{"id":89470,"date":"2026-08-29T06:50:09","date_gmt":"2026-08-29T06:50:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/89470\/"},"modified":"2026-08-29T06:50:09","modified_gmt":"2026-08-29T06:50:09","slug":"island-referendum-neue-eu-beitrittsgespraeche-am-29-august","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/europa\/89470\/","title":{"rendered":"Island-Referendum: Neue EU-Beitrittsgespr\u00e4che am 29. August"},"content":{"rendered":"<p class=\"initial richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Kamil legt ein St\u00fcck Kabeljau in den Teig und l\u00e4sst es ins hei\u00dfe \u00d6l gleiten. Der <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/fisch\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Fisch<\/a> wurde nur wenige Stunden zuvor an den Stand Frystihusid im Hafen von <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/reykjavik\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Reykjavik<\/a> angeliefert, 40\u2005Kilogramm, frisch vom Boot. Nun zischt das Filet im Fett. Drau\u00dfen vor der kleinen Markthalle sitzen Touristen auf den einfachen Holzb\u00e4nken und genie\u00dfen den Ausblick, w\u00e4hrend sie auf \u201eFish and Chips\u201c warten, der Bestseller hier, wie Koch Kamil sagt. Sonnenstrahlen dr\u00e4ngen sich bei neun Grad durch die Schleierwolken, mehr Sommer als an diesem Mittwochmittag im Juli geht in <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/island\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Island<\/a> kaum. Im Hintergrund bilden die schneebedeckten Berge der Faxafl\u00f3i-Bucht eine Panoramakulisse.<\/p>\n<p>Fischerboote treffen auf Nato-Forschungsschiff      <\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Wenige Meter von den Urlaubern entfernt schaukelt an einem Kai die \u201eVenus NS\u2005150\u201c, einer der gr\u00f6\u00dften isl\u00e4ndischen Fischtrawler. Gegen\u00fcber hat die \u201eNRV Alliance\u201c angelegt, ein Forschungsschiff der Nato. Die Nachbarschaft ist Zufall, symbolisch wirkt sie trotzdem. Das eine Schiff steht f\u00fcr einen Wirtschaftszweig, der dem Land aufgrund seiner fischreichen Gew\u00e4sser mit Makrelen, Kabeljau und Heringen Wohlstand brachte und tief im nationalen Selbstverst\u00e4ndnis verankert ist. Das andere f\u00fcr eine Sicherheitsordnung, die f\u00fcr viele Isl\u00e4nder sp\u00e4testens seit Russlands Angriff auf die <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/ukraine\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Ukraine<\/a> wichtiger geworden ist als je zuvor und mit Donald Trumps zweiter Amtszeit als US-Pr\u00e4sident noch mehr an Bedeutung gewonnen hat.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Beide Seiten k\u00e4mpfen nun f\u00fcr ihr Anliegen: Am 29.\u2005August sind die knapp 400.000\u2005B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger des Inselstaats aufgerufen, dar\u00fcber abzustimmen, ob die sozialliberale Regierungskoalition die seit 13\u2005Jahren ausgesetzten Verhandlungen \u00fcber einen Beitritt zur EU wieder aufnehmen soll. Es geht um einen Neustart der Gespr\u00e4che, zumindest offiziell. Erst in einem zweiten Referendum w\u00fcrde es dann um die Mitgliedschaft gehen. Tats\u00e4chlich schwebt aber schon jetzt \u00fcber allem die alte Frage, wie viel Unabh\u00e4ngigkeit sich ein kleines Land noch leisten kann und wie viel Souver\u00e4nit\u00e4t es sich bewahren will? Die Antwort ber\u00fchrt fast alles, was Island ausmacht.