**Zwei 21-Jährige müssen sich wegen geplanter Attentate vor den Geschworenen verantworten. Sie bekennen sich teilschuldig, schieben die Hauptlast aber auf einen dritten Mann**
Selbst das Kruzifix zwischen den beiden Kerzen, das auf dem Serverkasten im Eck des Verhandlungssaals steht, hilft nichts. Der mit Spannung erwartete Terrorprozess im Landesgericht Wiener Neustadt gegen zwei 21-Jährige, denen die Staatsanwaltschaft terroristische Straftaten vorwirft, beginnt mit einer halben Stunde Verspätung. Denn die Präsentation des Staatsanwaltes lässt sich zunächst nicht von seinem Laptop auf den großen Bildschirm über dem Richtertisch übertragen. Um das Geschworenengericht, die Angeklagten und das Publikum im vollen Saal nicht unruhig werden zu lassen, unterbricht die Vorsitzende den Prozess gegen Beran A. und Arda K., bis das technische Problem behoben ist.
Drei große Komplexe sind es, die die Anklagebehörde den beiden Unbescholtenen vorwirft. Gemeinsam sollen sie mit einem dritten jungen Mann, namens Hasan E., der derzeit in Saudi-Arabien in Untersuchungshaft sitzt, im März 2024 koordinierte Anschläge in Mekka, Dubai und Istanbul geplant haben. Alle drei flogen in ihre Zielorte, lediglich der dritte Mann soll in der Heiligen Moschee in Mekka einen Sicherheitsmann mit einem Messer attackiert und im Zuge seiner Festnahme vier weitere Personen verletzt haben. Die saudischen Behörden werfen Hasan nicht nur “Krieg gegen Gott” und “Verunglimpfung von König und Kronprinz” vor, sondern auch versuchten Mord. Die heimische Staatsanwaltschaft sieht einen gemeinsamen Plan des Trios, weshalb K. und A. wegen Beihilfe zum versuchten Mord angeklagt sind – der Strafrahmen für die jungen Erwachsenen beträgt zehn bis 20 Jahre Haft.
**Kein gemeinsamer Plan für Anschlagsserie**
Zu diesem Punkt bekennt sich der Erstangeklagte Beran A. nicht schuldig. Es habe keinen gemeinsamen Plan gegeben, behauptet der von Anna Mair verteidigte gebürtige Österreicher. Der die ersten 15 Jahre seines Lebens mit seinen Eltern in Wien-Favoriten verbracht hat, was ihn nicht daran hindert, im Verfahren mehrmals von “meinem Land” zu sprechen, wenn er Nordmazedonien, die ursprüngliche Heimat seiner Eltern, erwähnt.
Dass er im März 2024 in Dubai einen Anschlag begehen wollte, gibt der vollbärtige, häufig lächelnde Erstangeklagte aber zu. Ebenso, Vorbereitungen für ein Blutbad am 9. August 2924 in Wien getroffen zu haben. Da hätte das zweite Taylor-Swift-Konzert im Wiener Ernst-Happel-Stadion stattfinden sollen, und A. ist geständig, geplant zu haben, dort eine selbstgebastelte Schrapnellbombe zu zünden und mit diversen Waffen Menschen zu töten. Ebenso gibt er verschiedene Nebendelikte wie IS-Propaganda oder die gefährliche Drohung mit der Vergewaltigung eines ihm persönlich unbekannten TikTok-Users und dessen Mutter zu.
Seine Verteidigungslinie ist rasch klar: Er sei eigentlich nur ein Mitläufer, der in Saudi-Arabien inhaftierte “Hasan” habe ihn zum radikalen Islamisten geformt. Auch der Zweitangeklagte K., beziehungsweise dessen Verteidiger David Jodlbauer, verfolgen diese Strategie. “Hasan ist der Lehrer, K. der Schüler. Ein höriger Schüler”, formuliert es Jodlbauer. Sein in Österreich geborener slowakischer Mandant mit türkischen Wurzeln bekennt sich zu einem geplanten Anschlag in Istanbul schuldig, weist aber jede Verantwortung für die Pläne der beiden anderen zurück. Dass er seine Freundin zum IS bekehren wollte, gibt er dagegen zu.
