{"id":2401,"date":"2026-03-06T13:53:10","date_gmt":"2026-03-06T13:53:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/2401\/"},"modified":"2026-03-06T13:53:10","modified_gmt":"2026-03-06T13:53:10","slug":"tageblatt-lu-serie-atelier-mugi-lu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/2401\/","title":{"rendered":"Tageblatt.lu | Serie Atelier Mugi.lu"},"content":{"rendered":"<p>Am 10. Mai 1940 wurde Luxemburg von der deutschen Wehrmacht besetzt. Kurz danach wurde alles in Angriff genommen, das Land auch kulturell und musikalisch \u201eheim ins Reich\u201c zu f\u00fchren. Das Musikkonservatorium wurde zur Landesmusikschule umfunktioniert und unter die Leitung des deutschen Dirigenten und Komponisten Hans Herwig gestellt. <\/p>\n<p>              &#13;<br \/>\n                <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Das-ehemalige-Conservatoire-de-musique-in-Luxemburg-Stadt-39465.jpg\" title=\"Die Pianistinnen Dina Grossvogel und Ir\u00e8ne Theissen: Musikerinnen in Akten der NS-Zeit \" alt=\"Das ehemalige Conservatoire de musique in Luxemburg-Stadt\" class=\"img-responsive\" style=\"object-position:46.669965658208020898% 64.473684210526315042%;\"\/>&#13;<br \/>\n                &#13;<\/p>\n<p class=\"image-caption\">Das ehemalige \u201eConservatoire de musique\u201c in Luxemburg-Stadt Copyright: Phototh\u00e8que de la Ville de Luxembourg\/Batty Fischer<\/p>\n<p>&#13;<br \/>\n                &#13;<\/p>\n<p>Der vorige belgische Direktor Lucien Lambotte, der zu Beginn noch in seiner Funktion verblieb, sollte entlassen und des Landes verwiesen werden. Und dazu sammelten die NS-Beh\u00f6rden eifrig Material, das ihn belastete. Dabei kam ihnen ein Schreiben des jungen Pianisten und ehemaligen Sch\u00fclers des Konservatoriums, Herbert Scherer, zupass (Archives de la Ville de Luxembourg, LU 11 NS_00120.39-41): Im Zuge der geplanten \u201eEindeutschung\u201c der Musikbildungsanstalt hatte Scherer am 4. Oktober 1940 unaufgefordert in der Au\u00dfenstelle des Reichspropagandaamtes einen eigenen Reorganisationsvorschlag eingereicht. Scherers \u201eBericht \u00fcber die bisherigen Zust\u00e4nde am Luxemburger-St\u00e4dtischen Konservatorium\u201c war im Kern ein gegen den von ihm als \u201edeutschfeindlich\u201c bezichtigten Direktor Lambotte gerichtetes Denunziationsschreiben. <\/p>\n<p>          &#13;<br \/>\n            \u201eJudenfreundlichkeit\u201c und sexuelle Bel\u00e4stigung <\/p>\n<p>Auf den drei Seiten nannte Scherer die Namen von zwei Musikerinnen, um Lambotte in ein schlechtes Licht zu stellen. Er beleuchtete damit, aus heutiger Sicht, zwei gegens\u00e4tzliche Facetten des Direktors im Umgang mit Frauen: Er erw\u00e4hnte auf der einen Seite die F\u00f6rderung einer Studentin, der \u00e4u\u00dferst talentierten Pianistin [Dina] Grossvogel, um Lambotte der \u201eJudenfreundlichkeit\u201c zu bezichtigen. Damit brachte Scherer nicht allein diesen, sondern vor allem Dina Grossvogel in Gefahr. Auf der anderen Seite machte Scherer die NS-Beamten aber auch auf eine Anklage Lambottes wegen sexueller Bel\u00e4stigung aus den 1930er Jahren aufmerksam: auf den Fall der Pianistin [Ir\u00e8ne] Theissen. Daraufhin suchte die neue NS-Stadtverwaltung in den alten Akten nach den Dokumenten, wurde f\u00fcndig, \u00fcbersetzte alles, maschinenschriftlich, in die deutsche Sprache und f\u00fcgte es dem Dossier gegen Lambotte hinzu. Die Originalschriftst\u00fccke in franz\u00f6sischer Sprache konnten in den \u201eArchives de la Ville de Luxembourg\u201c bisher nicht geortet werden. