{"id":5107,"date":"2026-04-06T11:13:07","date_gmt":"2026-04-06T11:13:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/5107\/"},"modified":"2026-04-06T11:13:07","modified_gmt":"2026-04-06T11:13:07","slug":"tageblatt-lu-lhistoire-du-temps-present-luxemburger-migrations","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/5107\/","title":{"rendered":"Tageblatt.lu | L\u2019histoire du temps pr\u00e9sent | Luxemburger Migrations"},"content":{"rendered":"<p>Ein passender Anlass, um in dieser Chronik einige luxemburgische Migrations- und Integrationsgeschichten zu erz\u00e4hlen. Diese Geschichten habe ich dieses Jahr an den Anfang meines Kurses zur Geschichtsdidaktik im Rahmen des Lehrstuhls Geschichte &amp; Migration an der Uni Luxemburg im \u201eBachelor en Cultures europ\u00e9ennes\u201c gestellt, indem ich die Studierenden* nach der Migrationsgeschichte ihrer Familie fragte. Erw\u00e4hnenswert ist einleitend noch, dass die meisten Studierenden dieses Optionsfach w\u00e4hlen, weil sie sp\u00e4ter den LehrerInnenberuf im Luxemburger Sekundarunterricht ergreifen m\u00f6chten. Von elf Studierenden sprechen zehn flie\u00dfend Luxemburgisch, neben mindestens vier anderen Sprachen. <\/p>\n<p>          &#13;<br \/>\n            Familiengeschichten <\/p>\n<p>Zun\u00e4chst legte ich den Studierenden die Geschichte meiner Familie und die Rolle der Migrationen innerhalb dieser Geschichte dar: Im August 1914, als der Erste Weltkrieg ausbrach, wurde meine luxemburgische Gro\u00dfmutter Marie Strauch in Bissen geboren. Sie war zwei Wochen alt, als sie mit ihren Eltern und ihren beiden Schwestern nach Esch\/Alzette umzog, wo der Vater eine Arbeitsstelle im H\u00fcttenwerk (die sp\u00e4tere Terre Rouge) gefunden hatte. Wie viele Luxemburgerinnen begab Marie sich mit ihren Schwestern L\u00e9onie (geb. 1910) und Annie (geb. 1912) als junge Frau in den Dienst ins Ausland, nach Br\u00fcssel. L\u00e9onie heiratete einen Br\u00fcsseler Zahntechniker und gr\u00fcndete dort eine Familie. Marie und Annie heirateten Escher Schmelzarbeiter. Annie heiratete den deutschen Arbeiter Theo. Marie gr\u00fcndete eine Familie mit Jemp Hoscheid, der ebenfalls aus Bissen stammte und wie Marie 1914, im Alter von zwei Jahren, nach Esch gekommen war. Auch dessen Vater arbeitete auf der Terre-Rouge-H\u00fctte. Im Gegensatz zu Jemp blieben seine vier Geschwister nicht in Esch. Seinen Bruder, den gelernten Schuster J\u00e9ng (geb. 1919), zog es 1941 zur Fremdenlegion nach Algerien, um sich dem vom deutschen Besatzer auferlegten \u201eReichsarbeitsdienst\u201c zu entziehen. Er \u00fcberlebte den Krieg und heiratete 1946 in Algerien eine Algerienfranz\u00f6sin. J\u00e9ng wurde 1962 w\u00e4hrend der Massaker am Ende des Algerienkriegs umgebracht. Die \u00e4lteste Schwester Susanna (geb. 1914) wanderte mit ihrem Ehemann 1955 nach Kanada aus. Th\u00e9r\u00e8se (geb. 1916) heiratete einen Luxemburger Typografen und lie\u00df sich in Luxemburg-Stadt nieder. Die j\u00fcngste Schwester Margot (geb. 1926) heiratete einen franz\u00f6sischen Bergarbeiter aus Micheville und zog mit ihm nach Errouville im D\u00e9partement Meurthe-et-Moselle. Die drei Kinder von Marie und Jemp blieben in Esch. Lucien arbeitete im Belvaler Walzwerk und heiratete eine deutsche Frau aus Edingen (bei Echternach). Lisi heiratete einen luxemburgischen Grubenarbeiter und Th\u00e9r\u00e8se, meine Mutter, einen sizilianischen Arbeiter, Salvatore, meinen Vater. Salvatore