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">\u201e53:21:15:07\u201c \u2013 auf der Website der pro-europ\u00e4ischen Bewegung Evr\u00f3puhreyfingin z\u00e4hlt eine digitale Uhr die Tage, Stunden, Minuten und Sekunden bis zur Abstimmung herunter. Sn\u00e6r\u00f3s Sindrad\u00f3ttir und P\u00e1ll Rafnar Thorsteinsson sitzen im Vorstand der Kampagne und an diesem sp\u00e4ten Abend in einem Reykjaviker Restaurant nahe der Betonkathedrale Hallgr\u00edmskirkja, dem Wahrzeichen der Hauptstadt. Arktischer Saibling, kanadischer Hummer, Rentier-Filet\u2005\u2013 schon die Speisekarte verr\u00e4t die abgelegene Lage der Insel mitten im Nordatlantik. Der Korridor zwischen Gr\u00f6nland und dem Vereinigten K\u00f6nigreich ist strategisch bedeutend f\u00fcr <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/europa\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Europa<\/a>, die Vereinigten Staaten, <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/russland\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Russland<\/a> und China. Vereinfacht gesagt: Wer Zugang zum Atlantik will, kommt an Island, dem Tor zur <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/arktis\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Arktis<\/a>, nicht vorbei.<\/p>\n<p>Pro-Europ\u00e4er warnen vor Trump-Risiken      <\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Vor Ort f\u00fchlen sich die meisten Menschen dagegen nicht ernsthaft bedroht. Man ist weit weg von den Konflikten dieser Welt. \u201eWir konnten die Augen verschlie\u00dfen\u201c, sagt Sindrad\u00f3ttir vom Ja-Lager. Die Mischung aus Bequemlichkeit und einem Hauch Selbstzufriedenheit \u00e4nderte sich zumindest in einigen Zirkeln, seit Trump erneut im Wei\u00dfen Haus das Sagen hat und mit der Annexion Gr\u00f6nlands lieb\u00e4ugelt. Dass der Republikaner au\u00dferdem Island und Gr\u00f6nland immer wieder verwechselt und der US-Botschafter in Island Scherze dar\u00fcber rei\u00dft, die Insel zum 52.\u2005Bundesstaat der <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/usa\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">USA<\/a> zu machen, sorgt in Reykjavik f\u00fcr Nervosit\u00e4t. Fr\u00fcher sei Amerika das \u201eLeuchtfeuer der Demokratie\u201c gewesen, sagt Pro-EU-Aktivist P\u00e1ll Rafnar Thorsteinsson. Jetzt sei es die EU, die Werte wie Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit sch\u00fctze.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Hinter den Kulissen w\u00e4chst die Hoffnung, dass Island der Schl\u00fcssel zu <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/norwegen\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Norwegen<\/a> sein k\u00f6nnte. Bei einer Ann\u00e4herung Reykjaviks an die EU w\u00fcrde der Druck auf Oslo \u201eenorm\u201c sein, meinte etwa ein hochrangiger Diplomat in <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/bruessel\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Br\u00fcssel<\/a>. \u201eWenn wir mit \u201aJa\u2019 stimmen, wird Norwegen automatisch einen Schritt in Richtung EU machen\u201c, befindet auch Thorsteinsson.<\/p>\n<p>Island \u00fcbernimmt EU-Recht ohne Stimme      <\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Wie Norwegen ist Island bereits Mitglied des Europ\u00e4ischen Wirtschaftsraums (EWR) und in der Europ\u00e4ischen Freihandelsassoziation (EFTA), geh\u00f6rt damit zum Schengen-Raum mit seinen offenen Binnengrenzen. In der Praxis hei\u00dft das, dass Reykjavik rund 80\u2005Prozent der EU-Gesetzgebung \u00fcbernommen hat, aber ohne Mitspracherecht bleibt, wie EU-Bef\u00fcrworter bem\u00e4ngeln. Nachdem der Zusammenbruch des Bankensystems das Land 2009 fast in den Bankrott getrieben hatte, stellte die Insel einen Beitrittsantrag, vier Jahre sp\u00e4ter aber zog sich eine neue Regierung von den Beratungen zur\u00fcck, 2015 wurden die Verhandlungen komplett eingefroren, vorneweg wegen Differenzen bei der Fischereipolitik.