{"id":1398,"date":"2026-02-24T15:36:14","date_gmt":"2026-02-24T15:36:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/1398\/"},"modified":"2026-02-24T15:36:14","modified_gmt":"2026-02-24T15:36:14","slug":"tageblatt-lu-migration-fluechtlingsstrukturen-in-luxemburg-zwischen-abwiegeln-und-entsetzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/1398\/","title":{"rendered":"Tageblatt.lu | Migration | Fl\u00fcchtlingsstrukturen in Luxemburg: Zwischen Abwiegeln und Entsetzen"},"content":{"rendered":"<p>Erst k\u00fcrzlich hatte das Tageblatt \u00fcber die Zust\u00e4nde in einer Struktur in Zolver sowie \u00fcber das Erstaufnahmezentrum Tony Rollman auf Kirchberg berichtet. Eine Gruppe von Frauen aus Eritrea, die in Zolver zu 30 Personen in einem Schlafsaal leben, besuchte die Redaktion und berichtete von den Missst\u00e4nden. Um Beweise vorzulegen, hatten sie ihre Unterkunft gefilmt. Dar\u00fcber hinaus waren der \u00d6ffentlichkeit zum wiederholten Mal Fotos von der desolaten Situation auf dem von mehr als 1.200 Personen bewohnten Lager auf Kirchberg zugespielt worden, wo viele Fl\u00fcchtlinge aus der Ukraine untergebracht sind. <\/p>\n<p>Einen Einblick in die jeweiligen Asylbewerberunterk\u00fcnfte h\u00e4tte gern auch das Tageblatt am Montagmorgen bekommen. Schlie\u00dflich ist es im Interesse der \u00d6ffentlichkeit, wie die Empfangseinrichtungen f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge hierzulande aussehen. Stattdessen sagt der Empfang in jener j\u00fcngst mehrfach kritisierten Struktur in Zolver einiges dar\u00fcber aus, wie angespannt die Lage ist. Die simple Frage an einen Angestellten des privaten Sicherheitsdienstes beantwortete dieser schroff: \u201eWenn Sie nicht sofort gehen, hole ich die Polizei.\u201c Immerhin begleitete er uns auf die Stra\u00dfe. <\/p>\n<p>Auf dieser patrouillieren am Vormittag mehrfach die Ordnungsh\u00fcter. Schnell kommt die Frage auf, ob es etwas zu verbergen gibt. Die Stimmung an diesem Montagmorgen ist jedenfalls angespannt. \u201eImmer wieder wird als Ausrede angegeben, dass die Privatsph\u00e4re der Bewohner gesch\u00fctzt werden soll\u201c, kritisiert Serge Kollwelter vom \u201eRonnen D\u00ebsch &#8211; Vivre Ensemble\u201c. Der Presse bleibt der Zutritt seit l\u00e4ngerer Zeit ebenso verwehrt wie zivilgesellschaftlichen Vertretern, die an dem Tag in Person von Serge Kollwelter und Marianne Donven von der Initiative \u201eOppent Haus\u201c vor Ort sind. <\/p>\n<p>          &#13;<br \/>\n            Parlamentarische Visite  <\/p>\n<p>F\u00fcr den Vormittag waren die Mitglieder der parlamentarischen Familienkommission angek\u00fcndigt. Doch auch diese Information wollte der Security-Mann nicht best\u00e4tigen. Die Abgeordneten hatten an diesem Tag drei ONA-Strukturen auf dem Programm. Zwei mehrfach wegen zahlreicher M\u00e4ngel beanstandete Einrichtungen in Mersch und Zolver hatten sie selbst vorgeschlagen. Eine Vorzeigeeinrichtung in K\u00e4erjeng hingegen hatte das Familienministerium vorgeschlagen. <\/p>\n<p>Dass dem Besuch der Abgeordneten eine gr\u00f6\u00dfere Putzaktion in den Einrichtungen vorausging, hatten bereits die Bewohnerinnen berichtet. Und einige Parlamentarier, dass der Duft von Reinigungsmitteln in der Einrichtung noch zu riechen war. \u201eWenn die Abgeordneten alle zwei Monate kommen w\u00fcrden, bliebe es vielleicht sauber\u201c, bemerkt Serge Kollwelter mit bitterer Ironie. Marianne Donven berichtet derweil, dass ein Zimmer von Schimmel befallen gewesen sein soll. Und die Betten st\u00fcnden so nah aneinander, dass sich das Fenster fast nicht \u00f6ffnen lie\u00dfe. <\/p>\n<p>Keine Aufnahmequoten <\/p>\n<p>Der Gewerbeaufsicht (ITM) wurde die