war im Alter von 14 Jahren aus Sizilien zu seinem Onkel Vito ins lothringische Hayange gezogen, wo er als Laufbursche im Stahlwerk angestellt wurde. Anschlie\u00dfend arbeitete er mehrere Jahre als Monteur auf verschiedenen Baustellen in Frankreich, Italien und Luxemburg, bis er eine feste Anstellung auf der H\u00fctte Terre Rouge in Esch erhielt und dort eine Weiterbildung zum Schwei\u00dfer abschloss. Seine Schwester Enza, seine Mutter Peppina und sein Schwager Pippo blieben in Italien, zogen aber von Catania nach Rom, wo Pippo einen Posten als TV-Geb\u00fchreneintreiber beim nationalen Fernsehsender RAI erhalten hatte. <\/p>\n<p>Dann erz\u00e4hlten die Studierenden ihre Familiengeschichten. <\/p>\n<p>Flucht vor Krieg <\/p>\n<p>Ernads Eltern stammen beide aus dem ehemaligen Jugoslawien, jedoch nicht aus den gleichen Regionen. Seine Mutter ist 1980 in Novi Pazar geboren, eine Stadt im S\u00fcden Serbiens. Sein Vater stammt urspr\u00fcnglich aus Ponor im S\u00fcden Montenegros. Die Familie seines Gro\u00dfvaters v\u00e4terlicherseits zog in den fr\u00fchen Siebzigern innerhalb Jugoslawiens um, nach Sarajevo. Der Grund waren bessere Lebensumst\u00e4nde und Berufsperspektiven. So kam es, dass sein Vater 1977 in Sarajevo zur Welt kam. 1992 brach der Bosnienkrieg aus, kurz nach Kriegsbeginn fl\u00fcchteten die Frauen mit den Kindern, darunter auch sein Vater, nach Slowenien, wo der Krieg bereits zu Ende war. Die m\u00e4nnlichen Verwandten blieben noch ein paar Monate in der belagerten Stadt Sarajevo. Als sein Gro\u00dfvater einige Monate nach Kriegsbeginn ebenfalls nach Slowenien fl\u00fcchtete, packten sie alle ihre Sachen und zogen gemeinsam nach Luxemburg. Sein Gro\u00dfvater hatte n\u00e4mlich ein paar Jahre vor dem Jugoslawienkrieg als \u201eGastarbeiter\u201c in Luxemburg verbracht, ihm gefiel das Land, und die Einreise in Luxemburg war ihm nicht fremd. Ernads Eltern lernten sich 2003 in Sarajevo kennen und heirateten noch im selben Jahr. Seine Mutter verlie\u00df somit ebenfalls ihre Heimat Novi Pazar und zog nach Luxemburg, wo die Familie ihres Ehemanns seit fast zehn Jahren lebte. Ernads Vater arbeitete als Busfahrer und lernte in den Jahren etwas Franz\u00f6sisch und Luxemburgisch. Ernad kam 2004 in Luxemburg auf die Welt als erstgeborenes Kind von drei Kindern. Seine Mutter widmete sich die ersten Jahre der Erziehungsarbeit. Sie lernte ein bisschen Franz\u00f6sisch, was ihr erlaubte, danach eine Stelle als Reinigungskraft im Gemeindedienst zu erhalten. W\u00e4hrend sie arbeitete, verbesserte sich ihr Franz\u00f6sisch \u00fcber die Jahre und sie spricht jetzt flie\u00dfend Franz\u00f6sisch. <\/p>\n<p>Edins Eltern kommen beide aus dem ehemaligen Jugoslawien. Seine Gro\u00dfeltern v\u00e4terlicherseits stammen urspr\u00fcnglich aus Montenegro, zogen aber aus beruflichen Gr\u00fcnden mehrmals innerhalb Jugoslawiens um, sodass sein Vater 1966 in Skopje (Mazedonien) geboren wurde und sp\u00e4ter in Sarajevo (Bosnien) aufwuchs. 