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Daran soll es nicht noch einmal scheitern. Val\u00e9rie Hayer reist Ende Juni bereits zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate nach Island. Sie ist die Vorsitzende der liberalen Parteifamilie Renew im Europaparlament und will erfahren, wie die EU den Isl\u00e4ndern in Sachen Referendum helfen kann. \u201eEs liegt an uns, Erweiterung nicht mehr nur als wirtschaftliches Projekt oder b\u00fcrokratische \u00dcbung, sondern als geopolitisches Instrument zu verstehen\u201c, so Hayer. Die Franz\u00f6sin besucht Unternehmen wie Carbfix, wo sie Kohlendioxid in Stein verwandeln. Sie f\u00e4hrt auf die Halbinsel Reykjanes, die seit Jahren unter dem Vulkan Sundhn\u00faksg\u00edgar zittert. Etliche Unternehmen auf der Insel erhielten f\u00fcr ihre Projekte nicht nur F\u00f6rdergelder aus Br\u00fcssel, sondern sind auch von den Vorschriften betroffen. Trotzdem wollen sich die meisten nicht auf eine Seite schlagen. Es erinnert an die Kampagne vor dem Brexit-Referendum im Vereinigten K\u00f6nigreich 2016. Dort hielt sich die Gesch\u00e4ftswelt ebenfalls auffallend zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Au\u00dfenministerin fordert Kontrolle \u00fcber Fischerei      <\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Auch in Island werben die Pro-Europ\u00e4er vor allem mit wirtschaftlichen Argumenten. Stabile W\u00e4hrung durch die Einf\u00fchrung des Euro, niedrige Zinsen, Eind\u00e4mmung der Inflation, langfristige Planbarkeit bei Investitionen, Steigerung der Wettbewerbsf\u00e4higkeit. Die Nein-Kampagne ber\u00fchrt dagegen Emotionen und nutzt die Frage von Freiheit und Fisch zur Stimmungsmache. Die \u201eKabeljaukriege\u201c gegen Gro\u00dfbritannien im 20.\u2005Jahrhundert gelten bis heute als einer der gr\u00f6\u00dften au\u00dfenpolitischen Erfolge des Landes, sind ein wichtiger Teil der kollektiven Identit\u00e4t. Deshalb hofft Islands Au\u00dfenministerin Thorgerdur Katr\u00edn Gunnarsd\u00f3ttir auf Verst\u00e4ndnis in Br\u00fcssel. \u201eDie EU sollte uns im weiteren Kontext ein gutes Abkommen anbieten\u201c, sagt sie. Island befinde sich \u201ein einer viel st\u00e4rkeren Position als beim letzten Mal\u201c. Die Erwartung: \u201eWir wollen weiterhin die Kontrolle \u00fcber unsere Fischereiindustrie behalten.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">In der Gemeinschaft ist das Momentum f\u00fcr die EU-Erweiterung so stark wie seit Langem nicht mehr, nachdem Russlands Vollinvasion in die Ukraine den stockenden Prozess wieder angesto\u00dfen hatte. Bundeskanzler <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/friedrich-merz\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Friedrich Merz<\/a> etwa will Beitrittskandidaten wie die Ukraine und Moldau enger an Europa binden, beispielsweise in Form eines abgestuften Modells, sodass <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/kiew\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kiew<\/a> einen Mittelweg zwischen Vollmitgliedschaft und Kandidaten-Schwebezustand einschlagen k\u00f6nnte. Gleichberechtigt am Tisch der aktuell 27\u2005Staatenlenker w\u00fcrde das kriegsgebeutelte Land nicht sitzen.<\/p>\n<p>Umfrage sieht knappes Ja voraus      <\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Dass es der Regierung in Reykjavik \u00e4hnlich wie Albanien (siehe Infokasten) ergehen k\u00f6nnte, glaubt indes niemand. \u201eIsland ist viel besser vorbereitet, weil es unsere Standards bereits erf\u00fcllt\u201c, sagt die Liberale Hayer und appelliert an ihre EU-Kollegen, \u201edass wir agiler, schneller und strategischer handeln\u201c, ergo: den Isl\u00e4ndern schon allein aus Eigeninteresse entgegenkommen. In der Arktis b\u00fcndelten sich auch nahezu alle gro\u00dfen Herausforderungen des 21.\u2005Jahrhunderts, ob es um nat\u00fcrliche Ressourcen, kritische Rohstoffe oder Verteidigungs- und Sicherheitsfragen geht.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Eine knappe Mehrheit \u2013 53,1 Prozent der Isl\u00e4nder \u2013 w\u00fcrde laut j\u00fcngster Umfrage f\u00fcr die Wiederaufnahme der Gespr\u00e4che stimmen. Vielleicht wird Islands europ\u00e4ische Zukunft also bald in Br\u00fcssel ausgehandelt. Ob sie Wirklichkeit wird, entscheidet sich jedoch auf den Fanggr\u00fcnden des Nordatlantiks.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Kamil legt ein St\u00fcck Kabeljau in den Teig und l\u00e4sst es ins hei\u00dfe \u00d6l gleiten. 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