiete entsandt hatte, in denen Vermessungsschiffe arbeiten sollten. Die Vorf\u00e4lle eskalierten zwar nicht zu einer direkten Konfrontation, machten aber die Risiken f\u00fcr Infrastrukturprojekte in umstrittenen Seegebieten deutlich.<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">Klaus Dodds, Professor f\u00fcr Geopolitik und Dekan an der Royal Holloway, University of London, sagte, die T\u00fcrkei werte den GSI als Herausforderung der Seegrenzen und ausschlie\u00dflichen Wirtschaftszonen, die Griechenland und Zypern f\u00fcr sich beanspruchen.<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">\u201eDer GSI ist, wenn er fertiggestellt wird, mehr als nur ein Stromkabel&#8220;, sagte Dodds Euronews. Er w\u00fcrde auch eine enge Abstimmung zwischen Griechenland, Zypern und Israel sichtbar machen \u2013 eine geopolitische Konstellation, auf die Ankara mit Misstrauen blickt, f\u00fcgte der Wissenschaftler hinzu.<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">Die t\u00fcrkische Ablehnung h\u00e4ngt auch mit eigenen Vorstellungen zur Energievernetzung zusammen.<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">Dodds zufolge w\u00fcrde Ankara lieber eine konkurrierende Unterwasserstromverbindung zwischen der T\u00fcrkei und der T\u00fcrkischen Republik Nordzypern aufbauen, einem abtr\u00fcnnigen Staat, den nur die T\u00fcrkei anerkennt.<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">Die Kommission hat jedoch klargestellt, dass sie politisch und finanziell ausschlie\u00dflich den GSI unterst\u00fctzt, um Zyperns Stromisolation zu beenden. Dahinter steht ein gr\u00f6\u00dferer Konflikt \u00fcber die energiepolitische Zukunft des \u00f6stlichen Mittelmeers.<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">\u201eDie EU hat ein strategisches Interesse an einem stabilen und sicheren Umfeld im \u00f6stlichen Mittelmeer und bleibt entschlossen, ihre Interessen und die ihrer Mitgliedstaaten zu verteidigen sowie die Stabilit\u00e4t in der Region zu wahren&#8220;, sagte ein Kommissionssprecher Euronews.<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">Die t\u00fcrkische Doktrin \u201eBlue Homeland&#8220; betont stark Ankaras maritime Anspr\u00fcche und souver\u00e4nen Rechte in der Region. Die wachsende Zusammenarbeit zwischen Griechenland, Zypern und Israel hat die Rivalit\u00e4t zus\u00e4tzlich angeheizt.<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">Seit dem Sturz des Assad-Regimes in Syrien im Dezember 2024 betrachten sich die T\u00fcrkei und Israel zunehmend gegenseitig als Bedrohung f\u00fcr die nationale Sicherheit, erkl\u00e4rt Ha\u015fim Tekine\u015f, Politikforscher am Institute for Diplomacy and Economy.<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">Vor diesem Hintergrund verst\u00e4rkt die zunehmende Ann\u00e4herung zwischen Griechenland und Israel Ankaras Sorgen noch. Tekine\u015f zufolge sieht die T\u00fcrkei die enger werdende Partnerschaft zwischen Griechenland und Israel als m\u00f6glichen Versuch, sie einzukreisen und zu isolieren.<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">Zugleich k\u00f6nnte Ankara die Fertigstellung des GSI als Verlust geopolitischen Einflusses und wirtschaftlicher Chancen werten. Die T\u00fcrkei will sich als Energiebr\u00fccke zwischen Europa, dem Nahen Osten und weiteren Regionen etablieren.<\/p>\n<p>Br\u00fcssel versucht Projekt auf Kurs zu halten<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">F\u00fcr die EU geht es nicht nur darum, wie sie ein Kabel durch das Mittelmeer verlegt. Sie muss ein strategisches Energieprojekt in einer der umstrittensten Meeresregionen Europas voranbringen.<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">Energiekommissar Dan J\u00f8rgensen betont die Bedeutung des V\u00f6lkerrechts und des Multilateralismus, um im \u00f6stlichen Mittelmeer ein stabiles Umfeld zu sichern und die Zusammenarbeit zwischen EU und T\u00fcrkei zu vertiefen.<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">Die Kommission warnte zudem vor t\u00fcrkischen Pl\u00e4nen f\u00fcr eine separate Unterwasserverbindung zwischen Zypern und Nordzypern.<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">Parallel dazu arbeitet die T\u00fcrkei an einer \u00fcberarbeiteten Marinedoktrin. Ankara k\u00fcndigte im Mai an, diese in Gesetzesform zu gie\u00dfen, doch die parlamentarische Beratung wurde anschlie\u00dfend auf Oktober verschoben.