
Volksbad, ahoj! Der designierte Intendant Matthias Lilienthal stimmt sich auf die Pommes-und-Badehosen-Saison ein.
Foto: dpa/Jens Kalaene
Der designierte Intendant der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz hat zur Programmpressekonferenz geladen. Man muss keine besondere Leidenschaft für das Theater haben, um zu wissen: Die Berliner Volksbühne ist einer der Hauptschauplätze erbittert ausgefochtener Kulturkämpfe.
Seit dem erzwungenen Abgang von Frank Castorf 2017 ist die Volksbühne verknüpft mit Fragen von Gentrifizierung, Neoliberalisierung (aka Eventbudisierung) der Künste und einer linken ostdeutschen Tradition. Wer hier anheuern will, braucht ein dickes Fell.
Der Altberliner Lilienthal hat immerhin viel Erfahrung und auch einiges an Durchhaltevermögen. Er war es, der in den 2000er Jahren das einstige Hebbel-Theater zum HAU Berlin umgebaute und als Intendant der Münchner Kammerspiele das bajuwarische Establishment aufmischte.
Das von ihm vorgestellte Programm für die Volksbühne lässt es leider gänzlich an Überraschungen mangeln. Alte Weggefährten von Lilienthal treten in Zukunft an dieser Stelle auf: Anta Helena Recke, Christopher Rüping und Leonie Böhm nehmen auf dem Regiestuhl Platz. Ansonsten werden Tanz und Performance in Zukunft den Ton angeben. Ein bisschen ist es eine Light-Version dessen, was für dieses Haus doch unbedingt verhindert werden sollte: ein weiterer Schritt weg vom etablierten Repertoire- und Ensemblebetrieb.
Wenn es doch eine Überraschung geben sollte, ist es die Errichtung eines »Volksbades«. Weil sanierungsbedingt die große Bühne erst zum Oktober eröffnet wird, soll im August und September auf dem Rosa-Luxemburg-Platz ein 25 Meter breites Becken als Freibad dienen und nebst Pommesbude für Unterhaltung sorgen. Was das mit Kunst zu tun hat? Nicht viel.
Lilienthal weist darauf hin, dass in dieser Zeit auch das nahegelegene Stadtbad Mitte geschlossen sein wird und dass es um Berlins Infrastruktur mitsamt Bäderbetrieb schlecht bestellt sei. Warum der Leiter eines renommierten Theaters nicht zuerst an der künstlerischen Infrastruktur der Hauptstadt interessiert ist, bleibt ein Rätsel. Hier zeigt sich einmal mehr Lilienthals Agenda, die Kultur und soziale Arbeit mit Vorliebe zusammendenkt. Oft wird er dabei beidem nur unvollkommen gerecht.
Auf Nachfrage erläutert Lilienthal zur programmatischen Ausrichtung, er versuche den traditionellen Blick des Hauses nach Osten fortzusetzen und diesen durch einen Blick in Richtung Süden zu ergänzen. Das mag nett gemeint sein, zeigt aber auch, dass er die Ausrichtung und Bedeutung der Bühne, obwohl zeitweise doch selbst als Chefdramaturg daran beteiligt, nicht erkannt hat: Die Volksbühne hat nicht den Blick nach Osten, sondern aus dem Osten gepflegt.
Auf diesem Missverständnis beruht dann sicher auch die irrige Annahme, die Produktion »House of Hopes« über den Mauerfall von dem westdeutsch-schweizerischen Performance-Kollektiv Rimini Protokoll könnte in irgendeiner Weise an die aufstörenden theatralen Interventionen eines Frank Castorf wider die Konsensgesellschaft anknüpfen. Castorf hatte aus seiner DDR-Erfahrung etwas in die deutsch-deutsche realkapitalistische Tristesse gerettet, was man im Spielplan von Lilienthals neuer Volksbühne nicht ablesen kann: ein ungeheures Maß an Subversion.