1969 wurde seine Mutter in einem Dorf nahe Bijelo Polje in Montenegro geboren und wuchs dort auf. Gegen Ende der 1980er Jahre lernten seine Eltern sich kennen, heirateten und wohnten in Sarajevo. Als 1992 der Bosnienkrieg begann, wurde Edins Familie getrennt. Seine Mutter fl\u00fcchtete mit seiner damals dreij\u00e4hrigen Schwester und seinem wenige Wochen alten Bruder \u00fcber Kroatien und Slowenien nach Luxemburg, wo bereits Verwandte wohnten. Sein Vater war w\u00e4hrend des Krieges Soldat in Bosnien und blieb bis 1995 dort. Er konnte nach dem Ende des Krieges nach Luxemburg nachreisen, wodurch die Familie wieder vereint wurde. Seine Eltern leben seitdem in Luxemburg. Seine Mutter ist seit 1995 als Reinigungskraft in einer gr\u00f6\u00dferen Firma t\u00e4tig, w\u00e4hrend sein Vater anfangs verschiedene Berufe aus\u00fcbte. Sp\u00e4ter begann er als Busfahrer zu arbeiten und f\u00fchrt den Beruf bis heute aus. Als das j\u00fcngste von f\u00fcnf Kindern wurde Edin 2004 in Luxemburg geboren. <\/p>\n<p>Vahids beide Eltern sind in Bosnien im ehemaligen Jugoslawien geboren. Beide sind 1993 von dem Krieg in Bosnien nach Kroatien geflohen und von dort aus im selben Jahr sind sie durch das Rote Kreuz nach Luxemburg gekommen. Kennengelernt haben sie sich aber erst in Luxemburg einige Jahre sp\u00e4ter. Sein Vater hatte bereits eine Ausbildung als Handwerker, die hier in Luxemburg jedoch nicht viel bedeutete. Deshalb arbeitete er zuerst bei der M\u00fcllabfuhr, bis er sich hochgearbeitet hat, wo er heute noch ist, in einer Firma, die Autoglas produziert. Er arbeitet dort in der Qualit\u00e4tsabteilung. Seine Mutter hat in Luxemburg ihre Ausbildung zur Friseurin abgeschlossen. Weitere Familienmitglieder sind in andere L\u00e4nder, in die Schweiz, nach D\u00e4nemark oder auch nach Neuseeland ausgewandert. <\/p>\n<p>Behmens Familiengeschichte in Luxemburg beginnt 1972, als sein Gro\u00dfvater, sein Gro\u00dfonkel und dessen \u00e4ltester Sohn, die aus Bosnien stammten, aber zeitweise im kroatischen Slawonien lebten und arbeiteten, als \u201eGastarbeiter\u201c ins Gro\u00dfherzogtum kamen. Sein Gro\u00dfvater kehrte jedoch kurz darauf nach Jugoslawien zur\u00fcck und arbeitete als Dachdecker in Slowenien. 1980 wurde Behmens Vater geboren. Kurz darauf sendete die slowenische Firma seinen Gro\u00dfvater nach Frankfurt a. M., wo er als Dachdecker und Behmens Gro\u00dfmutter als Reinigungskraft arbeitete. Sein Vater blieb zuerst in Slowenien bei den Urgro\u00dfeltern, ehe die ganze Familie 1989 nach Luxemburg auswanderte. W\u00e4hrend des Jugoslawienkrieges kehrten seine Gro\u00dfeltern in ihre Heimat zur\u00fcck, um Familienmitgliedern bei der Flucht nach Luxemburg zu verhelfen. In Luxemburg zur\u00fcck kauften sie sich 1998 ein Haus im Zentrum des Landes. Behmens Mutter wurde wie sein Vater 1980 geboren. Sie hatte vier Br\u00fcder und zwei Schwestern. Sein Vater lernte seine Mutter im Urlaub in Dalmatien 2002 kennen, als jene im Hotel ihres Onkels arbeitete. Sie stammte aus demselben Dorf Zavidovi\u0107i in Bosnien wie Behmens Gro\u00dfvater. W\u00e4hrend des Krieges verlor seine Mutter drei ihrer Br\u00fcder und viele weitere Familienmitglieder, w\u00e4hrend der Gro\u00dfvater in der bosnischen Armee schwer verletzt wurde. Als junge Frau versuchte sie ihre Familie zu unterst\u00fctzen mit ihrer Arbeit in Dalmatien. Behmens Eltern heirateten 2003 und lebten fortan mit seinen Gro\u00dfeltern in Luxemburg, bis sie 2008 ihr Eigenheim erwerben konnten. <\/p>\n<p>Liron wurde 2001 in Luxemburg geboren. Seine Eltern waren 1998 aus dem Kosovo nach Luxemburg gekommen, als im Kosovo der Krieg mit Serbien ausbrach. Zu dieser Zeit hatte seine Mutter gerade ihre Schule abgeschlossen, und sein Vater arbeitete bereits. Gemeinsam entschieden sie sich, ihr Heimatland zu verlassen, um in Sicherheit zu leben und eine bessere Zukunft zu finden. Sie reisten alleine nach Luxemburg und blieben