{"id":4089,"date":"2026-03-24T19:48:11","date_gmt":"2026-03-24T19:48:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/4089\/"},"modified":"2026-03-24T19:48:11","modified_gmt":"2026-03-24T19:48:11","slug":"tageblatt-lu-theater-im-labyrinth-der-identitaeten-alias-anastasius-im-kapuzinertheater","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/4089\/","title":{"rendered":"Tageblatt.lu | Theater | Im Labyrinth der Identit\u00e4ten: \u201eAlias Anastasius\u201c im Kapuzinertheater"},"content":{"rendered":"<p>Diese Geschichte ist wahr. Sie beginnt nicht chronologisch. Sie beginnt da, wo sie enden wird: mit dem Ende Catharina Margaretha Lincks. Nach einer regelrechten Odyssee, die in Fritzi Wartenbergs fulminanter Inszenierung \u201eAlias Anastasius\u201c auf eine gute Stunde gestrafft ist, wird sie\/er verurteilt. Und dies von einem Richter, der schnarrende Ger\u00e4usche von sich gibt. Aufgebracht ist er, ist das Volk angesichts dieses einzigartigen, \u201eunmoralischen\u201c Betrugsfalls, hat Linck es doch gewagt, sich als Mann zu verkleiden und sich unter einem M\u00e4nnernamen mit Frauen einzulassen. <\/p>\n<p>          &#13;<br \/>\n            Kreatives St\u00fcck von Matter*Verse <\/p>\n<p>Das auf kreative Weise geschriebene St\u00fcck des Autor:innen-Duos Matter*Verse (Marie Lucienne Verse und Selma Matter) ist inspiriert von Angela Steideles historischem Roman \u201eIn M\u00e4nnerkleidern\u201c. Catharina Margaretha Linck, alias Anastasius Lagrantinus Rosenstengel, war die letzte \u201eals Frau gelesene\u201c Person, die in Europa wegen Unzucht mit einer anderen Frau hingerichtet wurde. Geboren 1687, lebte Linck zwischen den Geschlechtern m\u00e4andernd unter dem Argwohn und den Augen der Gesellschaft eine Zeit lang als Soldat, sp\u00e4ter in einer Ehe mit Catharina Margaretha M\u00fchlhahn in Halberstadt, um am Ende doch als Frau wegen \u201eSodomie\u201c zum Tode verurteilt und hingerichtet zu werden. Im Jahr 1721 wurde Linck auf dem Fischmarkt in Halberstadt mit dem Schwert gek\u00f6pft, besagen historische Quellen. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Erhielt-2024-den-Helene-Weige-Theaterpreis-und-ueberzeugt-92329.jpg\" title=\"Im Labyrinth der Identit\u00e4ten: \u201eAlias Anastasius\u201c im Kapuzinertheater \" alt=\"Erhielt 2024 den Helene Weigel Theaterpreis und \u00fcberzeugt in \u201eAlias Anastasius\u201c: Max Gindorff (r.)\" class=\"img-responsive\" style=\"object-position:47.284341413078166738% 29.935904606489703639%;\"\/><\/p>\n<p class=\"image-caption\">Erhielt 2024 den Helene-Weige-Theaterpreis und \u00fcberzeugt in \u201eAlias Anastasius\u201c: Max Gindorff (r.) Foto: Moritz Haase<\/p>\n<p>Der nonbin\u00e4ren Person aus dem 17. Jahrhundert n\u00e4hert sich Fritzi Wartenbergs Inszenierung, die in der Nachwuchsreihe \u201eWORX\u201c des Berliner Ensembles (BE) entstanden ist, zun\u00e4chst behutsam, doch schnell nimmt die Inszenierung Fahrt auf und die Zuschauer:innen werden hineingezogen in einen Strudel. Ihr\/sein ungeheuerlicher Lebensweg erinnert an einen Schelmenroman: Mehrfach soll sie\/er die Identit\u00e4t gewechselt haben. Nach einer Kindheit im Waisenhaus soll sie sich eine Weile als Anastasius Lagrantinus Rosenstengel mal als Prophet, mal als Musketier im Spanischen Erbfolgekrieg, mal Hunger leidend durch Europa wandernd durchgeschlagen haben. <\/p>\n<p>Catharina\/Anastasius lebte in einer Zeit, in der es noch keinerlei Begriffe zur Bestimmung von von der Norm abweichenden Geschlechtsmustern gab. So wurde sie\/er schlicht als \u201eFrau in M\u00e4nnerkleidern\u201c wahrgenommen und als solche von der Gesellschaft stigmatisiert. <\/p>\n<p>Helene-Weigel-Theaterpreis f\u00fcr Wartenberg und Gindorff <\/p>\n<p>\u201eAlias Anastasius\u201c ist nach \u201eThe Writer\u201c (2022) die zweite Regiearbeit der \u00d6sterreicherin Fritzi Wartenberg. Ihre Regiearbeiten fallen nicht nur wegen ihrer entstaubten, zeitgem\u00e4\u00dfen Interpretationen