**Erstangeklagter als Mobbingopfer**
Am ersten von mindestens vier Verhandlungstagen in Wiener Neustadt versucht Beran A. die Laienrichterinnen und -richter davon zu überzeugen, wie er in “Hasans” Bann geraten sei. Seit Herbst 2019 ging er mit “Hasan” in die Klasse, zunächst war Beran A. ein Mobbingopfer. Ab Jänner 2020 kümmerte “Hasan” sich um ihn, gab ihm Tipps für selbstbewussteres Auftreten und wie er “Mädchen klären” könne. Nach dem Lockdown im März 2020 blieb man in Kontakt, auch als A. im Sommer die Schule wechselte und mit seinen Eltern nach Niederösterreich zog.
Intensiv wurde der Kontakt wieder ab März 2023 – “Hasan” lebte da mit seiner Mutter in Istanbul und wurde immer fundamentalistischer. Glaubt man dem Erstangeklagten, habe er den IS zunächst abgelehnt, tatsächlich gibt es auch Chats der beiden, in denen A. klarmacht, dass man nie Unschuldige töten dürfe, egal ob Ungläubige oder Muslime. Erst im Jänner 2024 sei er durch “Hasan” radikalisiert worden, beteuert er.
Nur: Bereits, als er 14 war, sah er gerne Videos von gewaltsamen Todesfällen. Die Vorsitzende spielt zum Entsetzen der Geschworenen und mancher Journalistinnen eines vor und will wissen, wo der Reiz daran liege. “Ich habe es interessant gefunden, was manchen Menschen passiert. Erst spannend, dann bedrückend”, versucht er abzuschwächen. In den Chats mit “Hasan” fordert er bereits 2023 von diesem derartige Filme. Oder auch solche, in denen Männer Frauen schlagen.
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Teil 1:
**Zwei 21-Jährige müssen sich wegen geplanter Attentate vor den Geschworenen verantworten. Sie bekennen sich teilschuldig, schieben die Hauptlast aber auf einen dritten Mann**
Selbst das Kruzifix zwischen den beiden Kerzen, das auf dem Serverkasten im Eck des Verhandlungssaals steht, hilft nichts. Der mit Spannung erwartete Terrorprozess im Landesgericht Wiener Neustadt gegen zwei 21-Jährige, denen die Staatsanwaltschaft terroristische Straftaten vorwirft, beginnt mit einer halben Stunde Verspätung. Denn die Präsentation des Staatsanwaltes lässt sich zunächst nicht von seinem Laptop auf den großen Bildschirm über dem Richtertisch übertragen. Um das Geschworenengericht, die Angeklagten und das Publikum im vollen Saal nicht unruhig werden zu lassen, unterbricht die Vorsitzende den Prozess gegen Beran A. und Arda K., bis das technische Problem behoben ist.
Drei große Komplexe sind es, die die Anklagebehörde den beiden Unbescholtenen vorwirft. Gemeinsam sollen sie mit einem dritten jungen Mann, namens Hasan E., der derzeit in Saudi-Arabien in Untersuchungshaft sitzt, im März 2024 koordinierte Anschläge in Mekka, Dubai und Istanbul geplant haben. Alle drei flogen in ihre Zielorte, lediglich der dritte Mann soll in der Heiligen Moschee in Mekka einen Sicherheitsmann mit einem Messer attackiert und im Zuge seiner Festnahme vier weitere Personen verletzt haben. Die saudischen Behörden werfen Hasan nicht nur “Krieg gegen Gott” und “Verunglimpfung von König und Kronprinz” vor, sondern auch versuchten Mord. Die heimische Staatsanwaltschaft sieht einen gemeinsamen Plan des Trios, weshalb K. und A. wegen Beihilfe zum versuchten Mord angeklagt sind – der Strafrahmen für die jungen Erwachsenen beträgt zehn bis 20 Jahre Haft.