dort und erhielten den Asylstatus. Nach f\u00fcnf Jahren bekamen sie eine langfristige Aufenthaltsberechtigung und konnten sich hier ein neues Leben aufbauen. Ein Teil seiner Familie ist ebenfalls ausgewandert, nach Finnland, Schweden und Amerika, alle aus demselben Grund. <\/p>\n<p>Vom Herzen Portugals nach Luxemburg <\/p>\n<p>Ruis Eltern kommen beide aus einer kleinen Stadt im Zentrum von Portugal, ebenso im Distrito de Viseu, und lernten sich im Gymnasium kennen. Als seine Mutter noch sehr jung war, kam sie einmal nach Luxemburg, um eine ihrer \u00e4lteren Schwestern, die bereits hier lebte, zu besuchen. Als beide das Gymnasium abgeschlossen hatten, arbeiteten sie ein Jahr lang in ihrer Stadt, bevor die Entscheidung fiel, nach Luxemburg zu emigrieren, um bessere Lebensbedingungen und L\u00f6hne zu bekommen. Dies geschah im Jahr 1998. Am Anfang war der Plan, einige Jahre hierzubleiben, um sp\u00e4ter mit einigen Ersparnissen nach Portugal zur\u00fcckzukehren. Jedoch entschied sich das Leben anders, sodass beide jetzt schon seit fast 28 Jahren hier leben und sich gut integriert f\u00fchlen. <\/p>\n<p>Jo\u00e3os Vater ist im Alter von 20 Jahren von Portugal nach Luxemburg ausgewandert, w\u00e4hrend seine Mutter als Kind portugiesischer Einwanderer in Luxemburg geboren wurde. Bis zu ihrem sechsten Lebensjahr lebte sie mit ihren Eltern im Zentrum Luxemburgs, bevor sie dann nach Queluz, in der N\u00e4he der Hauptstadt Lissabon, zu ihrer Tante zog. Mit zw\u00f6lf Jahren remigrierte sie wieder nach Luxemburg zu ihren Eltern. Im Gegensatz zu seiner Mutter sind ihre drei \u00e4lteren Geschwister in Portugal geboren, haben den Gro\u00dfteil ihrer Kindheit dort verbracht und sind erst sp\u00e4ter mit den Eltern nach Luxemburg gekommen. Jo\u00e3os Vater ist in Braga, im Norden Portugals, geboren und hat dort seine Kindheit verbracht. Als er mit 20 Jahren nach Luxemburg kam, lebte Jo\u00e3os Vater in einem Caf\u00e9 und arbeitete als Forstwirt. Nach zwei Jahren in Luxemburg lernte er u\u0308ber eine Freundin Jo\u00e3os Mutter kennen, die als Friseurin arbeitete. Als seine Eltern heirateten, hatte der Vater mittlerweile eine Stelle bei Goodyear, in dem Unternehmen, wo er heute noch arbeitet. Der Gro\u00dfvater v\u00e4terlicherseits schaut auf eine noch komplexere Migrationsgeschichte zuru\u0308ck: Auswanderung von Portugal nach Brasilien, dann in die USA und Remigration nach Portugal. <\/p>\n<p>Franciscos Eltern stammen aus Portugal, aus dem bereits erw\u00e4hnten Distrito de Viseu. Dort ist auch er geboren und hat die ersten sieben Jahre seines Lebens in der kleinen Gemeinde Carregal do Sal verbracht. Seine Eltern wuchsen in l\u00e4ndlichen Gegenden auf und wurden dementsprechend von einfachen, aber bodenst\u00e4ndigen Werten gepr\u00e4gt. Sie lernten sich im Jahr 1996 kennen und zogen sp\u00e4ter gemeinsam nach Carregal do Sal. Im Jahr 2002 heirateten sie, und ein Jahr sp\u00e4ter, 2003, wurde Francisco geboren. Mitte 2009 verlie\u00df sein Vater Portugal auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen f\u00fcr seine kleine dreik\u00f6pfige Familie. Es war kein leichter Schritt, doch er tat es mit dem Ziel, ihnen eine stabilere Zukunft zu erm\u00f6glichen. Im Februar 2011 folgten seine Mutter und Francisco ihm schlie\u00dflich. In der Zwischenzeit hatte er sich \u00fcber eineinhalb Jahre hinweg eine Grundlage aufgebaut, um ihnen eine sichere Ankunft und ein neues Zuhause zu erm\u00f6glichen. <\/p>\n<p>Von