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/-Abb-1-Dina-Grossvogel-Foto-aus-dem-Bulletin-detranger-39466.jpg\" title=\"Die Pianistinnen Dina Grossvogel und Ir\u00e8ne Theissen: Musikerinnen in Akten der NS-Zeit \" alt=\"\u00a0Abb. 1 Dina Grossvogel, Foto aus dem \u2018Bulletin d\u2018\u00c9tranger\u201a, 20.10.1941&#10;&#10;&#10;\" class=\"img-responsive\" style=\"object-position:41.53594163359788638% 30%;\"\/><\/p>\n<p class=\"image-caption\"> Abb. 1 Dina Grossvogel, Foto aus dem Bulletin d\u2018\u00e9tranger, 20.10.1941  Copyright: Archives G\u00e9n\u00e9rales du Royaume, Bruxelles, Dossier individuel de la Police des \u00e9trangers [Dina Grossvogel, 316046]<\/p>\n<p class=\"Infobox-Titel2\">\u00dcber die Autorin <\/p>\n<p class=\"Infobox-Text2\">Danielle Roster ist Musikwissenschaftlerin und arbeitet als Forscherin am Geschichtsinstitut der Universit\u00e4t Luxemburg, wo sie zusammen mit Sonja Kmec und Anne Schiltz das Projekt MuGi.lu betreut. <\/p>\n<p>Historische Dokumentationen zu sexuellen Bel\u00e4stigungen sind selten, da das Thema erst vor wenigen Jahren, seit der MeToo-Debatte 2017, breiteres \u00f6ffentliches Interesse erweckte. Die Akte zeigt bestimmte Verhaltensmuster in der Reaktion auf eine solche Anklage, die auch heute noch g\u00e4ngig sind, erinnert sei z.B. an den Fall des Musikwissenschaftlers Siegfried Mauser vor ein paar Jahren: Zuerst das sehr lange Z\u00f6gern der Ankl\u00e4gerin, hier stellvertretend ihre Mutter, mit dem Fall \u00fcberhaupt an die \u00d6ffentlichkeit zu gehen, dann als Reaktion auf die Anklage eine Abwertung der Ankl\u00e4gerin, die Suche des Angeklagten nach Personen, die bereit sind, sich gegen die Ankl\u00e4gerin auszusprechen, oft indem ihr Sprechen als Rache ausgelegt und auf einen pers\u00f6nlichen Mangel, z.B. an Talent, zur\u00fcckgef\u00fchrt wird. <\/p>\n<p>Hier ein kurzer \u00dcberblick \u00fcber die 22-seitige Akte im NS-Fonds der st\u00e4dtischen Archive (LU 11 NS_00120.15-37). Erstes Schriftst\u00fcck ist ein Brief von Virginie Rehlinger-P\u00fctz, verwitwete Theissen-P\u00fctz, an die Aufsichtskommission des st\u00e4dtischen Konservatoriums vom 4. Juli 1936, in dem sie auf sexuelle Bel\u00e4stigungen ihrer Tochter seitens Lambotte hinweist, die auf die Jahre 1929\/30 zur\u00fcckgingen, und diese genauer beschreibt. Es folgt ein l\u00e4ngerer Brief vom 16. Juli 1936 von Lambotte an die Aufsichtskommission, mit im Zentrum die Diffamierung der musikalischen F\u00e4higkeiten der Musiksch\u00fclerin. Als \u201eBeweismaterial\u201c f\u00fcgte er Zitate aus Aussagen von vier Musiklehrer:innen aus den Jahren 1930 bis 1936 hinzu, die allesamt das Talent der Sch\u00fclerin abwerten sollten. Am 1. August schickte er ein Schreiben von Alfred Bachelet, Direktor des Musikkonservatoriums in Nancy, nach, der sich ebenso bem\u00fchte, der Sch\u00fclerin mangelnde Begabung zu bezeugen. Die Chorale mixte du Conservatoire richtete ihrerseits selbst am 8. August ein Schreiben an den Sch\u00f6ffenrat, um \u201eEntr\u00fcstung\u201c \u00fcber die Beschuldigung kundzutun. Im September reichte Lambotte schlie\u00dflich ein letztes, Theissen abwertendes und auf den 18. September 1936 datiertes Schreiben der Klavierlehrerin Marie K\u00fchn-Fontenelle nach. Am 1. Oktober 1936 legte die Aufsichtskommission, die den Fall unter dem Vorsitz von Max Menager \u201euntersuchte\u201c, ihren Abschlussbericht vor, gab an, keine \u201eunkorrekte oder tadelnswerte Handlung des Direktors\u201c habe feststellen zu k\u00f6nnen und erkl\u00e4rte den Brief der Mutter als eine Reaktion auf die Nichtzulassung der Tochter zu einem Klavierwettbewerb in Nancy. <\/p>\n<p>Am 17. April 1937 erinnerte Frau Rehlinger die Aufsichtskommission an ihren Brief von vor mehr als neun Monaten und bat um Antwort. B\u00fcrgermeister Gaston Diederich schickte daraufhin Frau Rehlinger am 4. Mai 1937 als Antwort lakonisch ein Exemplar des Analytischen Berichtes vom 9. November 1936 (Archives de la Ville de Luxembourg LU 02.4_130, S. 381), in dem der \u201eFall\u201c von dem m\u00e4nnlichen Gremium des Sch\u00f6ffenrats herablassend und \u00e4u\u00dferst kurz abgehandelt und ad acta gelegt wurde: \u201eNachdem die Untersuchung ergeben hat, dass die Anschuldigungen falsch waren, ist die Frage als erledigt zu betrachten. (Zustimmung).