{"id":6130,"date":"2026-04-20T08:35:14","date_gmt":"2026-04-20T08:35:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/6130\/"},"modified":"2026-04-20T08:35:14","modified_gmt":"2026-04-20T08:35:14","slug":"tageblatt-lu-liser-untersuchung-bei-der-relativen-armut-liegt-luxemburg-ueber-eu-durchschnitt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/6130\/","title":{"rendered":"Tageblatt.lu | Liser-Untersuchung | \u201eBei der relativen Armut liegt Luxemburg \u00fcber EU-Durchschnitt\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&#13;<br \/>\n            Tageblatt: In Ihrer <a href=\"https:\/\/liser.lu\/assets\/Poverty-trends-in-Luxembourg-1985-2023-A-race-between-the-middle-and-the-bottom-2026-01-en-2.pdf\" title=\"\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Studie<\/a> haben Sie herausgefunden, dass die Armutsgef\u00e4hrdungsquote in Luxemburg trotz hohen Wirtschaftswachstums von neun bis zehn Prozent im Jahr 1985 auf \u00fcber 18 Prozent im Jahr 2023 gestiegen ist, st\u00e4rker als in anderen vergleichbaren EU-Staaten. Was ist in den vergangenen 40 Jahren schiefgelaufen?  <\/p>\n<p>Alessio Fusco: In dieser Studie haben wir die Entwicklung der Armutsgef\u00e4hrdungsquote in Luxemburg \u00fcber vier Jahrzehnte hinweg analysiert. Der Schwellenwert dieser Quote liegt bei 60 Prozent des Medianeinkommens, also des Einkommens, das genau in der Mitte der Verteilung liegt. Die Ergebnisse zeigen, dass zwar alle Bev\u00f6lkerungsschichten vom starken Wirtschaftswachstum profitiert haben, die niedrigsten Einkommen jedoch weniger schnell gestiegen sind als die h\u00f6chsten. Seit 1985 sind die niedrigen Einkommen um etwa 50 Prozent gestiegen, das Medianeinkommen hat sich fast verdoppelt und die hohen Einkommen sind um 110 Prozent gestiegen. Ich w\u00fcrde also nicht sagen, dass etwas schiefgelaufen ist, sondern vielmehr, dass die Zahl der Menschen, die weit vom Medianeinkommen entfernt sind \u2013 also diejenigen, die von Armut bedroht sind \u2013, gestiegen ist. <\/p>\n<p>&#13;<br \/>\n            Wieso haben die hohen Einkommen st\u00e4rker vom Wirtschaftswachstum profitiert als die niedrigen?  <\/p>\n<p>Das Wirtschaftswachstum hat h\u00f6her qualifizierte und besser bezahlte Arbeitskr\u00e4fte angezogen, insbesondere im Finanz- und Dienstleistungssektor. Diese Arbeitskr\u00e4fte haben das Wachstum angekurbelt, was wiederum ihre L\u00f6hne in die H\u00f6he getrieben hat \u2013 schneller als die Geh\u00e4lter derjenigen am unteren Ende der Verteilung. <\/p>\n<p>&#13;<br \/>\n            In den letzten 40 Jahren sind aber auch viele Menschen mit niedrigem Einkommen nach Luxemburg eingewandert.  <\/p>\n<p>Die Situation ist nat\u00fcrlich differenzierter und tats\u00e4chlich spielt die Zusammensetzung der Bev\u00f6lkerung eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des Armutsrisikos. Unsere Simulationen zeigen, dass die Armut kaum zugenommen h\u00e4tte, w\u00e4re die Zusammensetzung der Bev\u00f6lkerung unver\u00e4ndert geblieben. Die Zuwanderung von Menschen mit niedrigem Einkommen \u2013 oder genauer gesagt mit geringem Bildungsniveau \u2013 ist ein weiterer Faktor, der den Anstieg der Armutsgef\u00e4hrdungsquote erkl\u00e4rt. <\/p>\n<p>            &#13;<br \/>\n              Seit 1985 sind die niedrigen Einkommen um 50 Prozent gestiegen, das Medianeinkommen hat sich verdoppelt und die hohen Einkommen sind um 110 Prozent gestiegen &#13;<\/p>\n<p>&#13;<br \/>\n            Eigentlich beschreiben Sie in Ihrer Untersuchung den Anstieg der Ungleichheiten, gebrauchen diesen Begriff jedoch nicht. Wieso nicht?  <\/p>\n<p>Relative Einkommensarmut und Ungleichheit sind unterschiedliche Konzepte. Das eine misst den Anteil der Personen am unteren Ende der Einkommensverteilung, die unter einer bestimmten Schwelle liegen, das andere ber\u00fccksichtigt die gesamte Verteilung. Beide Konzepte werden jedoch manchmal als eng miteinander verbunden angesehen. Wir dokumentieren hier speziell die relative Armut, die in Luxemburg st\u00e4rker gestiegen ist als in den f\u00fcnf anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, die wir zum Vergleich heranziehen. In Frankreich beispielsweise ist sie in den vergangenen 40 Jahren stabil geblieben. <\/p>\n<p>&#13;<br \/>\n            In Ihrer Untersuchung haben Sie herausgefunden, dass bestimmte Personengruppen in h\u00f6herem Ma\u00dfe vom Armutsrisiko betroffen sind. Um welche Gruppen handelt es sich?