Yaound\u00e9 nach Belval <\/p>\n<p>Maries Eltern lebten beide in Kamerun und geh\u00f6rten zum Volk der Bassa. Ihr Vater starb 2015 und ihre Mutter 2024, beide nach langer Krankheit. Die Familie ihres Vaters stammte aus Pouma und die ihrer Mutter aus Eseka. Ihr Vater wurde 1967 in Yaound\u00e9 geboren und verbrachte dort seine gesamte Kindheit. Er bekam eine Stelle in Maroua als Lagerleiter und kehrte nach der Schlie\u00dfung dieses Unternehmens nach Yaound\u00e9 zur\u00fcck, wo er eine Anstellung bei der CNPS (\u201eCaisse nationale de pr\u00e9voyance sociale\u201c) fand. Ihre Mutter wurde 1968 in Yaound\u00e9 geboren, wo sie ihre gesamte Kindheit verbrachte. Um 1985 lernten sich ihre Eltern kennen, heirateten im folgenden Jahr und lebten gemeinsam in Yaound\u00e9. Marie ist die J\u00fcngste von f\u00fcnf Kindern. Die drei T\u00f6chter wanderten nach Luxemburg aus. Ihre \u00e4ltere Schwester zog 2016 als Erste nach Luxemburg, zu ihrem Mann, einem Luxemburger, ihre j\u00fcngere Schwester kam 2019. Und Marie erhielt eine Zulassung an der Universit\u00e4t Luxemburg f\u00fcr den \u201eBachelor en Cultures europ\u00e9ennes\u201c. Ihre beiden Br\u00fcder sind in Kamerun geblieben. <\/p>\n<p>Luxemburger mit internationalen Wurzeln <\/p>\n<p>Hugo ist Luxemburger, auch wenn er den Nachnamen Braconnier tr\u00e4gt, der aus dem franz\u00f6sischen und belgischen Sprachraum stammt und \u201eWilderer\u201c bedeutet. Die Geschichte seiner Familie ist von verschiedenen internationalen Einfl\u00fcssen gepr\u00e4gt. M\u00fctterlicherseits war sein Urgro\u00dfvater bereits Luxemburger. W\u00e4hrend des Krieges entzog er sich der im August 1942 vom deutschen Besatzer dekretierten Rekrutierung in die deutsche Wehrmacht und schloss sich als Refrakt\u00e4r einer Resistenzgruppe im Raum Differdingen an. Nach dem Krieg heiratete er eine Luxemburgerin deutscher Herkunft. V\u00e4terlicherseits war sein Urgro\u00dfvater US-Amerikaner. Er half als Soldat bei der Befreiung, heiratete eine Luxemburgerin und gr\u00fcndete hier mit ihr eine Familie. Ihre Tochter, Hugos Gro\u00dfmutter, heiratete sp\u00e4ter Fernand Braconnier, dessen Familienname er heute tr\u00e4gt. Seitdem ist seine ganze Familie in Luxemburg geblieben. <\/p>\n<p>Alains Gro\u00dfmutter v\u00e4terlicherseits ist Italienerin und stammt aus der Stadt Lecce in S\u00fcditalien. Sie zog jedoch schon recht jung nach Br\u00fcssel in Belgien, wo sie seinen Gro\u00dfvater, der aus dieser Stadt stammte, in der Bank kennenlernte, in der beide arbeiteten. Sp\u00e4ter lie\u00dfen sie sich nach der Verlegung ihrer Bank in Luxemburg nieder. Sein Vater wurde also in Luxemburg geboren. Er studierte zun\u00e4chst in Belgien, dann in den Vereinigten Staaten, bevor er nach Luxemburg zur\u00fcckkehrte. Seine Mutter stammt aus der Stadt Cz\u0119stochowa in Polen. Sie lebte dort mehrere Jahre und wurde T\u00e4nzerin, was ihr die M\u00f6glichkeit bot, in verschiedene L\u00e4nder zu reisen, darunter auch nach Japan. Sie lernte Alains Vater in Cz\u0119stochowa kennen, als dieser dort auf Gesch\u00e4ftsreise war. Anschlie\u00dfend begleitete sie ihn nach Luxemburg, um sich dort niederzulassen, und sie heirateten und gr\u00fcndeten eine Familie. <\/p>\n<p>Diese Familiengeschichten sind Beispiele aus der historischen Realit\u00e4t Luxemburgs der letzten 100 Jahre. Sie stehen stellvertretend f\u00fcr Hunderttausende einzelner Migrations- und Integrationsschicksale von Menschen