Es sind nur noch wenige Tage bis zum großen Event. Entsprechend geschäftig geht es im Boutique-Atelier des luxemburgischen Modelabels vol(t)age in der Rue Michel Welter im Bahnhofsviertel der Hauptstadt zu. Während draußen die Sonne den Frühling in der Stadt verbreitet und auf dem aufgewärmten Trottoir gleich ein ganzes Rudel Scottish Terrier auf seiner Gassirunde unterwegs ist – natürlich angeleint –, wird hinter den großen Fensterscheiben fleißig gearbeitet.

An diesem Morgen sind vier Personen im Atelier zu finden. Natürlich allen voran eine der beiden Inhaberinnen, Claudie Grisius, zudem ihre Mitarbeiterin Sandra, die sich unter anderem um den Kontakt zur Produktionsstätte in Portugal kümmert, und Praktikantin Mariana, die laut Claudie „mit ihren digitalen Kompetenzen das bestehende handwerkliche Know-how des Teams zeitgemäß ergänzt“. Außerdem mit von der Partie: Stéphanie Grisius. Gemeinsam mit ihrer Schwester gründete sie vor 15 Jahren vol(t)age. Claudie hat vor mehr als einer Dekade ihren Job als Anwältin an den Nagel gehängt. Stéphanie arbeitete bislang weiterhin im Finanzbereich.

Ich denke, dass es an der Zeit ist, ein neues Kapitel in meinem Leben aufzuschlagen: eines, in dem ich mehr nähen werde.

Stéphanie Grisius

Doch das ist bald Geschichte: Auch Stéphanie wird noch vor dem Sommer das sichere Umfeld des Beratungsunternehmens, für das sie aktuell tätig ist, verlassen. Dann wird sie nicht mehr nur zu 100 Prozent mit dem Herzen, sondern auch zu 100 Prozent mit ihren Kräften bei vol(t)age mitwirken.

Blick nach vorne

Ein Ereignis begleitet diesen Schritt: Die Grisius-Schwestern präsentieren noch in dieser Woche bei einem privaten Event Freundinnen und Freunden der Marke, Influencern und Pressevertretern neue Ideen, neue Mode und eine neue Vision, die vol(t)age in Richtung Zukunft führen soll.

Die Geschichte des Labels geht laut Claudie Grisius auf einen Moment im Jahr 2010 zurück. Die damalige Anwältin war auf dem Weg zur Arbeit, sie trug einen Schal und empfand plötzlich etwas, was sie schmunzelnd als Epiphanie, also als eine Art Erleuchtungsmoment, beschreibt. „Ich fühlte mich in diesem Moment nicht nur gut angezogen, sondern auch in gewisser Weise gestärkt. Ich hatte mich bis zu diesem Zeitpunkt selten derart gefühlt.“ Noch am selben Tag gab es den Anruf bei ihrer Schwester Stéphanie, die als Erste in den Plan eingeweiht wurde, mit eigenen Schaldesigns zukünftig für modische Erleuchtung sorgen zu wollen. Wenige Monate später, im Jahr 2011, erfolgte schließlich die offizielle Firmengründung.

Keine Fashion Victims und mit dem goldenen Händchen für kreative Ideen: Claudie (l.) und Stéphanie Grisius greifen gerne selbst zu den hauseigenen „Smart Shirts“. Foto: Stephanie Jabardo

In den Jahren danach feierten die Schwestern, die sich als vollkommen gegensätzlich bezeichnen, gemeinsam erste Erfolge. Ihre Schals mit dem Namen „the v-neck“ entpuppten sich als Verkaufsschlager. Auch mit den sogenannten „Smart-Shirts“, Oberteilen mit witzigen, nachdenklichen oder auch empowernden Sprüchen, trafen die beiden kreativen Köpfe der Marke den Geschmack der Kundschaft.

„We don‘t design clothes. We design energy“ lautete von Anfang an das Motto der beiden Frauen. Ihre Mode soll die Trägerin – oder auch den Träger – bestärken, positiv verändern, anregen. „Wardrobe Therapy“ (Kleiderschrank-Therapie) nennt Claudie Grisius diesen Ansatz: Mode als Möglichkeit zur Veränderung. Ein Outfitwechsel als Chance, sich selbst neu zu entdecken.

Unser Ziel ist es, gemeinsam etwas Konstruktives zu schaffen.

Claudie Grisius

50 Jahre und ein Neuanfang

Stéphanie Grisius, die schon immer mit viel Herzblut und kreativen Ideen bei vol(t)age mitwirkte, feiert in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag. „Und ich denke, dass es an der Zeit ist, ein neues Kapitel in meinem Leben aufzuschlagen: eines, in dem ich mehr nähen werde.“

Ihre Schwester Claudie wagte den Schritt schon weitaus früher. Nach ihrem Studium, das sie unter anderem mit einem Master an der prestigeträchtigen Universität in Cambridge abschloss, arbeitete sie zunächst bei einer Wirtschaftskanzlei. Nach 18 Jahren und einige Zeit nach der Gründung von vol(t)age ließ sie diesen Weg hinter sich. Die wenige Jahre jüngere Stéphanie, die einen ähnlich hochkarätigen Lebenslauf vorweisen kann, traut sich nun etwas später, ganz auf Mode zu setzen.