**Kein gemeinsamer Plan für Anschlagsserie**
Zu diesem Punkt bekennt sich der Erstangeklagte Beran A. nicht schuldig. Es habe keinen gemeinsamen Plan gegeben, behauptet der von Anna Mair verteidigte gebürtige Österreicher. Der die ersten 15 Jahre seines Lebens mit seinen Eltern in Wien-Favoriten verbracht hat, was ihn nicht daran hindert, im Verfahren mehrmals von “meinem Land” zu sprechen, wenn er Nordmazedonien, die ursprüngliche Heimat seiner Eltern, erwähnt.
Dass er im März 2024 in Dubai einen Anschlag begehen wollte, gibt der vollbärtige, häufig lächelnde Erstangeklagte aber zu. Ebenso, Vorbereitungen für ein Blutbad am 9. August 2924 in Wien getroffen zu haben. Da hätte das zweite Taylor-Swift-Konzert im Wiener Ernst-Happel-Stadion stattfinden sollen, und A. ist geständig, geplant zu haben, dort eine selbstgebastelte Schrapnellbombe zu zünden und mit diversen Waffen Menschen zu töten. Ebenso gibt er verschiedene Nebendelikte wie IS-Propaganda oder die gefährliche Drohung mit der Vergewaltigung eines ihm persönlich unbekannten TikTok-Users und dessen Mutter zu.
Seine Verteidigungslinie ist rasch klar: Er sei eigentlich nur ein Mitläufer, der in Saudi-Arabien inhaftierte “Hasan” habe ihn zum radikalen Islamisten geformt. Auch der Zweitangeklagte K., beziehungsweise dessen Verteidiger David Jodlbauer, verfolgen diese Strategie. “Hasan ist der Lehrer, K. der Schüler. Ein höriger Schüler”, formuliert es Jodlbauer. Sein in Österreich geborener slowakischer Mandant mit türkischen Wurzeln bekennt sich zu einem geplanten Anschlag in Istanbul schuldig, weist aber jede Verantwortung für die Pläne der beiden anderen zurück. Dass er seine Freundin zum IS bekehren wollte, gibt er dagegen zu.
**Erstangeklagter als Mobbingopfer**
Am ersten von mindestens vier Verhandlungstagen in Wiener Neustadt versucht Beran A. die Laienrichterinnen und -richter davon zu überzeugen, wie er in “Hasans” Bann geraten sei. Seit Herbst 2019 ging er mit “Hasan” in die Klasse, zunächst war Beran A. ein Mobbingopfer. Ab Jänner 2020 kümmerte “Hasan” sich um ihn, gab ihm Tipps für selbstbewussteres Auftreten und wie er “Mädchen klären” könne. Nach dem Lockdown im März 2020 blieb man in Kontakt, auch als A. im Sommer die Schule wechselte und mit seinen Eltern nach Niederösterreich zog.
Intensiv wurde der Kontakt wieder ab März 2023 – “Hasan” lebte da mit seiner Mutter in Istanbul und wurde immer fundamentalistischer. Glaubt man dem Erstangeklagten, habe er den IS zunächst abgelehnt, tatsächlich gibt es auch Chats der beiden, in denen A. klarmacht, dass man nie Unschuldige töten dürfe, egal ob Ungläubige oder Muslime. Erst im Jänner 2024 sei er durch “Hasan” radikalisiert worden, beteuert er.
Nur: Bereits, als er 14 war, sah er gerne Videos von gewaltsamen Todesfällen. Die Vorsitzende spielt zum Entsetzen der Geschworenen und mancher Journalistinnen eines vor und will wissen, wo der Reiz daran liege. “Ich habe es interessant gefunden, was manchen Menschen passiert. Erst spannend, dann bedrückend”, versucht er abzuschwächen. In den Chats mit “Hasan” fordert er bereits 2023 von diesem derartige Filme. Oder auch solche, in denen Männer Frauen schlagen.