verschiedenster Nationalit\u00e4ten, die das Gro\u00dfherzogtum seit der Industrialisierung pr\u00e4gen. Jeder von uns k\u00f6nnte aus seiner Familie solche Beispiele von Binnenwanderung, Auswanderung, Einwanderung, Wanderung aus dem oder ins nahe Grenzgebiet erz\u00e4hlen. Diese Beispiele zeigen, wie wenig die Begriffe aus unserer Alltagssprache \u2013 wie \u201eLuxemburger\u201c, \u201eItaliener\u201c, \u201ePortugiese\u201c, \u201eBosnier\u201c, \u201eKosovar\u201c \u2013 \u00fcber die Entwicklung von Familien \u00fcber mehrere Generationen hinweg im von Migration und Diversit\u00e4t gepr\u00e4gten Luxemburg aussagen. <\/p>\n<p>Schl\u00fcsse \u00fcber Migration und Integration <\/p>\n<p>Ferner erm\u00f6glichen diese Beispiele interessante Schl\u00fcsse \u00fcber Migration und Integration damals, heute und morgen, die ich im Hinblick auf die Entwicklung Luxemburgs im 21. Jahrhundert in sieben Punkten zusammenfassen m\u00f6chte. <\/p>\n<p>1. Migration bedeutet nicht nur die Einwanderung aus einem anderen Land nach Luxemburg, sondern auch die Binnenmigration innerhalb Luxemburgs, die Auswanderung aus Luxemburg in ein anderes Land, die Ab- oder Zuwanderung in oder aus benachbarten Grenzgebieten, dies kann auch zirkul\u00e4re Migration, Remigration, Migration \u00fcber k\u00fcrzere oder l\u00e4ngere Distanzen, Migration in Etappen, usw. umfassen. Im 19. Jahrhundert war Luxemburg vor allem ein Auswanderungsland, zwischen den 1890er und den 1950er Jahren ein Auswanderungs- und Einwanderungsland und seit den 1960er Jahren vor allem ein Einwanderungsland. <\/p>\n<p>2. Die Hauptgr\u00fcnde, warum Menschen nach Luxemburg kommen und ein Teil von ihnen sich dauerhaft hier niederl\u00e4sst, sind einerseits, dass ihre Kompetenzen aus wirtschaftlichen Gr\u00fcnden gefragt sind: im 19. und 20. Jahrhundert vor allem in der Industrie, im Bausektor und in der Landwirtschaft, im 21. Jahrhundert vor allem in der Industrie, im Finanz-, Versicherungs-, Dienstleistungsbereich, im Gesundheitswesen, in der Wissenschaft, bei europ\u00e4ischen Institutionen, aber auch weiterhin in Niedriglohnbereichen wie der Baubranche, dem Reinigungssektor und der Gastronomie. Andererseits erhoffen sich die Menschen hier eine Verbesserung ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie der Zukunftschancen ihrer Familien. Im 20. und 21. Jahrhundert kam als weiterer Hauptgrund die Flucht vor Verfolgung und Krieg hinzu. <\/p>\n<p>3. Organisiert wird die Migration vor allem \u00fcber die Vermittlung von Familien und Freunden. Sie erfolgt nur marginal \u00fcber eine gesteuerte Rekrutierung seitens der Unternehmen oder des Staates. Trotz restriktiver Migrationspolitiken, wie sie in Luxemburg zum Beispiel vor und nach dem Zweiten Weltkrieg existierten, war, ist und bleibt Migration ein kontinuierlicher Prozess, der die Luxemburger Wirtschaft und Gesellschaft pr\u00e4gte und auch weiterhin pr\u00e4gen wird, wenngleich sie sich in Krisenzeiten verlangsamt. <\/p>\n<p>4. In der ersten Generation bleiben die Menschen \u2013 meist innerhalb ihrer regionalen oder nationalen Gruppen \u2013 weitgehend \u201eunter sich\u201c. Sie leben in \u201eihren\u201c Wohnvierteln, Vereinen und Caf\u00e9s. In einem f\u00fcr sie unbekannten Umfeld suchen sie diese Geborgenheits- und Schutzfunktion der eigenen Gemeinschaft. Ihre Kinder und Enkelkinder f\u00fcgen sich hingegen nicht nur in andere Zweige von Wirtschaft und Arbeitsmarkt ein, sondern auch in