{"id":3796,"date":"2026-03-22T01:09:04","date_gmt":"2026-03-22T01:09:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/3796\/"},"modified":"2026-03-22T01:09:04","modified_gmt":"2026-03-22T01:09:04","slug":"tageblatt-lu-migration-gnalby-wurde-in-luxemburg-zum-baecker-ausgebildet-jetzt-sitzt-er-in-abschiebehaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/3796\/","title":{"rendered":"Tageblatt.lu | Migration | Gnalby wurde in Luxemburg zum B\u00e4cker ausgebildet \u2013 jetzt sitzt er in Abschiebehaft"},"content":{"rendered":"<p>Die Nachricht ereilte mich im Auto per Anruf. Gnalby sitze in Abschiebehaft, hie\u00df es. Gut ein Jahr ist es her, dass ich den damals 24-J\u00e4hrigen kennenlernte. Er war mit dem E-Roller in die Tageblatt-Redaktion in Belval gekommen, auf dem Nachhauseweg von seinem Arbeitsplatz in K\u00e4erjeng, wo er eine B\u00e4cker- und Konditorausbildung absolviert hat, zu seinem Zimmer in einer Wohngemeinschaft in Esch. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits dreimal eine Absage auf seinen Asylantrag erhalten. Die Aussichten waren nicht eben gut. Und wie Innenminister L\u00e9on Gloden immer wieder auf Pressekonferenzen zu verstehen gab, bedeute die Tatsache, dass ein Asylbewerber hierzulande arbeitet oder eine Ausbildung macht, nicht automatisch ein unbegrenztes Bleiberecht. <\/p>\n<p>Vor sechs Jahren kam Gnalby aus Guinea nach Luxemburg. Das westafrikanische Land ist alles andere als ein sicherer Drittstaat oder sicheres Herkunftsland. In den vergangenen Jahren gab es dort immer wieder politische Unruhen, zuletzt kam es 2021 zu einem Milit\u00e4rputsch. Guinea ist gepr\u00e4gt von politischer Instabilit\u00e4t, Menschenrechtsverletzungen, Armut und hoher Kriminalit\u00e4t. Die B\u00fcrgerkriege in den Nachbarl\u00e4ndern Liberia und Sierra Leone um die Jahrtausendwende drohten immer wieder auf das 15-Millionen-Einwohner-Land \u00fcberzugreifen und trieben Hunderttausende Fl\u00fcchtlinge ins Land. <\/p>\n<p>Gnalby war in den vergangenen Jahren hin- und hergerissen. Einerseits lernte er in Luxemburg viele Menschen kennen, die ihm halfen. Auch fand er einen Arbeitgeber, der ihm eine Ausbildung erm\u00f6glichte und sich f\u00fcr ihn einsetzte. Andererseits blieb die \u201eDirection g\u00e9n\u00e9rale de l\u2019immigration\u201c, die Einwanderungsbeh\u00f6rde, unerbittlich. \u201eDas war sehr bitter\u201c, sagt Gnalby. Jede Woche telefonierte er mit seinem gerade mal halb so alten Bruder Bhohi in der Heimat und dachte h\u00e4ufig an das Leben in seinem Dorf in Kindia, einer Provinz im Westen Guineas. <\/p>\n<p>          &#13;<br \/>\n            GEAS auf dem Weg <\/p>\n<p>Die Aussichten sind derzeit nicht gut f\u00fcr Schutzsuchende in Europa. Jahrelang haben die EU-Staaten gebraucht, um das sogenannte Gemeinsame Europ\u00e4ische Asylsystem (GEAS) auf den Weg zu bringen. Dies soll die Fl\u00fcchtlinge gerechter auf die einzelnen L\u00e4nder verteilen und zugleich die Zahl der Asylbewerber reduzieren. Die Verfahren sollen beschleunigt werden, nicht zuletzt an den EU-Au\u00dfengrenzen. Das GEAS wurde bereits 2024 beschlossen, ist auch in Kraft getreten, doch soll es bis zur Anwendbarkeit der Rechtsakte im Juni dieses Jahres endg\u00fcltig umgesetzt werden. <\/p>\n<p>Nach seinen negativen Asylbescheiden und dem Abschluss seiner Lehre reiste Gnalby nach Deutschland weiter. Dort wurde er von der Bundespolizei aufgegriffen und wieder nach Luxemburg geschickt. Die sogenannte Dublin-III-Verordnung besagt, dass die Gefl\u00fcchteten in das Land zur\u00fcckgebracht werden, in dem sie zum ersten Mal europ\u00e4ischen Boden betraten. F\u00fcr Westafrikaner sind dies in der Regel Italien oder Spanien. Die Verordnung erh\u00e4lt einen neuen Namen und hei\u00dft k\u00fcnftig \u201eAsylum and Migration Management Regulation\u201c. Die beschleunigten Asylverfahren sollen m\u00f6glichst an den EU-Au\u00dfengrenzen stattfinden. Wer Asyl beantragt, muss innerhalb weniger Tage ein \u201eScreening\u201c durchlaufen, mit dem sowohl seine Identit\u00e4t als auch sein Gesundheitszustand \u00fcberpr\u00fcft wird und die Frage, ob die Person ein Sicherheitsrisiko darstellt. <\/p>\n<p>Angriff auf Asylrecht <\/p>\n<p>Auf einem anderen Blatt steht der Fachkr\u00e4ftemangel in vielen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, etwa in Luxemburg oder Deutschland. Dies best\u00e4tigten die \u201eChambre de commerce\u201c und die \u201eChambre des m\u00e9tiers\u201c immer wieder, obwohl die Zahl der ausgeschriebenen Stellen im vergangenen Jahr abgenommen hat. Tausende Stellen im Handwerk sind nicht besetzt, mehr als die H\u00e4lfte der Besch\u00e4ftigten stammt aus den Nachbarl\u00e4ndern. Stark betroffen waren unter anderem B\u00e4ckereien. Die \u00fcblichen Vorurteile gegen\u00fcber dem Beruf \u2013 f\u00fcr das Familienleben ung\u00fcnstige Arbeitszeiten und geringe Wertsch\u00e4tzung \u2013 schrecken ab. Die \u201eChambre des m\u00e9tiers\u201c schlug gar auf einer Pressekonferenz vor, Nachwuchs aus Marokko und Tunesien zu rekrutieren. Wie will das zusammenpassen mit der Abschiebepolitik der Regierung? <\/p>\n<p>Wenige Monate nach dem 75. Geburtstag des UN-Hochkommissariats f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge (UNHCR) am 14. Dezember steckt der internationale Fl\u00fcchtlingsschutz derweil in der Krise. Die Zahl der Gefl\u00fcchteten hat in den vergangenen Jahren den h\u00f6chsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg erreicht: 2024 waren es laut UNHCR 42,7 Millionen weltweit. Der Migrationsexperte Hannes Einsporn von der Robert Bosch Stiftung stellt einen \u201eweltweiten Angriff auf das Asylrecht\u201c fest. Gelinge es nicht, den internationalen Fl\u00fcchtlingsschutz effizienter zu organisieren, drohe \u201eein zivilisatorischer R\u00fcckschritt\u201c. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Nachricht ereilte mich im Auto per Anruf. Gnalby sitze in Abschiebehaft, hie\u00df es. 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