&#13;<br \/>\n            <br \/>Bei den unter 20-J\u00e4hrigen liegt die Armutsgef\u00e4hrdungsquote \u00fcber dem Durchschnitt und betr\u00e4gt seit 2008 mehr als 20 Prozent. Bei \u00e4lteren Menschen ist sie seit den 1990er Jahren hingegen zur\u00fcckgegangen. Das Alter ist jedoch nicht die Hauptursache f\u00fcr das Armutsrisiko. Zu den Risikogruppen z\u00e4hlen Alleinerziehende, Frauen, Personen ohne Hochschulabschluss und Nicht-Luxemburger. In bestimmten Altersgruppen kann das Armutsrisiko bei den Gruppen, die diese Merkmale vereinen, mehr als 250 Prozent \u00fcber dem nationalen Durchschnitt liegen. Bereits 1985 waren diese Risikogruppen bei Kindern zu finden. Seitdem haben sie sich auf alle Altersgruppen ausgeweitet. <\/p>\n<p>&#13;<br \/>\n            Wieso sind j\u00fcngere Menschen st\u00e4rker armutsgef\u00e4hrdet als Rentner? &#13;<br \/>\n            <br \/>Wir haben in unserer Studie aufgezeigt, dass die Renten schneller gestiegen sind als andere Einkommen. Das hat dazu beigetragen, das nationale Medianeinkommen und damit die Armutsgrenze anzuheben. Unsere Simulationen legen nahe, dass die Armutsquote junger Menschen heute um etwa f\u00fcnf Prozentpunkte niedriger w\u00e4re, wenn die Renten genauso stark gestiegen w\u00e4ren wie andere Einkommen. Das ist keine Kritik an der Rentenpolitik, sondern ein Beispiel daf\u00fcr, dass in einem System relativer Armut die Verbesserung der Situation einer Gruppe statistisch gesehen die einer anderen verschlechtern kann. <\/p>\n<p>            &#13;<br \/>\n              <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Anders-als-in-Luxemburg-ist-in-Frankreich-die-relative-93951.jpg\" title=\"\u201eBei der relativen Armut liegt Luxemburg \u00fcber EU-Durchschnitt\u201c \" alt=\"Diagramm zeigt stabile relative Armut in Frankreich im Vergleich zu sinkender Armut in Luxemburg \u00fcber 40 Jahre\" class=\"img-responsive\"\/>&#13;<br \/>\n              &#13;<\/p>\n<p class=\"image-caption\">Anders als in Luxemburg ist in Frankreich die relative Armut in den vergangenen 40 Jahren stabil geblieben Grafik: Liser<\/p>\n<p>&#13;<br \/>\n              &#13;<\/p>\n<p>&#13;<br \/>\n            Neben der Armutsgef\u00e4hrdungsquote berechnet das Statec seit einigen Jahren noch andere Indikatoren, beispielsweise zu materieller und sozialer Deprivation, das Referenzbudget, die anhaltende oder mehrdimensionale Armut, die die Armutsrate sinken l\u00e4sst. Gibt die Armutsgef\u00e4hrdungsquote, auf die Sie sich in Ihrer Untersuchung berufen, ein verzerrtes oder falsches Bild der Armutslage in Luxemburg wieder?  <\/p>\n<p>Armut ist ein komplexes und vielschichtiges Ph\u00e4nomen. Es gibt verschiedene Methoden, sie zu messen, sei es anhand monet\u00e4rer oder nicht monet\u00e4rer, relativer oder eher absoluter Ans\u00e4tze. Was die relative monet\u00e4re Armut betrifft, die Gegenstand unserer Untersuchung ist, liegt die Quote in Luxemburg \u00fcber dem europ\u00e4ischen Durchschnitt. Bei der schweren materiellen Deprivation weist Luxemburg hingegen eine Quote von etwa zwei bis drei Prozent auf, eine der niedrigsten in der EU. Die Armutsgef\u00e4hrdungsquote vermittelt kein verzerrtes Bild; sie zeigt, dass es Menschen gibt, die weiter vom Medianeinkommen entfernt sind. Dies stellt ein potenzielles Risiko finanzieller Schwierigkeiten dar, das es zu beobachten gilt. <\/p>\n<p>            &#13;<br \/>\n              Der luxemburgische Arbeitsmarkt ist segmentiert: auf der einen Seite hochqualifizierte und gut bezahlte Arbeitspl\u00e4tze, auf der anderen geringqualifizierte Jobs, bei denen der Wettbewerb mit Grenzg\u00e4ngern stark ist &#13;<\/p>\n<p>&#13;<br \/>\n            Die Regierung hat vor einigen Monaten einen nationalen