<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">Wie die endg\u00fcltige Fassung aussehen wird, ist offen. Forscher Tekine\u015f geht davon aus, dass selbst engere Beziehungen der T\u00fcrkei zur EU oder zu den USA die Zusammenarbeit zwischen Griechenland und Israel \u2013 und Projekte wie den GSI \u2013 f\u00fcr Ankara kaum akzeptabler machen w\u00fcrden.<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">Damit bleibt das Kabel einem breiteren geopolitischen Streit ausgesetzt, der seine Umsetzung weiter erschweren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Zweites Problem: Wer zahlt?<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">Die T\u00fcrkei ist jedoch nur eines der Hindernisse f\u00fcr das Projekt.<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">Auch Griechenland und Zypern ringen seit Jahren darum, wie der milliardenschwere Interkonnektor finanziert werden soll und wie die Kosten am Ende auf die Stromkundinnen und -kunden umgelegt werden.<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">Neben EU-Zusch\u00fcssen in Millionenh\u00f6he soll der griechische \u00dcbertragungsnetzbetreiber Independent Power Transmission Operator (IPTO) den Rest der Summe stemmen. IPTO hat das Projekt vom bisherigen GSI-Tr\u00e4ger \u00fcbernommen, der fr\u00fcher EuroAsia Interconnector hie\u00df. Urspr\u00fcnglich sollte die Verbindung bereits 2024 in Betrieb gehen.<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">Nach der j\u00fcngsten Vereinbarung sollte Zypern 63 % der Kosten tragen, rund 786 Millionen Euro. Griechenland sollte 37 % \u00fcbernehmen, also etwa 460 Millionen Euro.<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">Athen argumentiert, Zypern profitiere am st\u00e4rksten und sei zudem der letzte vom EU-Stromverbund isolierte Markt, und m\u00fcsse deshalb einen gr\u00f6\u00dferen Teil der Last schultern. Zypern wiederum fordert Zusicherungen, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher nicht schon vor der Inbetriebnahme des Kabels hohe Kosten tragen m\u00fcssen.<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">Athen und Nikosia baten die Europ\u00e4ische Investitionsbank (EIB) im April, die Tragf\u00e4higkeit des Projekts, die Kostensch\u00e4tzungen und die Einbindung in den Strommarkt neu zu pr\u00fcfen. Sollte die EIB zu dem Schluss kommen, dass die urspr\u00fcngliche Sch\u00e4tzung von 1,9 Milliarden Euro gestiegen ist, k\u00f6nnten zus\u00e4tzliche Finanzierungen oder neue Investoren gesucht werden.<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">Damit wird das Vorhaben faktisch neu bewertet, nachdem ein fr\u00fcherer Finanzierungsplan gescheitert war. Dieser hatte auf EU-Zusch\u00fcsse, EIB-Kredite und Mittel der Projekttr\u00e4ger gesetzt, doch die Bank hatte bereits damals Zweifel an der Wirtschaftlichkeit angemeldet.<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">Ein EIB-Sprecher sagte Euronews, die Gespr\u00e4che \u00fcber die Finanzierung des GSI \u201elaufen noch&#8220; und ein m\u00f6glicher Finanzierungsantrag werde im Einklang mit den Richtlinien und Verfahren der Bank gepr\u00fcft.<\/p>\n<p class=\"mb-4 text-lg md:leading-8 break-words\">\u201eIn diesem Stadium ist noch keine Entscheidung gefallen, ob eine Finanzierung \u00fcberhaupt in Betracht kommt, und wir \u00e4u\u00dfern uns vor Abschluss der Pr\u00fcfung nicht im Detail zum Bewertungsprozess&#8220;, erg\u00e4nzte der EIB-Sprecher.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der Vorsto\u00df der Europ\u00e4ischen Union zu einem st\u00e4rker vernetzten Stromnetz st\u00f6\u00dft auf ein immer vertrauteres Hindernis: die Geopolitik.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":84828,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[21,22,4388,322,12544,15009,28092,1986,1603],"class_list":["post-84827","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-eu","tag-eu","tag-europaeische-union","tag-europaeischen-union","tag-israel","tag-projekt","tag-stromnetz","tag-stromnetze-griechenlands","tag-tuerkei","tag-zypern"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/84827","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=84827"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/84827\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/wp-json\/wp\/v2\/media\/84828"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=84827"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=84827"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=84827"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}