\u201c <\/p>\n<p class=\"Encoche-Titel1\">Mehr Infos <\/p>\n<p class=\"Encoche-Text1\">MuGi.lu (Musik und Gender in Luxemburg) ist ein Forschungsprojekt der Universit\u00e4t Luxemburg. Auf der Online-Plattform https:\/\/mugi.lu k\u00f6nnen Sie in Musikwerke reinh\u00f6ren und finden biografische Dokumente sowie Interviews mit Musiker:innen. Diese erlauben es, das Musikleben in Luxemburg im 19., 20. und 21. Jahrhundert \u2013 Akteur:innen, Institutionen und Orte \u2013 genauer zu beleuchten. In Zusammenarbeit mit den Kulturinstitutionen der Stadt Luxemburg liegt ein Fokus auf den \u201eKlangbildern der Stadt Luxemburg\u201c. Hier werden Archivmaterialien aufgearbeitet und in Konzert-Vortr\u00e4gen vorgestellt. <\/p>\n<p class=\"Encoche-Text1\">Zum Thema \u201eMusikerinnen w\u00e4hrend der NS-Besatzung\u201c findet am 11. M\u00e4rz um 19 Uhr ein entsprechendes Event im L\u00ebtzebuerg City Museum statt, mit Danielle Roster sowie Sch\u00fcler:innen und den Musiklehrer:innen Sandrine Cantoreggi, Tom Feltgen, Tatsiana Molakava und B\u00e9atrice Rauchs des Conservatoire de la Ville de Luxembourg. Am gleichen Abend geht das von Danielle Roster kuratierte Portal \u201eNS-Musikschulwerk\u201c online. <\/p>\n<p>(Fast) vergessene Musikerinnen <\/p>\n<p>Ir\u00e8ne Theissen war bisher als Musikerin komplett in Vergessenheit geraten. Meine Recherche in der Presse (eluxemburgensia.lu) f\u00fcgte Erstaunliches zu Tage: Die angeblich Talentlose bestand im Oktober 1936 an der Staatlich-Akademischen Hochschule f\u00fcr Musik in Berlin-Charlottenburg das Aufnahmeexamen in die Klavier- und in die Kompositionsklasse \u201egl\u00e4nzend\u201c: \u201eVon drei\u00dfig sich bewerbenden Sch\u00fclern wurden achtzehn angenommen, von denen Fr\u00e4ulein Theissen an zweiter Stelle rangierte\u201c (Escher Tageblatt 29.10.1936, S. 3). Nach ihrem Studium wirkte sie in Luxemburg als private Klavierlehrerin, dies bis zumindest 1970. Danach verlieren sich ihre Spuren. Ihre Sch\u00fcler:innen lie\u00df sie in den 1950er und 1960er Jahren regelm\u00e4\u00dfig mit Erfolg vor ausl\u00e4ndischen Jurys Examina ablegen, von denen die Presse berichtete. <\/p>\n<p>\u00dcber Dina Grossvogel (1922-2014) wurde mittlerweile schon geforscht, wenn auch ihre musikalische Karriere bisher noch gar nicht aufgearbeitet ist. Dem will sich MuGi.lu in einem zuk\u00fcnftigen Projekt annehmen. Der erste Historiker, der auf sie aufmerksam machte, war Denis Scuto in einem Artikel vom 30.\/31.1.2016 im Tageblatt. Scuto und Wolfgang Schmidt-K\u00f6lzer ver\u00f6ffentlichten danach zusammen einen Beitrag \u00fcber die Familie Grossvogel auf dem Portal Memorialshoa.lu. Nach ausgezeichneten Studien am Konservatorium in Luxemburg war Dina Grossvogel noch vor dem Krieg nach Br\u00fcssel gegangen, um am dortigen Konservatorium ihre Klavierstudien zu perfektionieren. Im Krieg gelang ihr mit ihrer Familie, dank Lambotte, die Flucht in ein Versteck in Belgien. Dina Grossvogel \u00fcberlebte den Holocaust, wurde nach dem Krieg noch mehrmals f\u00fcr Auftritte bei Radio Luxemburg eingeladen (siehe eluxemburgensia.lu) und wanderte dann nach Israel aus, wo sie ihre Karriere als Pianistin und Musikp\u00e4dagogin fortsetzte. <\/p>\n<p class=\"Infobox-Titel3\">Wer hat Informationen zu den Pianistinnen Ir\u00e8ne Theissen und Dina Grossvogel? <\/p>\n<p class=\"Infobox-Text3\"> MuGi.lu w\u00e4re interessiert, ihre Laufbahnen als Musikerinnen zu dokumentieren und sucht nach Informationen und Material, u.a. auch nach Kompositionen von Ir\u00e8ne Theissen. Email: mugilu@uni.lu <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Am 10. Mai 1940 wurde Luxemburg von der deutschen Wehrmacht besetzt. 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