Warum sie etwas länger zögerte? Claudie sei die Spontane, die Leidenschaftliche. „Ich bin dagegen abwägend, strukturierter, analytischer“, so Stéphanie Grisius. „Natürlich werde ich ein wenig Zeit brauchen, um mich einzuleben. Aber nein, schwergefallen ist mir die Entscheidung nicht.“ Im Unternehmen, in dem sie noch wenige Wochen angestellt sein wird, reagierte man positiv auf den Kurswechsel. „Und niemand war verwundert, denn viele wussten, dass ich eine große Affinität zu Mode habe.“

Die neue vol(t)age-Kollektion beinhaltet auch drei Basics aus nachhaltigem Biohanf, die nach Lust und Laune individualisiert werden können. Foto: Stephanie Jabardo

Am Wochenende, bei ihrem Fashion-Event, wollen Claudie und Stéphanie Grisius nicht nur gemeinsam als 200-Prozent-Modeduo auftreten, sondern dem Publikum auch erstmals ihre neuen Visionen präsentieren. Dazu gehören neben zahlreichen Accessoires auch drei Basics – zwei Röcke und eine Hose –, die aus Bio-Hanf hergestellt werden. „Das ist einer der wenigen Stoffe, die wirklich grün sind. Anders als Baumwolle, wo tausende Liter Wasser für die Herstellung verbraucht werden. Hanfstoff ist ein Abfallprodukt der CBD-Produktion“, so Stéphanie.

Mit einem Leuchten in den Augen nehmen die beiden Schwestern im Atelier die neuen Kleidungsstücke der Kollektion nochmals genauer unter die Lupe und zeigen, wie wandlungsfähig diese sind, mit Accessoires wie etwa Hosenträgern und Aufsätzen aus unterschiedlichen Materialien zu ganz unterschiedlichen Kleidungsstücken verwandelt werden können. „Wer schon mal einen Rock hatte, der vollkommen aus Tweed hergestellt ist, weiß, wie unbequem das ist, wie schlecht man sich damit hinsetzen kann und wie breit man damit aussieht“, so Stéphanie Grisius, während sie dem Rock mit wenigen Handgriffen und einem Tweed-Element einen neuen Look verleiht – einen Look, der bequem und doch elegant wirkt.

Stéphanie besuchte bereits einige Näh- und Modekurse im Ausland, unter anderem am Central Saint Martins College of Art and Design.

Die Prototypen der neuen Kleidungsstücke, erklären die Schwestern, wurden in Luxemburg kreiert. Auch die ersten Modelle entstanden im Großherzogtum. „Gemeinsam mit meiner Nähcoachin“, so Stéphanie Grisius. „Von ihr habe ich viele Basisschritte gelernt.“ Doch das ist untertrieben, wie ihre Schwester einwirft. Stéphanie besuchte bereits einige Näh- und Modekurse im Ausland, unter anderem am Central Saint Martins College of Art and Design und am London College of Fashion. Und noch in diesem Jahr steht ein Haute-Couture-Kurs in Paris auf der Agenda.

Ein eingespieltes Team

Claudie und Stéphanie wirken eingespielt. Die leidenschaftliche Schwester und ihr analytischer Gegenpart, die Schwester mit einer Vision und ihr kreatives Gegenstück. Zu viel der Harmonie? Kommt es da nie zu Diskussionen? „Wir können doch nicht über Toleranz sprechen und den Leuten sagen, dass sie sich akzeptieren sollen, so wie sie sind, wenn wir nicht selbst so leben“, sagt Claudie Grisius.

„Natürlich, gerade, weil wir so verschieden sind, verstehen wir uns manchmal überhaupt nicht. Aber wir können uns ja nicht entschwestern“, fügt sie mit einem Lachen hinzu. „Wir halten immer zusammen. Wir streiten nicht, sondern versuchen, den anderen zu akzeptieren und auch uns selbst zu reflektieren. Das geht über die Koexistenz hinaus: Unser Ziel ist es, gemeinsam etwas Konstruktives zu schaffen.“

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Ein Ergebnis dieses konstruktiven Prozesses ist der Newsletter, den vol(t)age-Fans regelmäßig erhalten. Darin präsentieren die beiden Schwestern nicht nur neue Kreationen, sondern teilen auch ihre Gedanken mit ihrer Anhängerschaft. „Und ich habe wirklich Spaß daran, mich in den Texten auszudrücken“, so Claudie Grisius. „Wenn mir dann jemand sagt, er oder sie habe noch länger über meine Worte nachgedacht, macht mich das wirklich glücklich.“

Das Angebot, zukünftig als freie Mitarbeiterin für das „Luxemburger Wort“ tätig zu werden und sich ein Zubrot zu verdienen, schlägt die Unternehmerin jedoch aus. Aktuell stehen ihre Schwester und das gemeinsame Unternehmen im Zentrum ihres Interesses. Jetzt fokussieren sich sowohl Stéphanie als auch Claudie ganz und gar auf die Marke vol(t)age. Mit Haut und Haar … und jeder Menge Herzblut.