weitere Kerninstitutionen der Luxemburger Gesellschaft, die sie aktiv mitgestalten. Dazu geh\u00f6ren Bildungs- und Qualifikationssysteme, Sprachen, politische Institutionen, Vereine und soziale Kommunikationsnetze. <\/p>\n<p>5. Dank einer langfristig positiven wirtschaftlichen Entwicklung Luxemburgs seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, welche u.a. durch eine starke Immigration erm\u00f6glicht wurde, konnte sowohl eine progressive Angleichung der materiellen Lebenslagen wie eine kulturelle und soziale Ann\u00e4herung zwischen Einheimischen und Migranten, mit anderen Worten Integration erreicht werden. Durch die gegenseitigen Einfl\u00fcsse haben sich Identit\u00e4t und Kultur des Landes gewandelt, eine neue luxemburgische Gesellschaft hat sich nach und nach entwickelt. <\/p>\n<p>6. Seit den 1980er Jahren f\u00fchren Luxemburger Politikerinnen und Politiker, vor dem Hintergrund der freien Zirkulation von EU-B\u00fcrgern und der Entwicklung Luxemburgs zum internationalen Finanzplatz, einen ausl\u00e4nderfreundlichen Diskurs, der den wesentlichen Beitrag der Migranten zum Wandel der luxemburgischen Wirtschaft, Demografie, Gesellschaft und Kultur unterstreicht. <\/p>\n<p>7. In Krisenzeiten und (Vor-)Wahlperioden weicht dieser Diskurs jedoch populistischen Reden, in denen die vermeintlichen oder reellen Gegens\u00e4tze zwischen Etablierten und Au\u00dfenseitern, zwischen st\u00e4rker integrierten, seit langem in Luxemburg lebenden Gruppen und sozial schw\u00e4cheren oder weniger integrierten Neuank\u00f6mmlingen ausgenutzt werden, um Bev\u00f6lkerungsgruppen gegeneinander auszuspielen. Aktuelle Beispiele: die populistischen Aussagen von Familienminister Max Hahn (DP) zu Fl\u00fcchtlingen und die Stigmatisierung und Kriminalisierung von Bettlern, unter dem Vorwand der Bek\u00e4mpfung von Menschenhandel, durch Innenminister L\u00e9on Gloden (CSV). <\/p>\n<p>Solche Politiker haben diese Gegens\u00e4tze aus elektoralen Gr\u00fcnden die letzten 100 Jahre ausgeschlachtet und werden auch weiterhin versuchen, das zu tun. Die gro\u00dfe Mehrheit der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger dieses Landes sind bis jetzt nicht auf diese populistischen Man\u00f6ver hereingefallen. Sie wissen, dass wir die Zukunft Luxemburgs \u2013 einer Gesellschaft, die sich rapide und permanent ver\u00e4ndert \u2013 nur gemeinsam planen und gestalten k\u00f6nnen, u.a. indem wir Migration und Integration als historische und bleibende Realit\u00e4ten des Landes erkennen und verstehen lernen. <\/p>\n<p>* Die Vornamen der Studierenden wurden ge\u00e4ndert. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Das-Festival-des-migrations-des-cultures-et-de-la-93041.jpg\" title=\"Luxemburger Migrations- und Integrationsgeschichte(n) \" alt=\"Festival des Migrations in Luxemburg mit Menschenmengen, kulturellen Darbietungen und Feier der Vielfalt und B\u00fcrgerrechte\" class=\"img-responsive\" style=\"object-position:43.833741092081218937% 44.338886833268041698%;\"\/><\/p>\n<p class=\"image-caption\">Das \u201eFestival des migrations, des cultures et de la citoyennet\u00e9\u201c bringt jedes Jahr tausende Besucher in Luxemburg zusammen Foto: Editpress-Archiv\/Alain Rischard<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ein passender Anlass, um in dieser Chronik einige luxemburgische Migrations- und Integrationsgeschichten zu erz\u00e4hlen. 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