Aktionsplan zur Armutsbek\u00e4mpfung vorgelegt. Reichen die darin enthaltenen Ma\u00dfnahmen Ihrer Ansicht nach aus, um das Armutsrisiko zu senken? <\/p>\n<p>Das wird die Zukunft zeigen. Es ist bereits positiv zu bewerten, dass die Regierung einen solchen Plan ausgearbeitet hat. Das Liser hat diesen Prozess \u00fcbrigens wissenschaftlich begleitet. Unsere Ver\u00f6ffentlichung schlie\u00dft mit dem Hinweis auf den notwendigen Policy-Mix im Kampf gegen die Armut \u2013 kurzfristige Ma\u00dfnahmen zur St\u00e4rkung der Einkommensuntergrenze sowie langfristige Investitionen in Bildung und Kinderbetreuung. Viele Ma\u00dfnahmen des nationalen Aktionsplans gehen in diese Richtung. Die Tatsache beispielsweise, dass der k\u00fcrzlich angek\u00fcndigte \u201ecompl\u00e9ment de vie ch\u00e8re\u201c nur einmal beantragt werden muss und den Revis-Empf\u00e4ngern automatisch ausgezahlt wird, beseitigt ein Element der Stigmatisierung und sorgt f\u00fcr Vereinfachung. Positiv ist auch, dass der Plan eine Evaluierung vorsieht, um zu verstehen, was funktioniert und was nicht. <\/p>\n<p>&#13;<br \/>\n            Bei den Working Poor, den Menschen, die trotz Arbeit armutsgef\u00e4hrdet sind, liegt Luxemburg europaweit an erster Stelle. Im nationalen Aktionsplan kommen diese Menschen nicht vor. Wie erkl\u00e4ren Sie sich das?  <\/p>\n<p>Es stimmt, dass Arbeit heute weniger Schutz vor Armut bietet als fr\u00fcher, doch wir haben dieses Ph\u00e4nomen in unserer Studie nicht speziell untersucht. Der luxemburgische Arbeitsmarkt ist unter anderem dadurch gekennzeichnet, dass er segmentiert ist: auf der einen Seite hochqualifizierte und gut bezahlte Arbeitspl\u00e4tze, auf der anderen Seite geringqualifizierte Arbeitspl\u00e4tze, bei denen der Wettbewerb mit Grenzg\u00e4ngern \u2013 die in unseren Statistiken nicht erfasst sind \u2013 stark ist. Man muss auch bedenken, dass die Armutsgrenze in Luxemburg im Vergleich zu den Nachbarl\u00e4ndern sehr hoch ist \u2013 gerade weil das Medianeinkommen hier h\u00f6her ist. <\/p>\n<p>&#13;<br \/>\n            Gewerkschaften und linke Parteien kritisieren, dass es statt einer Almosenpolitik strukturelle Reformen wie eine Erh\u00f6hung des Mindestlohns und steuerliche Umverteilung br\u00e4uchte. W\u00e4ren solche Reformen in Ihren Augen effizienter? &#13;<br \/>\n            <br \/>Eine Erh\u00f6hung des Mindestlohns h\u00e4tte wahrscheinlich einen mechanischen Effekt, da sie die Niedrigl\u00f6hne direkt anheben w\u00fcrde. Ihre Gesamtwirkung auf die Armutsbek\u00e4mpfung bliebe jedoch wegen ihrer Auswirkungen auf andere Variablen wie die Besch\u00e4ftigung ungewiss. Was die Umverteilung betrifft, scheint die gezielte Ausrichtung wichtig zu sein. Bei gleichem Budget sind gezielte Transferleistungen an Haushalte mit niedrigem Einkommen wirksamer als universelle Leistungen \u2013 vorausgesetzt, man beherrscht die Nichtinanspruchnahme, die Stigmatisierung und die negativen Anreize zur Arbeit. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"&#13; Tageblatt: In Ihrer Studie haben Sie herausgefunden, dass die Armutsgef\u00e4hrdungsquote in Luxemburg trotz hohen Wirtschaftswachstums von neun&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":6131,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[1393,1303,5,1394],"class_list":{"0":"post-6130","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-luxemburg","8":"tag-alessio-fusco","9":"tag-armut","10":"tag-luxemburg","11":"tag-philippe-van-kerm"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@lu_de\/116436121971343534","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6130","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6130"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6130\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6131"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6130"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6130"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/lu-de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6130"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}