Oder auch: „Es ist halt wie es ist”

Ich hab vor einiger Zeit einen neuen Youtube-Channel entdeckt, der manche Dinge, die mich selber stark beschäftigen, sehr eloquent auf den Punkt bringt. Daher hier der Link als Quasi „Quellen-Nachweis“ für die untenstehenden Gedanken.

https://www.youtube.com/watch?v=pv9LpIqMqlw

Zur Sache: Worum geht es? Wenn wir an diktatorische, absolutistische Regime denken, dann ist einer der ersten Punkte, der uns durch den Kopf schießt, wohl oft: „Dort gibt es keine Freiheit der Meinungsäußerung! Man darf nicht sagen, was man will, ohne bestraft zu werden!“

Wir leben im Westen, auch in Österreich, in einer Gesellschaft, wo Meinungsäußerungsfreiheit (in gewissen Grenzen) sehr hoch gehalten wird. Es gibt zahllose Plattformen, online und offline, wo das möglich ist. Recht wenige – so zumindest mein Eindruck – haben dabei aber den Gedanken reflektiert, dass unsere Meinungsäußerungsfreiheit eigentlich zu einer systemischen Chimäre mutiert ist. Meinungen sind allgegenwärtig. Reddit, Standardforum, Youtube, Tiktok, von allen Seiten wird man damit bombardiert. Überall gibt’s Posts, Beiträge, Kommentare, wie ein Hagel prasselt das auf uns ein. Und wir selbst beteiligen uns auch daran. Ich hier gerade ebenso.

Das hat zum Paradoxon geführt, dass der riesige, unendliche Schwall an geäußerten Meinungen sofort im Meer der Beliebigkeit versinkt. Wie in einer überfüllten Bar, wo zwar alle reden, aber doch kein Gespräch möglich ist. Es führt zu einer emotionalen Reaktion bei uns. Bei mir. Bei euch. Aber zu nicht mehr. Es gibt keine Veränderung. Keine Bewegung. Nichts. Ganz konkret sieht man das zB bei der österreichischen Politik (daher auch der Österreich-Bezug hier): Die Probleme unserer Gesellschaft, unserer Wirtschaft, sind seit Jahrzehnten bekannt. Föderalismus. Vermögensungleichverteilung. Ungleichheit/Unleistbarkeit beim Wohnen. Inflation. Zwei-Klassen-Medizin. Immer und immer und immer wieder wird das diskutiert. Aspekte gewälzt, Probleme analysiert. Alles ist bekannt. Und alles bleibt gleich. Sachen wie die USt-Senkung auf gewisse Lebensmittel werden groß zelebriert: weil sonst gibt’s nichts.

Systeme, Regime, haben gelernt, dass es effektiver ist, Meinungsäußerung zuzulassen. Zensur führt zu Widerstand, zu Konflikt. Leute merken, dass Worte, Meinungen, etwas bewirken können. Dem Staat unangenehm sind. Wer einmal in einem Streitgespräch mit einem Hitzkopf war, weiß: am frustrierendsten ist es für die, wenn man sie einfach reden lässt und ihnen signalisiert, dass nichts was sie sagen, zu einer Reaktion führen wird. Nicht viel anders ist es heute bei uns. Wir haben mehr Plattformen zum Austausch als jemals zuvor. Und selten waren die Auswirkungen geäußerter Meinungen spärlicher. Irrelevanter.

Das ist auch keine große Verschwörungstheorie, das sind keine Mechanismen, die von diabolischen Großkapitalisten in Hinterzimmern entworfen werden. Sondern ein organisch gewachsener Organismus. Der Kapitalismus hat Meinungsäußerung zum Produkt gemacht, zu einem Gut, das konsumiert wird, wie Schnitzl und Netflix. Wichtig auch, dass alles kategorisiert wird, in die richtige Schachtel passt. Viele werden sich zB fragen, ob dieser Post überhaupt richtig ist bei r/Austria. Jopp. Exakt mein Punkt.

Wir gehen weiterhin zu Wahlen. Posten auf Reddit. Diskutieren mit Freunden. Weil wir uns gut dabei fühlen. Am Ende bleibt bei den wirklich wichtigen Themen aber eigentlich immer nur die zynische, apathische Schlussfolgerung „Es ist halt wie es ist“. „Man kann halt nichts daran ändern“. Und ich nehme mich davon dezidiert nicht aus. Auch diesem Post hier wird dasselbe Schicksal blühen. Viele werdens überfliegen, gedanklich den Kopf schütteln und sich denken „pfah, schon wieder so ein Schwurbler“. Manche werden sich vielleicht mit dem einen oder anderen Gedanken identifizieren können. In wenigen Tagen wird aber auch dieser Post in der Versenkung verschwunden sein, ersetzt von neuen Diskussionen, über dieselben altbekannte Themen.




Odra_dek

Leave a Reply