aus dem Rahmen, sondern wirken zudem stets wie kollaborativ-partizipative Produktionen \u2013 keine Spur vom autorit\u00e4ren Gebaren gestriger m\u00e4nnlicher Regie-Gr\u00f6\u00dfen. 2023 erhielt sie den Helene-Weigel-Theaterpreis, 2025 den Kurt-H\u00fcbner-Regiepreis der Deutschen Akademie der Darstellenden K\u00fcnste der Stadt Bensheim, der seit 1991 an junge Regisseur:innen vergeben wird. <\/p>\n<p>Catharina wird von Via Jikeli gespielt, die Entwicklung hin zu Anastasius veranschaulicht eindr\u00fccklich Max Gindorff. Der Luxemburger Schauspieler, geboren 1994 in Beles, hat am Max-Reinhardt-Seminar in Wien Schauspiel studiert und ist nach Stationen am M\u00fcnchner Residenztheater und am Burgtheater in Wien seit der Spielzeit 2023\/24 am Berliner Ensemble engagiert, wo er 2024 ebenfalls den Helene-Weigel-Preis erhielt. Auf der Leinwand war er unter anderem in Lo\u00efc Tansons feministischen Western \u201eLeif a S\u00e9il\u201c (2023) und in der Serie \u201eCapitani\u201c zu sehen. <\/p>\n<p>In der gewitzten Inszenierung Wartenbergs werden Daten und Berichte einordnend eingestreut, satirische Gesangseinlagen lockern das St\u00fcck auf. Doch insgesamt tragen beide Schauspieler:innen durch ihre starke Pr\u00e4senz und ihr nuanciertes Spiel den Abend. <\/p>\n<p>Durch ein flauschiges Dickicht \u2013 wie auf Wolken <\/p>\n<p>Bereits das B\u00fchnenbild (Ausstattung: Rosa Wallbrecher) l\u00e4sst einen staunen. Der kleine Raum der urspr\u00fcnglichen Werkb\u00fchne im BE wie auch der Text von Matter*Verse bieten viel Raum f\u00fcr Durchl\u00e4ssiges! Flauschig und elastisch wie die genderfluiden Held:innen des St\u00fccks schieben sich Gindorff und Jikeli durch das teppichartige Dickicht und wandeln mitunter wie auf Wolken. Eine Reihe von Spiegeln reflektieren zudem die Silhouetten, verdoppeln sie und erzeugen so ein Labyrinth der Identit\u00e4tsfacetten. <\/p>\n<p>Diesen Raum wissen die beiden Darsteller:innen zu nutzen. So \u00e4ndern sie leichtf\u00fc\u00dfig die Rollen, sind mal Catherina, mal Anastasius, mimen vordergr\u00fcndig herrisch stampfend heteronormative Figuren, um diese M\u00e4nnerbilder gleich wieder witzig-\u00fcberdreht zu durchbrechen. <\/p>\n<p class=\"Infobox-Titel1\">Zum St\u00fcck <\/p>\n<p class=\"Infobox-Text1\">\u201eAlias Anastasius\u201c von Matter*Verse. Regie: Fritzi Wartenberg. Dramaturgie: Clara Topic-Matutin. Mit: Max Gindorff, Via Jikeli. Ausstattung: Rosa Wallbrecher; Musik: Fabian Kuss; Licht: Leonard Nickel. Mit: Max Gindorff, Via Jikeli. Eine Produktion des Berliner Ensemble. Am 24. und 25. M\u00e4rz, um 19.30 Uhr im Kapuzinertheater. Dauer: 1h15 (keine Pause). <\/p>\n<p>\u00dcberaus komisch und anr\u00fchrend zugleich, wenn Via Jikeli in selbstgef\u00e4llig m\u00e4nnlicher Manier herumkrakeelt und Gindorff mit der Pistole fuchtelnd in einem Saufgelage wie das Stereotyp eines \u201eechten Kerls\u201c f\u00fcr die Armee rekrutiert, w\u00e4hrend Gindorff im gebl\u00fcmten Sommerkleid, schlotternd vor Panik, seine Identit\u00e4t k\u00f6nnte auffliegen, Wasser schwitzt. Als Anastasius schlie\u00dflich als \u201eFrau\u201c entlarvt wird, wird Gindorff sein \u201efucking Blumenkleid\u201c wieder anziehen &#8230; Vor Gericht wird er Ausreden stottern. Die Details, die der Richter h\u00f6ren will, treiben ihr\/ihm die Schamesr\u00f6te ins Gesicht. <\/p>\n<p>\u201eAlias Anastasius\u201c interpretiert die historische Figur ironisch, verspielt \u2013 aber vor allem facettenhaft. In der bemerkenswerten Inszenierung transportiert sich die Engstirnigkeit der Gesellschaft, wie die Einengung der Verh\u00e4ltnisse. Es wird die Einsamkeit deutlich, die Anastasius zwischen allen St\u00fchlen wohl durchlebt hat \u2013 zwischen den Geschlechtern m\u00e4andernd, in st\u00e4ndiger Angst, aufzufliegen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Diese Geschichte ist wahr. Sie beginnt nicht chronologisch. 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