Zust\u00e4ndigkeit daf\u00fcr genommen, die Hygiene und Sicherheit in den Strukturen zu \u00fcberpr\u00fcfen. Das ONA soll sich selbst kontrollieren. Und die Gemeinden \u00fcber eine verpflichtende Aufnahmequote mehr in die Verantwortung zu nehmen, lehnt Minister Hahn ab. Der DP-Politiker setzt auf das Prinzip der Freiwilligkeit. Zwar ist die geregelte Verteilung der Fl\u00fcchtlinge Teil des Koalitionsprogramms der Regierung. Davon will aber auch die CSV-Abgeordnete Nathalie Morgenthaler an diesem Tag nichts wissen, solange es eine Notsituation nicht erfordere. Die Freiwilligkeit reicht l\u00e4ngst nicht mehr. <\/p>\n<p>Wie unterschiedlich die Eindr\u00fccke von den ONA-Strukturen sein k\u00f6nnen, zeigen die Statements der einzelnen Politiker. So betont Mandy Minella (DP), die Pr\u00e4sidentin des parlamentarischen Ausschusses, dass die Hygienestandards gew\u00e4hrleistet w\u00fcrden, bevor sie im n\u00e4chsten Satz zugibt, dass das eine Waschbecken oder die eine Dusche nicht funktioniere. Dagegen hebt sie die Vorzeigestruktur in K\u00e4erjeng hervor. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Serge-Kollwelter-und-Marianne-Donven-37121.jpg\" title=\"Fl\u00fcchtlingsstrukturen in Luxemburg: Zwischen Abwiegeln und Entsetzen \" alt=\"Portr\u00e4t von Serge Kollwelter und Marianne Donven, Autoren und Experten im Bereich Literatur und Kultur\" class=\"img-responsive\" style=\"object-position:49.997843131120610849% 50.000212343938045478%;\"\/><\/p>\n<p class=\"image-caption\">Serge Kollwelter und Marianne Donven Foto: Editpress\/Alain Rischard<\/p>\n<p>Es gibt keinen Plan und keine Strategie <\/p>\n<p class=\"Zitat-Autor1\">Marc Baum <\/p>\n<p class=\"Zitat-Funktion1\">\u201ed\u00e9i-L\u00e9nk\u201c-Abgeordneter <\/p>\n<p>Als Entt\u00e4uschung bezeichnet Marc Baum (\u201ed\u00e9i L\u00e9nk\u201c) das Treffen mit dem Minister in der Fl\u00fcchtlingsunterkunft: \u201eEs gibt keinen Plan und keine Strategie. Das Ganze wirkt vielmehr sehr hilflos\u201c, kommentiert der Abgeordnete. Nachdem er aus der Struktur in Zolver der Presse gegen\u00fcbertritt, sagt er: \u201eDas erinnert mich eher an ein Gef\u00e4ngnis. Die Leute leben hier auf engstem Raum und ohne nat\u00fcrliches Licht.\u201c <\/p>\n<p>Auch Djuna Bernard ist sichtlich betroffen von dem, was sie gesehen hat: \u201eDas ist ein Bild von Luxemburg, auf das ich nicht stolz bin.\u201c Die Gr\u00fcnen-Abgeordnete weist darauf hin, dass Luxemburg es in den vergangenen elf Jahren mit mehreren Fl\u00fcchtlingswellen zu tun hatte und es bis heute nicht hingekriegt habe, einen gerechten Verteilungsmechanismus zu schaffen, demzufolge die Gemeinden mehr Verantwortung \u00fcbernehmen. Kurz darauf erinnert die LSAP-Abgeordnete Claire Delcourt daran, dass bereits der fr\u00fchere Au\u00dfenminister Jean Asselborn bem\u00fcht war, die Kommunen besser einzubinden. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich die Parlamentarier mit dem ONA-Personal unterhalten, verlassen einige Bewohnerinnen, vorwiegend aus Eritrea stammend, das Geb\u00e4ude und berichten einmal mehr von den Missst\u00e4nden. Au\u00dferdem kursieren die Pl\u00e4ne, dass der in die Kritik geratene Schlafsaal f\u00fcr 30 Personen umgebaut und in kleine R\u00e4ume f\u00fcr jeweils vier Personen umgebaut wird. In der Zwischenzeit sollen die Bewohnerinnen in einer Sporthalle unterkommen. Sie haben bereits in einem offenen Brief an die Abgeordneten auf ihr Anliegen und die schlechten Wohnbedingungen aufmerksam gemacht, ebenso jene aus Mersch. Max Hahn ist derweil an diesem Tag nicht f\u00fcr die Presse zu sprechen. Ohne Kommentar steigt er ins Auto und l\u00e4sst sich davonfahren. <\/p>\n<p>\u201eDie Seele des Landes\u201c <\/p>\n<p>Am Nachmittag geben \u201ed\u00e9i gr\u00e9ng\u201c eine Pressekonferenz auf offener Stra\u00dfe gegen\u00fcber vom Erstaufnahmezentrum Tony Rollman. \u201eEs handelt sich um Menschen, die Tragisches erlebt haben und oft traumatisiert sind. Doch es wirkt weiterhin so, als w\u00e4ren die Menschen und die Traumata der etlichen Frauen nur eine weitere Dokumentnummer\u201c, sagt Meris Sehovic. Der Abgeordnete fasst zusammen: \u201eEs ist vor allem eine Symbolpolitik von der Regierung, auf dem R\u00fccken der Schw\u00e4chsten, auf dem R\u00fccken von Kindern, von verletzlichen Menschen, von Gefl\u00fcchteten vor Kriegsverbrechen und Verfolgungen, die in Luxemburg etwas Neues aufbauen wollen.\u201c <\/p>\n<p>Sehovic verweist zudem darauf, dass das der Regierungspolitik zugrunde liegende Europ\u00e4ische Migrations- und Asylpaket auf der einseitigen Logik der Repression aufbaue. Jeder EU-Staat bekomme jedoch eine bestimmte Marge an Man\u00f6vrierf\u00e4higkeit. Die Regierung habe dabei immer nur den repressivsten Weg gew\u00e4hlt. Der Abgeordnete ist selbst in den 90er Jahren als Fl\u00fcchtlingskind nach Luxemburg gekommen, wie er betont. \u201eWir haben damals immens viel Hilfsbereitschaft empfunden\u201c, sagt er. \u201eDiese war f\u00fcr mich die Seele des Landes.\u201c <\/p>\n<p>Und die Betroffenen von heute? Ein Blick in die verzweifelten Gesichter der Frauen aus Eritrea gen\u00fcgt. Es kommt einem so vor, als h\u00e4tten sie nicht nur ihr Zuhause verloren, sondern jetzt auch noch ihre Stimme. Ihrem Frust, ihrer unterdr\u00fcckten Wut \u00fcber den Alltag voller Diskriminierung wollen sie Luft machen. Sie versuchen, so transparent wie m\u00f6glich anhand der Videos mit ihrer Situation umzugehen. Insgesamt 16 der Frauen sprechen offen \u00fcber ihre Gef\u00fchlslage. \u201eWir brauchen eine L\u00f6sung! Wir fragen schon so lange und es kommt keine!\u201c, so eine von ihnen, w\u00e4hrend eine Tr\u00e4ne die Wange herunterl\u00e4uft. Sie f\u00fchlen sich in dem Moment machtlos, als habe man ihnen ihre Stimme genommen. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Living-together-Ein-Teil-der-Asylbewerberstruktur-in-Zolver-37122.jpg\" title=\"Fl\u00fcchtlingsstrukturen in Luxemburg: Zwischen Abwiegeln und Entsetzen \" alt=\"Asylbewerber in Zolver leben gemeinsam in einer Unterkunft, Gemeinschaftsleben und Integration vor Ort sichtbar\" class=\"img-responsive\" style=\"object-position:49.998545215228318739% 50.000323127015867897%;\"\/><\/p>\n<p class=\"image-caption\">Living together? Ein Teil der Asylbewerberstruktur in Zolver Foto: Editpress\/Alain Rischard<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Erst k\u00fcrzlich hatte das Tageblatt \u00fcber die Zust\u00e4nde in einer Struktur in Zolver sowie \u00fcber das Erstaufnahmezentrum Tony&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1399,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[413,414,411,5,407,412,408,409,410],"class_list":["post-1398","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-luxemburg","tag-asylpolitik","tag-flchtlingsheime","tag-kerjeng","tag-luxemburg","tag-max-hahn","tag-mersch","tag-office-national-de-laccueil","tag-oppent-haus","tag-zolver"],"share_on_mastodon":{"url":"","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1398","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1398"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1398\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1399"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1398"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1398"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1398"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}